Wärme ist ein gefährliches politisches Versprechen. Sie kommt selten als offener Zwang daher. Sie kommt als Entlastung. Als Zugehörigkeit. Als Erlaubnis, nicht mehr jede Zumutung der Wirklichkeit selbst prüfen zu müssen. Als sanfte Einladung, den eigenen Zweifel gegen das angenehmere Gefühl einzutauschen, Teil eines moralisch aufgeladenen Wir zu sein. Genau darin liegt die eigentliche Attraktivität des Kollektivismus. Nicht zuerst in seiner Theorie, nicht in seinem ökonomischen Programm, nicht einmal in seiner Gewalt. Sondern in seiner psychischen Temperatur. Er bietet Wärme dort, wo Freiheit Kälte, Reibung, Ambivalenz und Verantwortung verlangt.1
In meinem Beitrag über Pauli, Desmet, Filter, Rausch, Attraktoren und Nullpunktsenergie habe ich dieses Muster als Kombination aus frei flottierender Angst, narrativer Bindung, filterverschobener Wahrnehmung, steganographischer Metabotschaft und totalitärem Attraktor beschrieben. Die Kernthese lautete nicht, dass Gesellschaften plötzlich kollektiv verrückt werden. Die These lautete nüchterner und beunruhigender: Unter Bedingungen von Vereinzelung, Sinnentleerung und diffuser Bedrohung steigt die Attraktivität geschlossener Narrative, weil sie Angst binden, Zugehörigkeit erzeugen und die Kosten des eigenständigen Urteilens senken. Desmet gab dieser Konstellation eine Sprache, ich habe sie mit Begriffen aus Signalverarbeitung, Informatik und Dynamik ergänzt.
Die Literatur, die sich an diese Thesen anschliessen lässt, bestätigt nicht das gesamte Paket als fertige Einheitslehre. Das wäre zu bequem und unredlich. Sie stützt aber mehrere der tragenden Mechanismen erstaunlich robust. Michael Hogg und Kollegen zeigten experimentell, dass Selbstunsicherheit die Identifikation mit stark entitativen, klar konturierten Gruppen erhöht. Eine spätere Meta-Analyse über 35 Studien bestätigt diesen Zusammenhang und quantifiziert ihn, je nach Operationalisierung, mit kleinen bis moderaten Effekten. Der Befund ist trivial und fundamental zugleich: Wer sich seiner selbst unsicher wird, sucht Halt nicht selten in Gruppen, die klare Grenzen, klare Prototypen und klare Feindbilder liefern. Genau dort beginnt die Wärme.2
Diese Wärme ist realiter kein blosses Sprachbild. Van Baar und Kollegen konnten 2021 zeigen, dass Unsicherheitsintoleranz bei politisch polarisierten Inhalten mit stärkerer neuronaler Synchronisierung unter Gleichgesinnten und mit schärfer polarisierten Urteilen einhergeht. Eine neuere Überblicksarbeit zur Beziehung von Einsamkeit und Konformität formuliert denselben Mechanismus in anderer Sprache: Akute Isolation und vorübergehende Einsamkeit können Menschen in Richtung sozialer Konformität treiben, weil Wiederanbindung als Entlastung erlebt wird; chronische Einsamkeit kann später in Misstrauen und Rückzug kippen. Für die erste Phase, den Eintritt in das warme Kollektiv, ist der Befund ausgesprochen anschlussfähig. Das Kollektiv erscheint als psychischer Heizkörper für atomisierte Individuen.3
Hier liegt der Punkt, an dem meine Rauschmetapher brauchbar wird. Nicht als primitive Neurochemie aus dem Feuilleton, sondern als Modell einer Zustandsänderung. Konformität ist in der Sozialpsychologie kein exotischer Randfall, sondern ein Dauerbrenner. Die systematische Review von Capuano und Kollegen aus dem Jahr 2024 bestätigt die anhaltende Relevanz des Feldes über sehr unterschiedliche Kontexte hinweg. Die Arbeit von Sowden und Kollegen trennt zudem sauber zwischen blosser Compliance und echter Acceptance. Compliance bedeutet öffentliches Mitgehen ohne private Übernahme; Acceptance bedeutet Internalisierung, also die Übernahme der Norm als eigene. Je grösser die Mehrheit, desto stärker steigt der Compliance-Anteil. Wer daraus nur opportunistische Maskerade macht, unterschätzt die Lage. Kollektive Wärme wirkt nicht nur auf das Gesicht, sie arbeitet sich ins Innere hinein.4
