Von Pauli, Desmet, Filtern, Rausch, Attraktoren, Nullpunktsenergie. Vom Totalitarismus

Pauli hätte vermutlich eine ziemlich trockene Bemerkung dazu gemacht, wie sich ganze Gesellschaften in Zustandsräume verrennen, aus denen sie aus rein energetischen Gründen kaum noch herausfinden. Ich schaue auf diese politischen und psychologischen Prozesse mit einem ähnlichen Blick wie auf ein physikalisches System: Es gibt Freiheitsgrade, Attraktoren, Rauschen, metastabile Zustände, Übergänge und Hysterese. Nur dass es hier nicht um Elektronenwolken und Hilberträume geht, sondern um menschliche Gehirne, Narrative und Macht.

Ich beobachte seit Jahren ein Phänomen, das man freundlich als „Massenbildung“ und weniger freundlich als kollektive Verirrung bezeichnen kann. Desmet hat diesem Muster eine konsistente theoretische Form gegeben, ich selbst habe mir mit Filtern, Rauschmetaphorik, Steganographie und Attraktoren mein eigenes technisches Vokabular dazu gebaut. Die Physik ist dabei kein naives Gleichnis, sondern eine Art Hilfskörper, um intellektuell sauberer zu bleiben, als es in einem Umfeld gern gesehener moralischer Hysterie üblich ist.

Ich habe keine Lust auf Heilslehren, weder auf die der Gegenseite noch auf meine eigenen. Aber ich sehe Strukturen, die sich wiederholen, ich sehe energetische Bequemlichkeiten der Massen, ich sehe institutionelle Feigheit und eine beunruhigende Nähe zum totalitären Nullpunktszustand.

Desmet: die Psyche der Massen

Desmets Analyse setzt dort an, wo die romantische Vorstellung des autonomen, souveränen Bürgers endgültig bricht. Ich teile seine Ausgangsdiagnose: Eine grosse Zahl von Menschen lebt in einem Mix aus Vereinzelung, Sinnentleerung und ungerichteter Angst. Soziale Bindungen sind brüchig, Arbeit ist für viele eher sinnloses Funktionieren als gestaltende Tätigkeit, der Alltag wird von abstrakten Bedrohungen dominiert, die weder kontrollierbar noch direkt erfahrbar sind.

Aus dieser Mischung entsteht das, was Desmet „frei flottierende Angst“ nennt. Angst ohne eindeutiges Objekt, ohne klares Gegenüber. Diese Form der Angst ist psychisch schlecht zu regulieren. Sie ist zu diffus, um sie gezielt zu bearbeiten, und zu stark, um sie einfach zu ignorieren. Irgendwann sucht sich diese Energie ein Feld, in dem sie gebunden werden kann.

Genau hier setzen die grossen Narrative an. Epidemie, Klimaapokalypse, angeblich allgegenwärtige „Rechte“, je nach Kulturraum auch andere Feindbilder. Plötzlich existiert eine Geschichte, die sagt: Dort ist der Feind, hier bist du, so musst du dich verhalten. Die Angst erhält ein Objekt und einen Handlungskorridor. Aus psychologischer Sicht ist das eine enorme Entlastung. Zweifel ist anstrengend, Ambivalenz ist schwer auszuhalten, Kontingenz ist nur für wenige erträglich. Das geschlossene Narrativ nimmt diese Last ab.

Massenbildung im Sinne Desmets ist genau dieser Vorgang: eine kollektiv geteilte, affektiv aufgeladene Fixierung auf ein Narrativ, das die Angst bindet und eine neue, künstliche Gemeinschaft erzeugt. „Wir“ sind die Vernünftigen, die Solidarischen, die Guten. „Sie“ sind die Gefährlichen, die Irren, die Feinde. Der einzelne Mensch verschwindet in dieser Struktur, bleibt aber subjektiv davon überzeugt, besonders moralisch zu handeln.

Die kognitiven Mechanismen sind sattsam bekannt: selektive Wahrnehmung, Bestätigungsfehler, kognitive Dissonanzreduktion, Identitätsbindung an das Narrativ. Entscheidend ist der energetische Aspekt: Der Preis für das Festhalten an der Erzählung ist kognitiv und materiell hoch, aber psychisch wirkt sie wie ein Beruhigungsmittel. Kritik würde nicht nur „Argumente“ erschüttern, sondern das gesamte Gerüst, das die eigene Identität und Angstregulation trägt.

