Wie Doppelmoral, Kollektivwärme, Nudging, narrative Scheibchenbildung und Komplexitätsdruck die klassische Massenpsychologie in die Spätmoderne verlängern
Le Bons Massenpsychologie, sauber aufgearbeitet, erklärt noch nicht, warum moderne Gesellschaften unter Krisendruck mit einer solchen Zähigkeit in Fehlformen verharren. Genau an dieser Stelle beginnt der zweite Teil dieser Serie. Und genau hier lohnt es sich erneut, Annette Heinisch1 ausdrücklich zu nennen. Sie hat mich persönlich und dankenswerterweise auf ihr thematisch ergänzendes Werk hingewiesen. Heinisch hat den historischen, ideologischen und gegenaufklärerischen Oberbau des Problems über Jahre hinweg publizistisch freigelegt. Meine eigenen Texte setzen den Schwerpunkt nun deutlicher auf die psychologischen und institutionellen Anschlussmechanismen der Spätmoderne. Darin liegt keine Konkurrenz, sondern gewissermassen Arbeitsteilung ohne Abstimmung. Sie rekonstruiert scharf den alten Komplex aus Masse, Propaganda, politischer Religion und moralischer Entgrenzung. Ich verfolge, wie dieselben Grunddynamiken in scheinbar rationalisierten Ordnungen weiterlaufen, ohne dass noch ein klassischer Mob auf dem Platz stehen müsste.2 3 4 5 6
Teil 1 hat den genealogischen Unterbau gelegt: Le Bon, Heinisch, Prestige, Suggestion, Bildmacht, religiöse Form des Politischen. Teil 2 fragt nun präziser: Wie wird aus klassischer Massensuggestion in modernen, bürokratisch, therapeutisch und verhaltensökonomisch überformten Gesellschaften ein stabiles Anschlussgefüge? Die These dieses Beitrags lautet, dass moderne Krisenordnungen nicht primär durch offenen Zwang und grobschlächtige Propaganda stabilisiert werden. Sie stabilisieren sich durch eine raffiniertere Kombination aus moralischer Selbstentlastung, emotionaler Kollektivbindung, sanfter Verhaltenslenkung, narrativer Aufschiebung und kognitiver Degradation unter Komplexitätsdruck. Diese Mechanismen greifen ineinander. Sie ersetzen den alten Führer nicht, aber sie machen ihn weniger notwendig. Der Apparat muss nicht mehr brüllen, wenn die Menschen gelernt haben, sich selbst psychisch, sozial und administrativ in die gewünschte Form zu bringen.7 8 9 10 11 12
Der Ausgangspunkt ist unspektakulär schlicht. Menschen wissen oft mehr, als sie praktisch umsetzen. Zwischen moralischem Wissen und moralischer Selbstanwendung liegt ein Spalt, der grösser ist als die zivilisierte Fassade moderner Gesellschaften es wahrhaben will. In meinem Text über Doppelmoral habe ich diesen Spalt nicht als blossen Charakterfehler beschrieben, sondern als funktionale Sollbruchstelle. Wissen kann intakt sein, Verhalten dennoch kippen. Normrepräsentation und Normvollzug sind nicht identisch. Gerade unter sozialem Druck, Identitätsbindung und Selbstschutzkosten können Menschen moralische Prinzipien deklarativ bejahen und zugleich operativ suspendieren. Doppelmoral ist dann nicht einfach Ignoranz, sondern selektive Selbstentlastung bei erhaltener Normkenntnis. Das entschuldigt nichts. Es erklärt aber mehr als die bequeme These, die Leute hätten einfach nichts gewusst.13
Diese funktionale Lesart ist entscheidend, weil sie den moralischen Spott durch ein psychologisch härteres Verständnis ersetzt. Konsistentes Handeln kostet. Es kostet Status, Zugehörigkeit, Reibungstoleranz, kognitive Energie und manchmal auch biographische Sicherheit. Deklarative Moral ist billig. Selbstanwendung ist teuer. Wer das unterschätzt, versteht weder den Konformismus des Alltags noch die Stabilität von Krisenmilieus. Das Kollektiv belohnt nicht zuerst Konsistenz, sondern Anschlussfähigkeit. Wer die richtige Losung spricht, bekommt soziale Wärme auch dann, wenn sein Verhalten selektiv, opportunistisch oder grausam ist. In dieser Spannung zwischen Symbolmoral und operativer Ausnahme sitzt der moderne Mensch wie in einer schlecht konstruierten, aber erstaunlich langlebigen Halterung.14 15