Die Arbeit von Zhang und Kollegen über soziales Normlernen präzisiert diesen Vorgang fast mechanisch. Neue Normen werden demnach in drei Stufen gelernt: erstens durch das Sammeln sozialer Hinweise, zweitens durch Rückmeldungen in Form von Belohnung, Bestrafung, Inklusion und Exklusion, drittens durch Internalisierung. Das ist für meine Filterthese präzise. Denn es zeigt, dass Normen nicht nur als explizite Regel in den Kopf gelangen, sondern als sozial verstärkte Erwartungsarchitektur. Was ich als Verschiebung von Durchlassbändern beschrieben habe, erscheint hier als lernpsychologisch anschlussfähiger Umbau von Vorhersagen und Sanktionserwartungen.5
Noch unangenehmer wird es bei der Frage, ob Normen wenigstens automatisch sozial nützlich seien. Genau das ist eine jener naiven Annahmen, mit denen liberale Milieus sich selbst sedieren. Abbink und Kollegen haben experimentell gezeigt, dass Peer Punishment nicht nur gute, sondern auch schlechte Normen stabilisieren kann. In ihrem Design erhöhte die Möglichkeit zur Bestrafung die Beteiligung an destruktivem Verhalten, obwohl dieses Verhalten den Gruppennutzen schädigte. Das ist ein zentraler Punkt. Sanktion ist kein Wahrheitsfilter. Sanktion ist ein Verstärker. Sie kann Kooperation ermöglichen, aber auch Unsinn, Verschwendung und Grausamkeit normativ befestigen. Wer also glaubt, soziale Ächtung sei schon deshalb moralisch, weil sie sozial ist, verwechselt Dichte mit Güte.6
Damit komme ich zum Herzstück des Themas. Die Wärme des Kollektivismus entsteht aus einem doppelten Gewinn. Erstens senkt sie Unsicherheit. Zweitens verwandelt sie Selbstdisziplin in Fremdklima. Man muss nicht mehr in jedem Einzelfall neu prüfen, ob etwas stimmt, ob es fair ist, ob es den eigenen Prinzipien entspricht. Es genügt, die Temperatur des Milieus zu fühlen. Was dort warm ist, gilt als gut. Was dort kalt wird, gilt als verdächtig. An diesem Punkt löst sich Moral von Erkenntnis und koppelt sich an Resonanz. Genau das macht kollektivistische Milieus so attraktiv für Menschen, die unter Ambivalenz leiden oder unter Komplexität einknicken.
Meine Filtermetapher gewinnt zusätzliche Schärfe durch die Literatur zu partisan bias und moralisierter Informationsverarbeitung. Der Annual-Review-Beitrag von Ditto und Kollegen fasst Jahrzehnte an Forschung in einem Satz zusammen, der beinahe als technische Beschreibung meines Modells taugt: Partisanen zeigen systematische Tendenzen, Informationen zu suchen, zu glauben und zu erinnern, die ihre politischen Bindungen stützen. Der Bias liegt also nicht erst in der Schlussfolgerung, sondern bereits in Auswahl, Speicherung und Abruf. Robin Bayes zeigt für moralisierte Haltungen in Wissenschafts- und Technologiekonflikten, dass sie Feindseligkeit gegenüber Andersdenkenden verstärken und Widerstand gegen Evidenz begünstigen können. Jean Decety hat diese Dynamik noch grundsätzlicher als Verbindung von Moralüberzeugung, Dogmatismus, Intoleranz und Gewaltneigung beschrieben. Moralisiert ein Kollektiv ein Thema, dann wird der semantische Gehalt der Information zweitrangig. Vorrang hat ihre Koalitionsfunktion.7 8
Damit ist auch meine Steganographie-These nicht mehr blosse Stilakrobatik. Chong und Druckman haben den Framing-Begriff längst so gefasst, dass Kommunikation nicht nur durch den nackten Inhalt, sondern durch Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Anwendbarkeit bestimmter Deutungen wirkt. Framing arbeitet gerade dadurch, dass es einzelne Aspekte hervorhebt, andere entwertet und so die wahrgenommene Relevanz der Welt umsortiert. Eine neuere experimentelle Arbeit von Tohidi und Kollegen macht die Sache deutlich: Bereits die selektive Präsentation faktisch korrekter Informationen kann Einstellungen und emotionale Reaktionen signifikant verschieben. Die Sätze bleiben weitgehend wahr, die Wirkung kippt dennoch. Dort sitzt die steganographische Nutzlast. Nicht die plumpe Lüge ist entscheidend, sondern die Wahl dessen, was in welcher Tonlage und in welcher Reihenfolge sichtbar gemacht wird.9
