Von der Komplexität

Komplexität wirkt zuerst wie eine schicke intellektuelle Spielerei und entpuppt sich dann als das, was sie wirklich ist: ein schleichender Erstickungsprozess, der Systeme von innen her aushöhlt, bis sie nur noch als Dekoration vorhanden sind.

Ich beobachte das seit Jahren gleichzeitig in drei Ebenen: in der Informatik, in der staatlichen Sphäre und im alltäglichen Verhalten der Menschen, die in diesen Systemen herumstochern, ohne noch zu verstehen, was sie tun.

Hadmuts Komplexität aus Informatikersicht

Hadmut beschreibt den Zustand recht nüchtern: Unsere IT-Systeme werden schneller komplexer, als Menschen sie geistig nachziehen können. Aus Projekten, die früher noch von einem guten Team durchdrungen wurden, werden heute Geflechte aus Frameworks, Abhängigkeiten und Konfigurationshöllen, die niemand mehr als Ganzes versteht. Jeder patcht an seinem Mikroschnipsel herum, und die Summe produziert eine Angriffsfläche, die exponentiell wächst.1

Aus Informatikersicht ist das eigentlich trivial. Wer Codebasis, Schnittstellen und Abhängigkeiten ständig hochdreht, erhöht nicht linear, sondern überproportional die Anzahl der Zustände, in denen das System kaputtgehen kann. Das gilt für Sicherheit genauso wie für Verfügbarkeit.

Hadmut zieht diesen Faden vom Code auf die Infrastruktur und dann weiter hinauf auf die staatliche Ebene. Staaten verhalten sich in seiner Lesart wie schlecht entworfene Software: Sie reagieren auf jedes neue Problem nicht mit klaren Vereinfachungen, sondern mit weiteren Schichten an Regelungen, Fördertöpfen, Ausnahmebestimmungen, Dienststellen. Am Ende steht ein Gebilde, das auf dem Papier enorm leistungsfähig wirkt, in der Realität aber aus lauter widersprüchlichen Modulen besteht, die sich gegenseitig blockieren.

Der Punkt, an dem niemand mehr ernsthaft das Recht kennt, wird bei ihm zu einem Wendepunkt: Der Richter wendet nicht mehr Gesetz an, sondern Bauchgefühl und Ideologie, der Beamte orientiert sich an Rundschreiben und Verwaltungsmythen, der Bürger navigiert per Trial and Error durch einen Dschungel, den keiner mehr kartiert. Das Recht als formale Orientierungsordnung bricht faktisch weg, obwohl dicke Gesetzbücher weiter im Regal stehen.

Diese Sicht ist nicht einfach polemisch, sondern erstaunlich kompatibel mit Joseph Tainters Analyse komplexer Gesellschaften. Der argumentiert seit den achtziger Jahren, dass Gesellschaften als Problemlöser auftreten und dazu immer neue Komplexität aufbauen, dass aber jeder zusätzliche Komplexitätsschritt Kosten verursacht, die irgendwann die Erträge übersteigen.2

Tainter spricht von abnehmenden Grenzerträgen auf Investitionen in Komplexität. Am Anfang bringt mehr Verwaltung, mehr Organisation, mehr Infrastruktur einen realen Nutzen. Später erzeugt jede zusätzliche Regel und jede neue Ebene nur noch Reibung, ohne die Probleme zu lösen, für die sie geschaffen wurde. Im Endstadium kippt das Ganze: Die Gesellschaft wird so starr und teuer, dass irgendein Schock genügt, um weite Teile kollabieren zu lassen.3

Wenn ich Hadmuts Text lese, erscheint mir das wie eine moderne Anwendung von Tainter auf den aktuellen IT- und Staatskomplex. Wir haben nicht nur zu viele Zeilen Code, wir haben auch zu viele Gesetze, Behörden, Fördertatbestände, Prozeduren. Die Systeme sind formal „fortgeschritten“, praktisch aber so überdreht, dass jeder zusätzliche Input sie maximal destabilisiert als stabilisiert.

Verbindung zu meinen eigenen Beobachtungen

Mein portugiesisches Arbeitsgerichtsverfahren ist genau an dieser Schnittstelle angesiedelt, in der Komplexität und Unfähigkeit eine toxische Verbindung eingehen.

Auf der normativen Ebene herrscht Überfluss. Die portugiesische Verfassung garantiert in Art. 20 den Zugang zum Recht und zu den Gerichten, inklusive effektiver Rechtsschutz und Entscheidung innerhalb angemessener Frist.