Damit ist bereits das zweite Element erreicht: die Wärme des Kollektivismus. Der grosse Fehler vieler Freiheitsfreunde besteht darin, Kollektivismus bloss als Zwang oder bloss als Ideologie zu lesen. Er ist auch psychische Belohnung. In meinem entsprechenden Beitrag habe ich ihn deshalb nicht als kaltes Herrschaftsinstrument, sondern als warmes politisches Versprechen beschrieben: als Entlastung, als Zugehörigkeit, als Erlaubnis, die Zumutung der Wirklichkeit nicht mehr selbst prüfen zu müssen. Genau darin liegt seine eigentliche Attraktivität. Das Kollektiv liefert nicht nur Regeln, sondern Temperatur. Es ersetzt die mühsame Eigenprüfung durch Milieuklima. Was innerhalb des „Wir“ warm codiert ist, erscheint gut. Was kalt wird, erscheint verdächtig.16
Diese Wärme ist keine metaphysische Nebelsuppe, sondern sozialpsychologisch anschlussfähig. Hogg und die uncertainty identity Forschung zeigen seit langem, dass Selbstunsicherheit die Identifikation mit Gruppen fördert und dass Menschen unter hoher Unsicherheit besonders zu klar konturierten, hoch entitativen Gruppen tendieren. Meta analytische und theoretische Arbeiten bestätigen, dass Selbstunsicherheit Gruppenbindung verstärken kann und dass unsichere Menschen besonders empfänglich für einfache, homogene, unzweideutige Zugehörigkeitsangebote werden. Damit bekommt die Wärme des Kollektivismus einen nüchternen Unterbau. Sie ist nicht bloss Gefühl, sondern eine Form der Unsicherheitsregulation. Das erklärt, warum diffuse Bedrohungslagen nicht nur Angst erzeugen, sondern auch Bindungslust. Man will nicht nur sicher sein. Man will aufgehoben, entlastet und moralisch bestätigt werden.17 18
An dieser Stelle berührt sich meine Sprache mit Mattias Desmets Modell, ohne mit ihm deckungsgleich zu werden. Desmet beschreibt Massenbildung stärker von der affektiven Seite her. In der Kurzfassung seines Buches treten vier Bedingungen hervor: soziale Isolation, Sinnverlust, frei flottierende Angst und frei flottierende Frustration oder Aggression; hinzu kommt ein konsistentes Narrativ, das diese ungebundene psychische Energie kanalisiert. Der Reiz seines Modells liegt darin, dass es die Krise nicht zuerst als Informationsproblem, sondern als Bindungsproblem liest. Angst ohne Objekt ist schwer zu regulieren. Ein Narrativ, das dem Unbehagen ein Ziel, einen Feind und einen Handlungsrahmen gibt, wirkt deshalb entlastend. Zugleich ist zu markieren, dass Desmets Theorie nicht als unstrittige Leitwährung behandelt werden darf. Dass inzwischen ein Band mit kritischen Repliken aus unterschiedlichen wissenschaftlichen und philosophischen Richtungen erschienen ist, zeigt bereits die offene Debattenlage.19 20
Meine eigene Weiterführung in „Von Pauli, Desmet, Filtern, Rausch, Attraktoren, Nullpunktsenergie“ 21 bewegt sich auf einer anderen Erklärungsebene. Dort habe ich nicht behauptet, Desmet habe nun die Endformel der Massenbindung geliefert. Ich habe seine frei flottierende Angst vielmehr als Ausgangspunkt genommen und sie mit heuristischen Metaphern aus Signalverarbeitung, Dynamik und Systemtheorie ergänzt. Mein Filterbegriff beschreibt, wie Wahrnehmung und Deutung unter narrativer Dominanz umkalibriert werden. Mein Rauschbegriff beschreibt die Selbstinduktion eines Zustands, in dem Zugehörigkeit, moralische Selbstaufwertung und Angstregulation zusammenfallen. Mein Attraktorbegriff beschreibt die Tendenz, in energetisch billige, dissonanzarme Zustände zu kippen, in denen Komplexität reduziert und Abweichung verteuert wird. Das ist keine Psychologie im strengen experimentellen Sinn, sondern modellierende Metasprache.22