Desmet weist zurecht darauf hin, dass Intelligenz hier kaum schützt. Im Gegenteil: je höher der formale Bildungsgrad, desto raffinierter die Rationalisierungen, mit denen Widersprüche glattgebügelt werden. Wer akademisch sozialisiert ist, hat gelernt, Modellen mehr zu vertrauen als der eigenen Wahrnehmung. Unter Massenbildungsbedingungen wird genau diese Kompetenz gegen ihn selbst gewendet.

Rauschzustand, Selbstinduktion und Dosiseskalation

Was in den Lehrbüchern der Sozialpsychologie meist trocken beschrieben wird, erlebe ich als Rauschphänomen. Massenbildung ist kein blosses „Glaubenssystem“, sie ist ein veränderter Bewusstseinszustand. Das Kollektiv steht unter einem emotionalen Einfluss, der sich deutlich abhebt vom Zustand eines angsterfüllten, aber noch nicht ideologisch gebundenen Individuums.

Der Mechanismus ist relativ klar. Zunächst herrscht diffuse Angst. Dann tritt ein Narrativ auf, das diese Angst bendet: „Hier ist die Gefahr, dort die Lösung, so wirst du ein guter Mensch.“ In dem Moment, in dem sich der Einzelne dem Narrativ unterwirft und die Zugehörigkeit zur neuen moralischen Gemeinschaft erlebt, tritt eine innere Erleichterung ein. Die ungerichtete Angst weicht einer zielgerichteten, sozial geteilten Sorge. Zugleich entsteht das Gefühl, Teil von etwas Grossem, Wichtigem zu sein.

Neuropsychologisch lässt sich das als eine Mischung aus Stressreduktion und Belohnungsreaktion beschreiben: Erleichterung über die scheinbare Erklärung, Lustgewinn über die erlebte Zugehörigkeit und moralische Selbstaufwertung. Kurz: ein Kick. Die Beteiligten sind davon überzeugt, „nur das Richtige“ zu tun, erleben im Körper aber durchaus etwas, das einer Droge nicht unähnlich ist.

Der kritische Punkt ist die Dosis. Wie bei jeder Droge entsteht Toleranz. Die ursprüngliche Intensität des Rausches lässt nach. Die erste Massnahme, die erste „Solidaritätsgeste“, die erste Demütigung von Abweichlern reicht irgendwann nicht mehr aus, um denselben inneren Zustand herzustellen. Das System verlangt nach stärkerer Stimulation.

Genau an dieser Stelle beginnt die Eskalation. Narrative müssen extremer werden, Massnahmen drastischer, Feindbilder schärfer. Was gestern „undenkbar“ war, erscheint heute als gerade noch ausreichende Reaktion. Die innere Logik lautet: Wenn das Opfer nicht genügt hat, war es nicht gross genug. Wer auf diesen Prozess von aussen blickt, sieht eine Abfolge rational nicht mehr erklärbarer Selbstschädigungen. Wer im Rausch steckt, erlebt dagegen einen Weg zunehmender moralischer Konsequenz.

Die Selbstinduktion dieses Zustands ist besonders perfide. Niemand führt den Menschen formal eine Substanz zu, sie erzeugen den Rausch in ihrem eigenen Nervensystem, indem sie sich willig an das Narrativ koppeln. Die Infrastruktur dafür liefern Medien, Institutionen, politische Akteure, aber das eigentliche „High“ wird im Kopf des Einzelnen generiert. Der Ausstieg würde sich subjektiv wie ein Entzug anfühlen: Verlust der Zugehörigkeit, Wiederkehr der diffusen Angst, Zusammenbruch des eigenen moralischen Selbstbilds.

Wer in so einem Zustand steckt, ist logisch nicht mehr zugänglich. Fakten sind irrelevant, solange sie nicht dazu dienen, das Narrativ noch weiter zu untermauern. Das erklärt, weshalb Diskussionen mit „Massengebundenen“ so fruchtlos sind. Sie verteidigen nicht Thesen, sie verteidigen ihren Rausch.