Das erklärt auch, weshalb Selbstzensur in liberalen Demokratien nicht erst mit klassischer Zensur beginnt. Für Deutschland zeigen Menzner und Traunmüller, dass etwa jeder Fünfte angibt, Bürger dürften ihre Meinung in der Öffentlichkeit nicht mehr frei äussern. Die Autoren erklären das nicht mit einem simplen Totalmodell, sondern mit politischer Präferenz, Populismus, Parteibindung und Sanktionswahrnehmung. Für meine Zwecke reicht der folgende Kern: Es braucht keinen allmächtigen Zensor, wenn die Kostenwahrnehmung bereits verinnerlicht ist. Genau darin liegt der Erfolg steganographischer Normsetzung. Das Milieu spricht durch antizipierte Sanktion aus dem Kopf des Einzelnen selbst.10
Die Attraktor-These, die ich im Dezember mit physikalischer Metaphorik formuliert habe, lässt sich ebenfalls in eine nüchterne Sprache übersetzen. Filsinger und Kollegen zeigen mit Daten aus sechs europäischen Ländern, dass pandemische Bedrohung besonders Angst aktiviert und diese Angst mit autoritären Einstellungen zusammenhängt. Die Tightness-Looseness-Forschung von Gelfand, Harrington und Jackson ergänzt, dass ökologische und menschengemachte Bedrohungen mit strengeren Normen, härterer Bestrafung von Abweichung und stärkerer sozialer Koordination korrelieren. Szekely und Kollegen lieferten experimentelle Evidenz dafür, dass hohes kollektives Risiko Normstärke erhöht, Abweichung schlechter toleriert, während stärkere Normen zugleich träger gegenüber späterem Kurswechsel werden. In meiner Sprache heisst das: Unter Gefahr vertieft sich die Potentialmulde. In der Sprache der Forschung heisst es: Bedrohung erhöht die Attraktivität straffer Normen und macht einmal etablierte Verhaltensmuster zäher.11
Hier schliesst mein Beitrag über Doppelmoral, Wissen und Umsetzung an. Dort habe ich das Problem nicht moralistisch, sondern funktional formuliert: Wissen ist nicht Umsetzung. Der neue vmPFC-Befund von Liu und Kollegen passt exakt in dieses Raster. In einem Profit-Ehrlichkeits-Paradigma zeigten Teilnehmer inkonsistente Sensitivität gegenüber Gewinn und Ehrlichkeit zwischen moralischem Verhalten und moralischem Urteil. Höhere moralische Inkonsistenz war mit schwächerer aufgabenübergreifender Repräsentation und geringerer Konnektivität im vmPFC verbunden; eine tTIS-Modulation dieser Region erhöhte die Inkonsistenz zusätzlich. Der entscheidende Satz der Autoren lautet sinngemäss: Menschen mit hoher Inkonsistenz können moralische Prinzipien kennen, berücksichtigen sie aber weniger und integrieren sie nicht in ihr eigenes Verhalten.12
Dieser Befund steht nicht isoliert. Saver und Damasio beschrieben bereits 1991 einen Patienten mit ventromedialer Frontalschädigung, dessen soziale Wissensbasis und deren kognitive Verarbeitung in den getesteten Bedingungen intakt blieben, obwohl sein reales Sozialverhalten schwer beschädigt war. Koenigs und Kollegen zeigten 2007, dass VMPC-Patienten in bestimmten hochkonfliktiven moralischen Dilemmata abnorm utilitaristische Urteile fällen, während andere Dilemmaklassen unauffällig bleiben. Greene und Paxton wiederum fanden 2009 Hinweise darauf, dass Ehrlichkeit oft nicht das Ergebnis heroischer Selbstkontrolle ist, sondern für manche Menschen der konfliktreduzierte Default, während unehrliche Personen mehr Kontrollaktivität mobilisieren. Bellucci und Kollegen zeigten schliesslich, dass neuronale Repräsentationen von Ehrlichkeit späteres Vertrauen vorhersagen und dass VMPFC-TPJ-Konnektivität dabei eine Rolle spielt. Zusammengenommen ergibt sich ein kaltes, unangenehmes Bild: Menschen können moralischen Klartext reproduzieren, ohne dass dieser Klartext ihr Handeln zuverlässig steuert.13