Gerade diese Ebenentrennung macht Desmet für Teil 2 brauchbar. Sein Modell beleuchtet die affektive Versiegelung. Menschen mit diffuser Angst, Sinnmangel und sozialer Vereinzelung greifen nach einem geschlossenen Narrativ, weil es Angst bindet und Zugehörigkeit erzeugt. Meine Filter und Rauschmetaphorik beschreibt, wie sich diese Bindung im Wahrnehmungsapparat und in der Selbstdeutung stabilisiert. Sobald der wichtigste Parameter nicht mehr „stimmt“ oder „stimmt nicht„, sondern „passt zum Narrativ“ oder „gefährdet Zugehörigkeit“ lautet, verschiebt sich die gesamte kognitive Architektur. Kritik bedroht dann nicht bloss ein Argument, sondern das psychische Regulativ, das Angst senkt und Identität stützt. Genau deshalb wirken Fakten in solchen Lagen so oft wie Watte gegen Stahlbeton.23 24
Von hier ist der Schritt zu Nudging und Sludging kleiner, als der harmlose Ton dieser Begriffe vermuten lässt. Thaler, Sunstein und Balz definieren Choice Architecture als Gestaltung der Wahlumgebung, innerhalb derer Entscheider handeln; Ziel des Nudging ist es, Menschen in eine Richtung zu lenken, ohne Optionen formal zu streichen oder bestimmte Ergebnisse zu erzwingen. Sunstein fasst sludge komplementär als übermässige oder ungerechtfertigte Friktionen, Papierlasten, Wartezeiten und Hürden, die Zeit und Geld kosten, stigmatisieren oder den Zugang zu Gütern, Diensten und Rechten faktisch blockieren. Diese Begriffe stammen aus der Verhaltensökonomie, aber ihre politische Wirksamkeit endet nicht beim Formular. Sie betreffen die Architektur des Gehorsams.25 26
In meinem Text zu Nudging und Sludging habe ich versucht, diesen Punkt zuzuspitzen. Die eigentliche Wucht entsteht nicht bloss aus negativen Sanktionen, sondern aus der Kopplung von Drohung und Adelung. Wer das moralisch Richtige tut, gehört dazu. Wer es nicht tut, gefährdet andere. Die Kommunikation informiert dann nicht nur, sie verwaltet Charakter. Reibung und moralische Rahmung arbeiten zusammen. Der Bürger wird nicht allein durch Verbot gelenkt, sondern durch eine Umgebung, in der der gewünschte Pfad sozial warm, administrativ leicht und symbolisch ehrenhaft erscheint, während Abweichung kalt, umständlich, beschämend und verdächtig wirkt. Genau dadurch dringen Krisenlogiken tief ein. Nicht als offener Befehl, sondern als Struktur, in der das Falsche teuer und das Falsche zugleich tugendhaft erscheint, sofern es im richtigen Gewand kommt.27 28 29
Die spätmoderne Variante der Massenpsychologie läuft daher nicht nur über Führer, Plakate und Parolen. Sie läuft über Interfaces. Über Defaults, Wartezeiten, Zugangshürden, administrative Unübersichtlichkeit, moralisch markierte Pfade und soziale Sanktionen. Die klassische Propaganda sagte: Folge. Die moderne Entscheidungsarchitektur sagt: Du bist frei, aber jede Umgebungseigenschaft wurde so gebaut, dass die erwünschte Wahl kognitiv, emotional und organisatorisch am billigsten ist. Das macht sie nicht milder, sondern schwerer erkennbar. Unter Krisenbedingungen wird daraus ein Tiefencode des Gehorsams. Menschen erleben das System dann nicht einmal als äusseren Zwang, sondern als vernünftige, sozial erwartbare und psychisch entlastende Welt.30
Damit allein wäre jedoch noch nicht erklärt, warum Apparate und Milieus ihre Fehler so hartnäckig konservieren, selbst wenn Widersprüche, Schäden und Ausnahmen längst sichtbar sind. Hier setzt meine „Hilbert Salami“ 31 an. Die Metapher spielt mit Hilberts Hotel und der Struktur der unendlichen Verschiebung. Nicht nur das Problem wird scheibchenweise zerlegt. Das versprochene, überprüfbare Ergebnis selbst rückt mit jeder neuen Scheibe weiter in die Zukunft. Aus Ziel wird Zwischenziel, aus Zwischenziel Auftakt, aus Auftakt Signal, aus Signal Arbeitsgruppe, aus Arbeitsgruppe Evaluationsphase. Die Geschichte endet nie. Sie verlängert sich bloss. Gerade darin liegt ihre Macht. Sie verhindert die saubere Endabrechnung, ohne offen zu sagen, dass sie nie liefern wird.