Signalverarbeitung der Wahrnehmung

Die Informatik kennt Filter, die Signalverarbeitung kennt Filter, jedes halbwegs brauchbare Messsystem kennt Filter. Es wäre schon beinahe abenteuerlich anzunehmen, ausgerechnet das menschliche Gehirn arbeite ohne vergleichbare Mechanismen. Ich betrachte Wahrnehmung, Deutung und Erinnerung als eine mehrstufige Filterkette, die aus einem unüberschaubaren Rauschen der Umwelt eine halbwegs handhabbare Welt konstruiert.

Im vergleichsweise gesunden Zustand funktionieren mehrere Filterebenen parallel. Ein Teil prüft auf physische Gefährdung. Ein anderer bewertet soziale Signale. Wieder ein anderer verarbeitet logische Konsistenz. Dazu kommen gelernte Muster, kulturelle Selbstverständlichkeiten, moralische Grundsätze. All diese Filter legen definierte Durchlassbänder für Informationen fest. Wer sich anstrengt, kann einzelne Filter bewusst verstellen. Die meisten Menschen lassen sie unreflektiert laufen.

Unter Massenbildungsbedingungen verschieben sich diese Filter. Der wichtigste Parameter wird nicht mehr „stimmt“ oder „stimmt nicht“, nicht mehr „nützt mir“ oder „schadet mir“, sondern „passt zum Narrativ“ oder „stört die Zugehörigkeit“. Signale, die das dominante Narrativ stärken, passieren praktisch ungeprüft. Signale, die auf Widersprüche, Schäden oder Alternativen hinweisen, werden unterdrückt, umgedeutet oder gar nicht erst wahrgenommen.

Ich erlebe das besonders krass bei der Wahrnehmung von Kollateralschäden. Wirtschaftlicher Ruin, irreversible medizinische Nebenwirkungen, völlig absehbare Konsequenzen einer destruktiven Migrationspolitik, all das müsste in einem intakten System von Selbstschutzfiltern sofort Alarmsignale auslösen. Stattdessen sehe ich eine Art „Reframingschaltung“: Aus Schäden werden notwendige Opfer, aus Opfern werden Märtyrer, aus Kritikern werden Täter.

Technisch formuliert: Der Klassifikator hinter dem Filter ist umtrainiert worden. Derselbe Input wird jetzt in eine andere Kategorie einsortiert. Die Filterhardware ist die gleiche, die Software wurde überschrieben. Was früher als „Gefahr für meine Lebensgrundlagen“ erschien, wird nun als „Beweis meiner moralischen Integrität“ codiert. Die Selbstschädigung wird nicht nur toleriert, sie wird aktiv gesucht, weil sie das Rauschnarrativ stabilisiert.

Diese Filtermetaphorik ist für mich mehr als eine bequeme Allegorie. Sie ermöglicht, bestimmte Phänomene strukturell zu beschreiben, ohne sofort in moralische Tiraden zu rutschen. Wer aus einem anderen Filtersetting heraus argumentiert, redet automatisch an denen vorbei, deren Filter auf narrative Konformität und Angstbindung geeicht sind. Das ist kein Missverständnis, das ist ein Systemzustand.

Steganographie der Narrative

Steganographie versteckt Botschaften in Trägern, die harmlos aussehen. In der Technik werden Bits in Bildern, Audiodaten oder Protokollrauschen versteckt, so dass ein unbedarfter Betrachter nur das „normale“ Medium wahrnimmt. Die Information ist da, aber nicht als solche sichtbar.

Genau das geschieht nach meiner Beobachtung in politischen und medialen Diskursen. Die sichtbare Botschaft lautet: News, Aufklärung, Information, Einordnung, Talkshow, Regierungserklärung. Der Träger wirkt vertraut, er beruht auf gewohnten Formen. Tagesschau, Pressekonferenz, Expertenrunde, Kommentarspalte. Die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt, diese Formate als „informativ“ zu interpretieren, nicht als manipulative Struktur.