Das ist für kollektivistische Milieus von enormer Bedeutung. Denn es erklärt, warum moralische Sprache in solchen Systemen oft gerade dann am lautesten wird, wenn die reale Selbstanwendung moralischer Prinzipien kollabiert. Wer die richtige Losung spricht, erhält soziale Wärme auch dann, wenn sein Verhalten grob selektiv, opportunistisch oder grausam ist. Das Kollektiv prüft nicht zuerst Konsistenz, sondern Zugehörigkeit. Moral wird zur Koalitionsmarkierung. Genau dort trifft sich die Doppelmoral mit dem Kollektivismus: Nicht weil alle Beteiligten heimlich Monster wären, sondern weil zwischen Normwissen, Eigenbezug, Emotionsintegration und Verhalten eine störanfällige Kopplung liegt, die durch Milieudruck und Eigennutz systematisch verzerrt werden kann.14 15 16
An dieser Stelle lohnt sich der Rückgriff auf meinen Beitrag über Komplexität und auf die dort skizzierte Double-Gaussian-Heuristik.17 Ich habe diese Verteilung ausdrücklich nicht als wissenschaftlich etablierte Populationsstatistik präsentiert, sondern als grobes Deutungsmuster für eine Erfahrung, die jeder machen kann, der länger mit komplexen technischen, rechtlichen oder politischen Systemen arbeitet: Die Fähigkeit, mehrere konkurrierende Modelle zugleich zu halten, systemische Rückkopplungen mitzudenken und normative von empirischen Aussagen zu trennen, ist ungleich verteilt. Die Literatur stützt nicht die Behauptung zweier sauber getrennter Glockenkurven. Sie spricht auch nicht für die schmeichelhafte Hoffnung, Bildung werde die Sache schon richten. Drummond und Fischhoff fanden für mehrere kontroverse Wissenschaftsthemen, dass höhere Bildung und höhere science literacy mit stärkerer Polarisierung einhergehen können. Tappin, Pennycook und Rand halten zugleich fest, dass es keine klare Evidenz dafür gibt, dass kognitive Sophistikation politische Identitätsmotivation als solche verstärkt; sie verstärkt eher die Wirkung bereits vorhandener Sachüberzeugungen. Das ist kein Widerspruch. Es bedeutet nur, dass höhere kognitive Leistungsfähigkeit nicht automatisch Wahrheitsliebe produziert. Sie kann ebenso dazu dienen, bereits gewählte Bindungen raffinierter zu verteidigen.18
Meine Double-Gaussian-Heuristik bleibt also Heuristik. Sie ist als empirische Populationslehre offen, als politische Warnung aber brauchbar. Denn sie lenkt den Blick auf eine Tragekapazität, die moderne Massengesellschaften gern ignorieren. Hochkomplexe Systeme setzen nicht nur gute Regeln voraus, sondern eine ausreichende Zahl von Menschen, die diese Regeln als System begreifen, gegeneinander prüfen und im Konfliktfall gegen Gruppendruck verteidigen können. Fehlt diese Trägergruppe, wird Komplexität nicht produktiv, sondern ornamental. Dann zerfällt der Rechtsstaat nicht trotz seines Normüberschusses, sondern in gewissem Sinn wegen ihm. Er wird zu einer grossen Bibliothek von Sollenssätzen ohne durchsetzungsfähige Exekution.19
Genau hier berührt sich die Komplexitätsfrage mit der Wärme des Kollektivismus. Überkomplexe Systeme sind für die Mehrheit nicht transparent. Was man nicht mehr durchdringen kann, bewertet man über Ersatzsignale. Milieuzugehörigkeit, moralische Tonlage, institutionelle Reputation, mediale Inszenierung und sozialer Konsens ersetzen dann die eigene Prüfung. Je undurchsichtiger das System, desto stärker die Versuchung, sich an die Wärme des Kollektivs anzuschliessen, das Deutungen bereits vorkaut. Der kollektivistische Reflex ist damit nicht bloss ein moralisches oder ideologisches Problem. Er ist auch eine Antwort auf kognitive Überforderung. Er senkt die Rechenlast. Er bietet ein fertiges Interface zur Welt für Menschen, die das Backend weder sehen noch tragen können.