Die moralische Raffinesse der Hilbert Salami besteht darin, Verantwortung zu entmoralisiertem Zeitmanagement umzubauen. Wer früh Kritik übt, gilt als voreilig, weil das Ergebnis ja noch komme. Wer spät Kritik übt, gilt als undankbar, weil doch bereits Schritte unternommen wurden. So zerschneidet der Apparat seinen Systemfehler in immer dünnere Scheiben, bis keine einzelne Scheibe mehr gross genug erscheint, um als Ganzer verurteilt zu werden. Die Integrität des Apparats bleibt künstlich stabilisiert, weil nie der vollständige Fehler als vollständiger Fehler anerkannt werden muss. Die Salamitaktik ist alt. Die Hilbert Salami ist ihr mathematisch verfeinerter Vetter. Sie verschiebt nicht nur den Abschluss. Sie baut Unabschliessbarkeit als Betriebsmodus ein.
Damit wird sichtbar, wie
- Doppelmoral,
- Kollektivwärme,
- Choice Architecture und
- narrative Scheibchenbildung
sich gegenseitig stützen.
- Doppelmoral erlaubt deklaratives Festhalten an Normen bei operativer Ausnahme.
- Kollektivwärme entschädigt psychisch für die Aufgabe eigenständiger Prüfung.
- Nudging und Sludging gestalten die Verhaltenspfade so, dass Anpassung leicht und Abweichung teuer wird.
- Die Hilbert Salami zerlegt Verantwortung so fein, dass die moralische Integrität des Apparats nie als Ganzes zur Disposition steht.
Wer das alles nur als Propaganda bezeichnet, beschreibt den Rauch und übersieht die Maschine.
Doch selbst diese Maschine erklärt noch nicht alles. Sie setzt eine kognitive Verwundbarkeit voraus, die in Krisen und komplexen Lagen systematisch zunimmt. An dieser Stelle ist Dietrich Dörner für diese Serie nicht Beiwerk, sondern Korrektivstein. Seine Forschung zum komplexen Problemlösen lenkte den Blick weg von kleinen, sauberen, statischen Laboraufgaben hin zu realitätsnäheren, dynamischen, vernetzten, intransparenten und mehrzieligen Problemsituationen. In der neueren Rückschau auf dieses Forschungsfeld werden als typische Merkmale komplexer Systeme Komplexität, Vernetztheit, Dynamik, Intransparenz und Polytelie genannt. Genau dadurch unterscheiden sich echte Problemlagen von hübschen Prüfungsaufgaben.32
Das Entscheidende an Dörner liegt jedoch nicht nur in der Beschreibung des Problems, sondern in der Beschreibung dessen, was das Problem mit dem Denken macht. Die Frontiers Übersicht zu Dörners Forschung benennt als erstes spezifisches Phänomen die „emergency reaction of the intellectual system„. Unter Komplexitätsdruck sinkt nicht bloss die Leistung. Die Denkform verändert sich. Selbstreflexion nimmt ab, Stereotypisierung nimmt zu, die Bereitschaft zu schneller, riskanter Aktion steigt, Hypothesen werden gröber, Hypothesentests seltener, Ziele entkontextualisiert. Kognition, Emotion und Motivation verschränken sich unter Druck zu einem Modus, der Vereinfachung nicht nur begünstigt, sondern subjektiv plausibel erscheinen lässt. Das ist für die Krisenpsychologie von enormem Gewicht. Es bedeutet, dass unter Überforderung nicht nur falsche Inhalte geglaubt werden. Das Instrument des Glaubens selbst wird gröber.33
Hier trifft Dörner den spätmodernen Mittelbau mit einer Präzision, die weder Le Bon noch Desmet in dieser Form leisten. Le Bon erklärt die klassische Vereinfachung der Masse. Desmet beschreibt stärker die affektive Versiegelung und Sinnbindung. Dörner zeigt, wie die operative Denkform unter Bedingungen von Dynamik, Intransparenz und Zielkonflikt vergröbert. Das ist keine kleine Differenz. Denn daraus folgt, dass moderne Krisen nicht nur psychologisch oder ideologisch schief laufen, sondern auch kognitiv strukturell degradiert werden. Menschen greifen dann nicht bloss aus Bosheit zu groben Erklärungen. Sie tun es, weil Komplexitätsdruck das Denken selbst in Notbetrieb versetzt.