Die eigentliche Nutzlast liegt im Subtext. Sie besteht aus wiederkehrenden Mustern wie: Zweifel ist gefährlich. Abweichler sind unsolidarisch. Autoritäten meinen es gut. Komplexe Zusammenhänge werden am besten von Fachgremien entschieden, nicht vom Bürger. Bestimmte Themen dürfen nur entlang eng definierter Sprachregelungen verhandelt werden. Bestimmte Positionen sind per se illegitim. Man darf vieles meinen, aber nicht alles öffentlich sagen.

Diese Botschaften werden selten explizit formuliert. Sie entstehen aus Inszenierung, Auswahl, Wortwahl, aus Framing und Auslassung. Wer dauernd Bilder von Katastrophen sieht, dazu Zahlen ohne Kontext und moralische Appelle, nimmt nicht nur „Information“ auf, sondern verinnerlicht eine Haltung zur Welt. Wer immer nur bestimmte Experten hört und andere nie, lernt unbewusst, wem Legitimität zukommt und wem nicht. Genau hier liegt der steganographische Effekt.

Durch die Filterverschiebung im Kopf gelangen diese steganographischen Muster ungebremst ins Langzeitgedächtnis. Der bewusste Teil der Botschaft wird vielleicht noch diskutiert. Die implizite Metabotschaft wird selten bewusst erkannt, wirkt aber langfristig stärker. Wer über Jahre gelernt hat, dass Abweichung sozial lebensgefährlich ist, braucht keine explizite Zensur mehr. Die Selbstzensur läuft automatisch.

Medien, die sich selbst als „Mitte“ oder „seriös“ inszenieren, sind für diesen Prozess besonders geeignet. Je weniger sich ein Medium als politische Macht versteht, desto leichter können seine steganographischen Nutzlasten unbemerkt eindringen. Anspruchslose Boulevardformate leisten plumpe Affekttriggerei, aber die tiefgreifende Normierung findet im Gewand der Vernünftigkeit statt.

Ich gehe deshalb so hart mit den sogenannten Leitmedien ins Gericht, weil sie systemisch genau diese Funktion erfüllen: Sie kodieren das legitime Spektrum, sie legen fest, wer als rational und wer als Extremist zu gelten hat, sie verstecken ihren normativen Anspruch hinter vermeintlich objektiver Darstellung. Der Schaden entsteht nicht nur aus dem, was sie sagen, sondern aus dem, was sie gar nicht erst denkbar erscheinen lassen.

Attraktor, Nullpunktsenergie und Totalitarismus

Dynamische Systeme haben Attraktoren. Wer sich nicht mit Chaostheorie beschäftigt, kennt das vielleicht aus einfacheren Modellen: Pendel, die sich irgendwann in einer Ruheposition einpendeln, Kugeln, die in Potentialmulden liegen bleiben. Ich betrachte Gesellschaften als hochkomplexe dynamische Systeme mit mehreren möglichen Attraktoren. Einer davon ist der offene Diskurs, ein anderer der autoritäre Zustand, ein dritter die offene totalitäre Herrschaft.

Aus energetischer Sicht hat der totalitäre Zustand einen bösartigen Charme. Er reduziert kognitive Last. Er reduziert Ambivalenz. Er reduziert sichtbare Komplexität. Es gibt eine Wahrheit, eine Linie, eine legitime Haltung. Wer dazugehört, muss sich um innere Widersprüche nicht mehr kümmern. Wer ausserhalb steht, wird entweder zur Strecke gebracht oder zumindest so marginalisiert, dass sein Störpotential minimiert wird.

Ich verwende hier bewusst den Begriff Nullpunktsenergie als Metapher. In der Quantenphysik markiert sie den energetisch niedrigsten Zustand eines Systems, der auch bei Temperatur null nicht unterschritten werden kann. Übertragen auf Gesellschaften sehe ich den totalitären Zustand als psychisch niedrigsten Energiezustand für eine ausreichend grosse Mehrheit. Sobald die Menschen ihre Eigenverantwortung, ihren Zweifel und ihre Bereitschaft zur Konfrontation aufgeben, rutschen sie in diese Mulde. Die Nullpunktsenergie des Kollektivs liegt dort, wo keine anstrengenden Alternativen mehr ernsthaft gedacht werden.