Das macht ihn nicht harmloser, sondern gefährlicher. Denn die Wärme des Kollektivismus ist echt und falsch zugleich. Echt, weil sie psychisch entlastet, Zugehörigkeit stiftet und diffuse Angst in geordnete Empörung übersetzt. Falsch, weil sie den Preis nur verschiebt. Die Ambivalenz verschwindet nicht, sie wird delegiert. Die Verantwortung verschwindet nicht, sie wird verdünnt. Die Gewalt verschwindet nicht, sie wird moralisch umetikettiert. Das Individuum gewinnt an Geborgenheit und verliert an Urteil. Die Gesellschaft gewinnt an Gleichklang und verliert an Korrekturfähigkeit. Was als Schutz beginnt, endet deshalb oft als selbstverstärkende Blindheit.
Wer das ernst nimmt, sollte mit billigen Beschimpfungen vorsichtig sein. Nicht jeder Mitläufer ist dumm. Nicht jeder Moralist ist bewusst bösartig. Nicht jeder konforme Mensch ist charakterlos. Vieles davon ist strukturbedingt. Unsicherheit sucht Form. Einsamkeit sucht Einbettung. Bedrohung sucht Ordnung. Moral sucht Koalition. Normen suchen Verstärker. Medien suchen Frames. Komplexität sucht Abkürzungen. Genau aus dieser Verkettung entsteht das warme Nest, in dem kollektivistische Zustände ihre Anziehungskraft entfalten. Der Fehler beginnt dort, wo man diese menschliche Disposition romantisiert statt diszipliniert. Eine freie Ordnung darf den Wunsch nach Wärme kennen, aber sie darf ihn nicht zum obersten Organisationsprinzip erheben. Sonst verwandelt sie sich früher oder später in eine Maschine zur Bekämpfung derjenigen, die Kälte noch aushalten können.
Das ist der eigentliche Sinn meiner früheren Beiträge. Der Versuch, eine immer wiederkehrende Struktur so präzise zu beschreiben, dass man sie nicht mehr mit Wohlfühlvokabular verwechseln kann. Kollektivismus ist nicht zuerst ein Irrtum des ökonomischen Lehrbuchs. Er ist eine existenzielle Entlastungstechnologie. Seine Macht rührt daher, dass er Angst bindet, Einsamkeit wärmt, Doppelmoral sozial prämiert und Komplexität in einfache moralische Interfaces übersetzt.
Quellen
- Marc Weidner, „Von Pauli, Desmet, Filtern, Rausch, Attraktoren, Nullpunktsenergie. Vom Totalitarismus“, CenturionBlog, 9. Dezember 2025. https://coresecret.eu/2025/12/09/von-pauli-desmet-filtern-rausch-attraktoren-nullpunktsenergie-vom-totalitarismus/ ↩︎
- Michael A. Hogg, David K. Sherman, Joel Dierselhuis, Angela T. Maitner, Graham Moffitt, „Uncertainty, entitativity, and group identification“, Journal of Experimental Social Psychology 43, 2007, S. 135 bis 142; Eunice U. Choi, Michael A. Hogg, „Self-uncertainty and group identification: A meta-analysis“, Group Processes & Intergroup Relations 23(4), 2020. https://labs.psych.ucsb.edu/sherman/david/sites/labs.psych.ucsb.edu.sherman.david/files/pubs/hogg_et_al._2007.pdf ↩︎
- Jeroen M. van Baar et al., „Intolerance of uncertainty modulates brain-to-brain synchrony during politically polarized perception“, Proceedings of the National Academy of Sciences 118(20), 2021; Nena Haihambo et al., „Loneliness and social conformity: A predictive processing perspective“, Annals of the New York Academy of Sciences, 2025. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2022491118 ↩︎
- C. Capuano et al., „A Systematic Review of Research on Conformity“, International Review of Social Psychology, 2024; Sophie Sowden et al., „Quantifying compliance and acceptance through public and private social conformity“, Consciousness and Cognition 65, 2018. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12372704/ ↩︎
- Wen Zhang et al., „How we learn social norms: a three-stage model for social norm learning“, Frontiers in Psychology 14, 2023. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10272593/ ↩︎