Komplexe Probleme sind dynamisch, vernetzt, intransparent und mehrzielig; Fehlleistungen entstehen nicht einfach aus „zu wenig Intelligenz„, sondern aus dem Zusammenspiel von Kognition, Motivation und Emotion; und der Gruppenbereich verschärft das Problem noch einmal, weil zur individuellen Überforderung Prozessanforderungen höherer Ordnung hinzutreten. Das passt nicht als Deko in diesen Beitrag. Es ist einer seiner tragenden Befunde. Denn moderne Anschlussmechanismen wirken gerade deshalb so robust, weil sie an Menschen und Teams andocken, deren Problemlösekapazität unter komplexen Bedingungen bereits degradiert ist. Die Vereinfachung wird dann nicht von aussen aufgepfropft. Sie wird innerlich funktional.
Noch deutlicher wird das im Teambereich. Forschung zu komplexem Problemlösen in Teams mit der Mikrowelt C³Fire zeigt, dass weder Vertrauen noch Kohäsion die Leistung in komplexen Umwelten direkt erklären; ausschlaggebend ist vielmehr collective orientation, vermittelt über tatsächliche Koordination. Übersetzt in weniger akademisches Deutsch: nette Stimmung löst keine komplexen Probleme. Harmonie ersetzt keine operative Güte. Eine Gruppe kann moralisch hoch aufgeladen, emotional eng gebunden und rhetorisch eindrucksvoll sein und dennoch scheitern, wenn sie nicht sauber koordiniert, Informationen integriert, Gegenpositionen verarbeitet und ihr Modell revidiert. Gruppenversagen ist daher oft kein blosses Aggregat individueller Fehler, sondern ein Prozessfehler höherer Ordnung. Genau diese Einsicht bildet die Brücke zu Teil 3 der Serie, ohne ihn hier bereits zu schreiben.34
Dörners Relevanz liegt somit nicht in irgendeiner heroischen Führerlehre, sondern im Gegenteil in ihrer Entzauberung. Komplexes Problemlösen hängt nicht primär daran, wer am klügsten klingt oder am charismatischsten auftritt. Es hängt an der Fähigkeit, Hypothesen tragfähig zu bauen, Zielkonflikte auszuhalten, Nebenfolgen mitzudenken, Feedback ernst zu nehmen und Koordination so zu organisieren, dass nicht Meinungssynchronisation, sondern Problemlösung entsteht. Wer Krisen nur moralisch rahmt, wird an diesem Punkt blind. Wer sie nur institutionell rahmt, ebenso. Der psychologisch operative Mittelbau liegt dazwischen.
Damit lässt sich die innere Bewegung dieses zweiten Teils präzise zusammenziehen.
- Doppelmoral erklärt, warum Wissen und Verhalten auseinanderfallen können, ohne dass der Akteur sich selbst als Heuchler erleben muss.
- Wärme des Kollektivismus erklärt, warum Zugehörigkeit, Entlastung und moralische Selbstaufwertung so starke psychische Lockstoffe sind.
- Nudging und Sludging erklären, wie Verhaltenslenkung tief in Alltagsentscheidungen und Krisenmilieus einsickert, ohne wie offener Zwang auszusehen.