Das heisst nicht, dass ein totalitäres System „effizient“ oder materiell ressourcenschonend wäre. Im Gegenteil, die realen Kosten sind enorm. Die energetische Metapher bezieht sich auf die innere Anstrengung der konformen Mehrheit. Nichts ist psychisch bequemer als Blindheit in der Gruppe. Die kognitive Energie, die für eigenständiges Denken, fürs Aushalten von Unsicherheit und für moralische Selbstverantwortung nötig wäre, wird eingespart.

In diesem Sinne ist der Weg in den Totalitarismus kein spektakulärer Sprung, sondern ein Gleitvorgang. Wenn einmal ausreichend viele institutionelle und psychische Parameter in Richtung Narrativkonformität verschoben sind, arbeitet die Dynamik des Systems selbst in diese Richtung. Gerichte passen sich an, Universitäten passen sich an, Medien passen sich an, Konzerne passen sich an. Diejenigen, die sich nicht anpassen, werden als Rauschen behandelt, nicht als Signal.

Ich behaupte nicht, man könne das alles auf ein simples mathematisches Modell abbilden. Aber das Attraktorkonzept hilft mir, meine eigene Wahrnehmung zu kalibrieren. Ich schaue nicht nur auf isolierte Missstände, sondern auf die Frage, ob das System als Ganzes in eine Potentialmulde rutscht, aus der es nur noch mit massiven Energieeinträgen herauskommt. Und ja, ich sehe momentan eine Bewegung hin zu einem Zustand, in dem Ausschluss, Moralisierung und institutionelle Gleichrichtung zur psychischen Nullpunktsenergie werden.

Mein Rahmen als vereinfachtes Modell

Was ich hier beschreibe, ist ein Modell. Ich kombiniere Desmets Massenbildung, Filtermetaphorik, Steganographie, Attraktorkonzepte und physikalische Bilder wie Nullpunktsenergie zu einem Rahmen, der mir erlaubt, das beobachtete Chaos in eine Struktur zu bringen. Dieser Rahmen ist bewusst simplifizierend. Ich lasse vieles weg, was im Detail wichtig wäre, um nicht im Klein-Klein zu versumpfen.

Ich unterstelle nicht, dass jeder Mensch in einer Massengesellschaft gleich funktioniert. Ich behaupte auch nicht, dass alle Akteure von denselben Motiven getrieben sind. Es gibt Zyniker, die das Ganze bewusst steuern, Opportunisten, die nur Strukturen nutzen, Feiglinge, die schweigen, und Verirrte, die ehrlich glauben, sie dienten dem Guten. Mein Modell abstrahiert von diesen individuellen Differenzen und schaut auf die Wirkung des Gesamtsystems.

Innerhalb dieses Rahmens erkenne ich wiederkehrende Muster.

  1. Die Bindung diffuser Angst an ein moralisch aufgeladenes Narrativ.
  2. Die Transformation von Fakten in morale Codes, die Kritik pathologisieren.
  3. Die Verschiebung der inneren Filter von Wahrheits- und Nutzenkriterien auf Zugehörigkeits- und Konformitätskriterien.
  4. Die Ausbildung eines psychischen Rauschzustands, der durch immer extremere Massnahmen stabilisiert werden muss.
  5. Die langsame Annäherung an einen totalitären Attraktor, in dem Widerspruch systematisch als Defekt markiert wird.

Ich könnte dieses Modell ignorieren und so tun, als wäre alles nur ein bedauerliches Missverständnis, das durch ein paar bessere Debattenkulturprojekte behoben werden könnte. Ich halte das für Selbstbetrug. Wer die Mechanik nicht benennt, hat schon halb verloren. Wer die Mechanik falsch beschreibt, ebenfalls. Ich entscheide mich bewusst für ein scharfes, reduziertes Modell, um wenigstens eine erklärungsfähige Struktur zu haben, an der ich mein eigenes Denken prüfen kann.

Prüfung der logischen Stringenz

Wenn ich meinen Rahmen ernst nehme, muss ich ihn selbst mit denselben Massstäben behandeln wie fremde Theorien. Also stelle ich mir die Frage: Ist diese Konstruktion in sich konsistent? Und lässt sie sich mit dem verbinden, was an empirischer und theoretischer Arbeit zu Massenpsychologie, Totalitarismus und Medienwirkung vorliegt?