- Klaus Abbink et al., „Peer punishment promotes enforcement of bad social norms“, Nature Communications 8, 2017. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5607004/ ↩︎
- Peter H. Ditto, Jared B. Celniker, Shiri Spitz Siddiqi, Mertcan Güngör, Daniel P. Relihan, „Partisan Bias in Political Judgment“, Annual Review of Psychology 76, 2025. https://www.annualreviews.org/content/journals/10.1146/annurev-psych-030424-122723 ↩︎
- Robin Bayes, „A matter of right or wrong: Divisive attributes of moralized science and technology attitudes“, Public Understanding of Science, 2025; Jean Decety, „The power of moral conviction: How it catalyzes dogmatism, intolerance, and violence“, Proceedings of the Paris Institute for Advanced Study 21, 2024. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/09636625241304058 ↩︎
- Dennis Chong, James N. Druckman, „Framing Theory“, Annual Review of Political Science 10, 2007; Arian Tohidi et al., „Rethinking news framing with large language models“, Scientific Reports 15, 2025. https://fbaum.unc.edu/teaching/articles/Chong-Druckman-FramingTheory.pdf ↩︎
- Jan Menzner, Richard Traunmüller, „Subjective Freedom of Speech: Why Do Citizens Think They Cannot Speak Freely?“, Politische Vierteljahresschrift 64, 2023. https://d-nb.info/1310078882/34 ↩︎
- Maximilian Filsinger et al., „Pandemic threat and authoritarian attitudes in Europe“, European Union Politics 23(3), 2022; Jesse R. Harrington, Michele J. Gelfand, „Tightness-looseness across the 50 United States“, Proceedings of the National Academy of Sciences 111(22), 2014; Joshua C. Jackson et al., „A global analysis of cultural tightness in non-industrial societies“, Proceedings of the Royal Society B 287, 2020; András Székely et al., „Evidence from a long-term experiment that collective risks change social norms and promote cooperation“, Nature Communications 12, 2021. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8894903/ ↩︎
- Marc Weidner, „Von Doppelmoral, Wissen und Umsetzung“, CenturionBlog, 25. März 2026; Jeffrey L. Saver, Antonio R. Damasio, „Preserved access and processing of social knowledge in a patient with acquired sociopathy due to ventromedial frontal damage“, Neuropsychologia 29(12), 1991; Michael Koenigs et al., „Damage to the prefrontal cortex increases utilitarian moral judgements“, Nature 446, 2007; Joshua D. Greene, Joseph M. Paxton, „Patterns of neural activity associated with honest and dishonest moral decisions“, Proceedings of the National Academy of Sciences 106(30), 2009; Gabriele Bellucci, Felix Molter, Soyoung Q. Park, „Neural representations of honesty predict future trust behavior“, Nature Communications 10, 2019; Valley Liu et al., „Moral inconsistency is based on the vmPFC’s insufficient representation across tasks and connectedness“, Cell Reports, online ahead of print, 19. März 2026. https://coresecret.eu/2026/03/25/von-doppelmoral-wissen-und-umsetzung/ ↩︎
- Ebd. ↩︎
- Siehe Fn. 7. ↩︎
- Siehe Fn. 8. ↩︎
- Siehe Fn. 12. ↩︎
- Marc Weidner, „Von der Komplexität“, CenturionBlog, 3. Dezember 2025; Joseph A. Tainter, The Collapse of Complex Societies, Cambridge University Press, 1988, auszugsweise dokumentiert in einschlägigen Exzerpten und Zusammenfassungen. https://coresecret.eu/2025/12/03/von-der-komplexitaet/ ↩︎
- Ben M. Tappin, Gordon Pennycook, David G. Rand, „Rethinking the link between cognitive sophistication and politically motivated reasoning“, Journal of Experimental Psychology: General 150(6), 2021; Craig Drummond, Baruch Fischhoff, „Individuals with greater science literacy and education have more polarized beliefs on controversial science topics“, Proceedings of the National Academy of Sciences 114(36), 2017. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33119359/ ↩︎
- Siehe Fn. 17. ↩︎