- Die Hilbert Salami erklärt, wie Verantwortung in immer feinere Scheiben zerlegt wird, bis der Systemfehler als ganzer unsichtbar wird.
- Desmet erklärt stärker die Bindung diffusen Unbehagens an Narrativ und Gemeinschaft.
- Meine Filter, Rausch und Attraktor-Metaphern beschreiben heuristisch, wie diese Bindung im Wahrnehmungs- und Deutungsapparat stabilisiert wird.
- Dörner liefert den kognitiven Korrektivstein: Unter Komplexitätsdruck kippt nicht nur die Meinung, sondern die Form des Denkens.
Moderne Gesellschaften funktionieren in Krisen nicht mehr bloss über Einschüchterung, Polizeibild und primitive Parole. Sie funktionieren über Anschlussmechanismen. Über Moral und Selbstentlastung. Über Zugehörigkeit und Feindbildklarheit. Über Reibung und Erleichterung. Über narrative Zersplitterung. Über kognitive Überforderung. Über die psychische Erfahrung, dass Unterwerfung sich warm anfühlt und Widerspruch kalt. Erst aus diesem Bündel wird ein stabiler Gesamtmodus. Der Mob verschwindet nicht. Er verfeinert sich.
- Teil 3 wird die nächste Schwelle überschreiten und zeigen, wie diese Mechanismen nicht nur in Köpfen, sondern in Teams, Apparaten und Institutionen weiterwirken.
- Teil 4 wird die Rekonstruktionsfrage in den Blick nehmen.
- Teil 5 wird das Betriebssystem der Vereinfachung als Gesamtarchitektur sichtbar machen.
- Teil 6 wird die Frage nach dem freiheitlichen Verfassungsminimum und seinen Grenzen aufnehmen.
Nach diesem zweiten Teil sollte immerhin eines klar sein: Die alte Massenpsychologie stirbt in der Spätmoderne nicht. Sie lernt nur, Formulare auszufüllen, Feedbackschleifen zu simulieren und ihre Gewalt als Fürsorge zu verkleiden.
Bisher veröffentlicht
- Teil 1 – Le Bon, Heinisch und die Psychologie der Vereinfachung
- Teil 2 – Le Bon und die modernen Anschlussmechanismen
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Quellen
- https://www.achgut.com/autor/heinisch ↩︎
- Marc Weidner, „Le Bon, Heinisch und die Psychologie der Vereinfachung“, CenturionBlog, 1. Mai 2026. https://coresecret.eu/2026/05/01/le-bon-heinisch-und-die-psychologie-der-vereinfachung/ ↩︎
- Annette Heinisch, „Gemeinschaftsseele? Nein danke!“, Achgut, zur psychologischen Masse, zur schwindenden bewussten Persönlichkeit, zur Verantwortungslosigkeit des Kollektivs, zur Macht von Worten und Bildern sowie zur Le Bon Lektüre als Gegenwartsdiagnose. https://www.achgut.com/artikel/gemeinschaftsseele_nein_danke ↩︎
- Annette Heinisch, „Von Propaganda zur Polit PR“, Achgut, zur Fortführung von Le Bons Massenpsychologie über Bernays und moderne Propagandatechniken bis hin zu PR, Multiplikatoren und politischer Lenkung. https://www.achgut.com/artikel/manipulation_der_massen_teil_2 ↩︎
- Annette Heinisch, „Der Erfolg der Gegenaufklärung – und was man dagegen tun kann“, Achgut, als Gegenaufklärungs und Manipulationsdiagnose mit Hinweis auf die begrenzte Formbarkeit tieferer kollektiver Grundeinstellungen. https://www.achgut.com/artikel/der_erfolg_der_gegenaufklaerung_und_was_man_dagegen_tun_kann ↩︎
- Annette Heinisch, „Die Bekämpfung des Bösen als Erlösung“, Achgut, zur religiösen Form politischer Massenbewegungen, zu säkularen Heilslehren, Gut Böse Erzählungen und der totalen moralischen Entgrenzung des Politischen. https://www.achgut.com/artikel/die_bekaempung_des_boesen_als_erloesung ↩︎