Auf der Ebene der inneren Kohärenz sehe ich keine offensichtlichen Widersprüche. Die einzelnen Bausteine ergänzen sich. Desmets Massenbildung erklärt die psychische Dynamik. Die Filtermetaphorik erklärt, warum offensichtliche Schäden nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Die Steganographie erklärt, wie Narrative tief in die Kognitionen einsickern, ohne als Propaganda erkannt zu werden. Das Attraktorkonzept erklärt, warum Systeme nach einer kritischen Verschiebung nicht einfach in einen offenen Zustand zurückfallen.

Der Rahmen kollidiert auch nicht mit dem, was etablierte Forschung seit Jahrzehnten beschreibt. Asch, Milgram, Arendt, Popper, sie alle liefern Bausteine, die in dieses Bild passen. Gruppendruck, Autoritätsgehorsam, kognitive Dissonanz, Banalität des Bösen, offene Gesellschaft versus geschlossene, all diese Konzepte finden in meinem Modell einen Platz. Ich erfinde keine exotische Sonderlehre, ich verschraube bekannte Mechanismen unter einem technischen Blickwinkel neu.

Das heisst allerdings noch nicht, dass mein Rahmen „stimmt“. Er ist scharf, aber bewusst grob. Ich nehme in Kauf, dass konkrete historische, kulturelle und ökonomische Faktoren in dieser Darstellung verkürzt erscheinen. Ich weiss, dass ein ökonomisches Krisenregime, digitale Kontrolle, supranationale Machtstrukturen und eine degenerierte Parteienlandschaft in der Realität eine Rolle spielen, die mein Modell nur am Rand streift. Es bildet das Skelett, nicht die gesamte Anatomie.

Logisch problematisch wäre der Punkt, an dem ich mein Modell von einem Analysewerkzeug in eine Ontologie verwandeln würde. Sobald ich beginne, jede Abweichung in die vorhandenen Schubladen zu pressen, laufe ich in dieselbe Falle wie diejenigen, die ich kritisiere. Ich gehe dieses Risiko bewusst ein, indem ich mir wiederholt sagen lasse: „Vielleicht ist deine Attraktormetapher etwas zu glatt. Vielleicht erklärt dein Filterbild nicht alles. Vielleicht projizierst du deine eigene Strukturverliebtheit in eine Wirklichkeit, die anarchischer ist, als dir lieb ist.“

Genau deshalb halte ich mich an einen einfachen Grundsatz: Mein Modell ist nur so viel wert, wie es mir hilft, Ereignisse zu antizipieren, Widersprüche zu erkennen und mich selbst gegen die eigene Propagandaanfälligkeit zu schützen. Sobald ich merke, dass ich mit Gewalt Daten verbiegen muss, damit sie in den Rahmen passen, ist der Fehler bei mir, nicht bei den Daten. Ich gegen Ich, täglich.

Relationen, Unbekannte, Pauli

Einsteins Relativitätsprinzip erinnert daran, dass ohne Bezugssystem keine Aussage über Bewegung oder Ruhe sinnvoll ist. Ich übertrage das auf die Erkenntnistheorie: Meine gesamte Beobachtung ist relativ zu meinen Erfahrungen, meinen Quellen, meiner Position im Machtgeflecht. Ich stehe nicht ausserhalb des Systems, ich bin Teil davon, auch wenn ich mich intellektuell dagegenstemmen mag.

Ich arbeite deshalb bewusst mit Relationen statt Absolutheiten. Ich vergleiche Diskurse zwischen Ländern, ich schaue mir abweichende Quellen an, ich nehme mir Medien aus unterschiedlichen politischen Spektren vor, ich lese Kritiker und Befürworter, ich beobachte, wie dieselben Ereignisse in verschiedenen Informationsräumen erscheinen. Daraus entsteht kein privilegierter „Gottesblick“, aber ein Gefühl für Vektoren. Wo bewegt sich etwas hin, wer verheimlicht was, wer delegitimiert wen.