- Siehe Fn. 2. ↩︎
- Marc Weidner, „Von Doppelmoral, Wissen und Umsetzung“, CenturionBlog, 25. März 2026. https://coresecret.eu/2026/03/25/von-doppelmoral-wissen-und-umsetzung/ ↩︎
- Marc Weidner, „Vom Sein. Von der Wärme des Kollektivismus.“, CenturionBlog, 28. März 2026. https://coresecret.eu/2026/03/28/vom-sein-von-der-waerme-des-kollektivismus/ ↩︎
- Marc Weidner, „Von Nudging und Sludging“, CenturionBlog, 31. März 2026. https://coresecret.eu/2026/03/31/von-nudging-und-sludging/ ↩︎
- Marc Weidner, „Die Hilbert Salami. Von unendlichen Geschichten.“, CenturionBlog, 3. April 2026. https://coresecret.eu/2026/04/03/die-hilbert-salami-von-unendlichen-geschichten/ ↩︎
- Marc Weidner, „Von Pauli, Desmet, Filtern, Rausch, Attraktoren, Nullpunktsenergie. Vom Totalitarismus“, CenturionBlog, 9. Dezember 2025. https://coresecret.eu/2025/12/09/von-pauli-desmet-filtern-rausch-attraktoren-nullpunktsenergie-vom-totalitarismus/ ↩︎
- Siehe Fn. 8. ↩︎
- Siehe Fn. 8. ↩︎
- Siehe Fn. 9. ↩︎
- Siehe Fn. 9. ↩︎
- Siehe Fn. 9. ↩︎
- Michael A. Hogg, „Uncertainty Identity Theory“, 2017, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/9781118783665.ieicc0177 ; Eugene U. Choi und Michael A. Hogg, „Self uncertainty and group identification: A meta analysis“, 2020, https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1368430219846990 ; Michael A. Hogg, „Seeking certainty“, 2022, https://sydneysymposium.unsw.edu.au/2022/chapters/HoggSSSP2022.pdf. ↩︎
- Mattias Desmet, The Psychology of Totalitarianism, Chelsea Green, 2022, zur Modellskizze von Isolation, Sinnverlust, frei flottierender Angst und narrativer Kanalisierung. https://www.chelseagreen.com/product/the-psychology-of-totalitarianism/?srsltid=AfmBOoq2IqQ1NUg1TA9M11hqdbnuEBlHkhQ9-zv-EBXAFrtMlwuzHeti ↩︎
- Ray Scott Percival, Hrsg., Mattias Desmet: Critical Responses, Carus Books, 2025, als Beleg der offenen wissenschaftlichen Debattenlage um Desmets Theorie. https://philpapers.org/rec/PERMDC-6 ↩︎
- Siehe Fn. 12. ↩︎
- Siehe Fn. 12. ↩︎
- Siehe Fn. 12. ↩︎
- Siehe Fn. 19. ↩︎
- Richard H. Thaler, Cass R. Sunstein, John P. Balz, „Choice Architecture“, SSRN/Harvard Public Law Working Paper, 2010. https://papers.ssrn.com/sol3/Delivery.cfm/SSRN_ID1583509_code1460474.pdf?abstractid=1583509&mirid=1&type=2 ↩︎
- Cass R. Sunstein, „Sludge Audits“, Behavioural Public Policy 6(4), Cambridge University Press, online 2020; ergänzend „Sludge and Ordeals“, Duke Law Journal 68(8), 2019. https://doi.org/10.1017/bpp.2019.32 ↩︎
- Siehe Fn. 10. ↩︎
- Siehe Fn. 25. ↩︎
- Siehe Fn. 26. ↩︎
- Siehe Fn. 25. ↩︎
- Siehe Fn. 11. ↩︎
- Dietrich Dörner, Andreas Fischer und Daniel V. Holt, „Complex Problem Solving: What It Is and What It Is Not“, Frontiers in Psychology 8, 2017. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2017.01153/full ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Verena Hagemann und Kollegen, „Complex Problem Solving in Teams: The Impact of Collective Orientation on Team Process Demands“, Frontiers in Psychology 8, 2017. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2017.01730/full ↩︎
Changelog
| 01.05.2026 | Ergänzung: „Teil 6 wird die Frage nach dem freiheitlichen Verfassungsminimum und seinen Grenzen aufnehmen.“ |