Die Unbekannten und insbesondere die unbekannten Unbekannten bleiben dabei. Ich weiss, dass es Interessen gibt, von denen ich nichts kenne, Operationen, die ich nicht sehe, Daten, die mir fehlen. Geheimdienste, natürliche Zufallsereignisse, Black Swans, schlichte Dummheit in Schlüsselfunktionen, all das ist im System vorhanden, ohne dass ich es sauber auflösen könnte. Mein Rahmen erklärt mir nicht alles, und er hat auch nicht das Recht darauf.

Mein eigenes Filterbewusstsein ist deshalb kein Luxus, sondern Überlebensstrategie. Ich weiss, dass auch meine Wahrnehmung selektiv ist. Ich bevorzuge bestimmte Quellen, ich misstraue anderen. Ich habe eine geringe Toleranz für offensichtliche Heuchelei und eine entsprechend hohe Bereitschaft, bei bestimmten Akteuren abzuklemmen. Ich konsumiere nicht neutral, ich konsumiere mit Haltung, und diese Haltung baut natürlich eigene Verzerrungen ein.

Paulis Ausschlussprinzip bietet mir ein brauchbares Bild für Bewusstsein. Keine zwei Elektronen können denselben Quantenzustand einnehmen, und keine zwei Bewusstseine können dieselbe Welt aus derselben Perspektive erleben. Ich werde nie wissen, wie es sich an fühlt, in der Haut eines Politikers zu stecken, der auf Knopfdruck Massen beeinflussen kann, ich werde nie wissen, wie sich die innere Welt eines Journalisten an fühlt, der seit Jahrzehnten ins gleiche Milieu eingebettet ist. Ich kann Modelle bauen, aber ich kann nicht „dort“ sein.

Genau das zwingt mich zur intellektuellen Bescheidenheit, die ich im öffentlichen Diskurs schmerzlich vermisse. Ich weiss, dass mein Urteil hart ist, aber ich weiss auch, dass ich es aus einer partiellen Perspektive fälle. Ich habe keinen Letztzugriff auf Wahrheit. Ich habe nur ein paar Werkzeuge, die besser sind als nichts.

Ein harter, nicht dogmatischer Rahmen

Was bleibt, ist ein Rahmen, der schneidet, aber nicht erstarrt. Ich akzeptiere, dass Desmet mit seiner Massenbildung etwas Wichtiges getroffen hat. Ich akzeptiere, dass meine Filtermetaphorik und meine Steganographieanalogie helfen, bestimmte Mechanismen sichtbar zu machen, die sonst im Nebel bleiben. Ich akzeptiere, dass die Attraktorphysik eine nützliche Perspektive auf systemische Drifteffekte liefert. Und ich akzeptiere gleichzeitig, dass all das nur eine Konstruktion ist, die morgen teilweise revidiert werden kann.

Ich weigere mich, in die bequeme Pose des alles relativierenden Skeptikers zu verfallen, der jede klare Benennung mit einem „so einfach ist das nicht“ wegwischt und damit die schlimmsten Tendenzen unangetastet lässt. Ebenso weigere ich mich, meine eigene Konstruktion zur neuen Doktrin zu erheben, die jede Beobachtung zwangsweise in ihr Raster presst. Ich lebe lieber mit harten Kanten und eingeräumter Fehlbarkeit als mit weichen Formulierungen, die niemandem wehtun und nichts klären.

Also halte ich an meinem Rahmen fest, bis er bricht. Ich prüfe ihn an der Wirklichkeit, an den Reaktionen, an den inneren Widersprüchen. Ich schaue, ob er weiterhin erklären hilft, was vor sich geht, oder ob er blind für neue Dynamiken macht. Solange er trägt, benutze ich ihn, um die Attraktoren in diesem degenerierenden System sichtbarer zu machen, das Rauschen von den Signalen zu trennen und die steganographischen Botschaften zu enttarnen, die uns in Richtung Nullpunktsenergie schieben sollen.

Wahrheit in einem absoluten Sinn ist mir nicht verfügbar. Was mir bleibt, sind Relationen, Modelle, Korrekturen und der Wille, nicht in den psychischen Energiesparmodus des Kollektivs zu rutschen. Für mich reicht das als Arbeitsgrundlage. Für alle, die sich nicht freiwillig in die Potentialmulde des Totalitarismus legen wollen, hoffentlich ebenfalls.


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