Art. 22 koppelt das an die Staatshaftung: Der Staat und sonstige öffentliche Körperschaften haften für Schäden, die durch pflichtwidrige Amtsausübung entstehen. Dazu kommen EMRK, EU-Grundrechtecharta, Staatshaftungsrecht, Berufsrecht der Anwälte. Die Architektur sieht beeindruckend aus.

In der Praxis sitze ich vor einem Gericht, das es über Jahre nicht hinbekommt, ein existenzielles Arbeitsrechtsverfahren strukturiert zu führen. Die Beklagte schweigt materiell seit 2022. Es gibt verspätete Güteverhandlungen, ger keine Hauptverhandlungstermine, zwei folgenlose Strafgelder gegen die Beklagte wegen Fristversäumnissen, acht Patronos im Rahmen staatlicher Prozesskostenhilfe, die es gemeinsam fertigbringen, praktisch keinen wirklichen anwaltlichen Beistand zu leisten, und einen CSM, der auf detaillierte, sauber belegte Eingaben nicht sichtbar reagiert.

Das ist nicht einfach Schlamperei. Es ist genau jener Zustand, den Tainter modelliert: Ein System, das so viele Ebenen, Gremien und Normen aufgebaut hat, dass niemand mehr Verantwortung übernimmt. Jeder zeigt auf eine andere Stelle im Organigramm. Die Komplexität wird zur Tarnkappe für Untätigkeit.

Parallel dazu baue ich in meinen eigenen IT-Projekten genau das Gegenteil. Meine Systeme basieren auf bewusster Beschränkung: klare Zuständigkeiten, kryptographische Hygiene, reproduzierbare Builds, minimal gehaltene Angriffsflächen. Ich bin gezwungen, die Komplexität zu verstehen, sonst frisst sie mich. Staaten und Justiz sind in ihrer Logik davon weit entfernt. Dort füllt man Lücken nicht mit Disziplin, sondern mit noch mehr formaler Strukturen, die dann ungenutzt herumstehen.

Das Ergebnis ist ein Rechtsstaat, der auf dem Papier perfekt aussieht, in der Alltagspraxis aber wie eine geparkte Attrappe wirkt. Komplexität als Pose, nicht als Werkzeug.

„Double Gaussian“ als Arbeitsthese zur Kognitionsverteilung

Seit Jahren diskutiere ich mit meinem Bruder die Frage, wie viele Menschen überhaupt in der Lage sind, komplexe Systeme rational und reflektiert zu durchdringen. Wir sind zu der für viele vermutlich beleidigenden, für uns aber empirisch naheliegenden Arbeitsthese gekommen, dass der Anteil verschwindend klein ist.

Ich spreche intern gern von einer Double-Gaussian-Verteilung. Das ist keine wissenschaftlich sauber hergeleitete Populationsstudie, sondern ausdrücklich eine heuristische Skizze, die sich aus Beobachtung und Erfahrungswissen speist, nicht aus formalisierten statistischen Verfahren. Der Gedanke lautet vereinfacht: Es gibt eine erste grosse Glockenkurve, die normale Alltagsintelligenz abbildet, und darüber eine zweite, wesentlich kleinere Kurve, die Personen repräsentiert, die nicht nur intelligent im Sinne u.a. von Weltwissen und Methodenkompetenz sind, sondern dauerhaft abstrakte Modelle halten, vergleichen, falsifizieren und neu aufbauen können.

In meiner persönlichen Arbeitsthese liegen in dieser zweiten Kurve vielleicht im globalen Massstab Grössenordnungen im niedrigen Millionenbereich, irgendetwas um Grössenordnungen von einer guten Million Menschen weltweit, die wirklich in der Lage sind, komplexe gesellschaftliche, technische und rechtliche Strukturen konsistent zu denken und nicht nur phrasenhaft zu imitieren. Ich betone das noch einmal: Das ist keine peer-reviewte Studie, sondern eine bewusst vereinfachte Heuristik, die mir hilft, den alltäglichen Wahnsinn zu deuten, den ich erlebe.

Diese These erklärt vieles:

Menschen können in der Masse einfache Modelle verstehen, moralische Geschichten, Helden-Schurken-Narrative. Sie können Regeln befolgen, wenn jemand sie klar formuliert und durchsetzt. Sie können in ihrem Fachbereich sehr kompetent handeln. Aber sobald es darum geht, das Zusammenspiel mehrerer komplexer Systeme nachzuvollziehen, konkurrierende Modelle parallel zu halten und rein argumentativ, ohne persönlichen Bezug, über sie zu diskutieren, bricht es bei den meisten weg.

Man sieht das in der Unfähigkeit, zwischen empirischer Aussage und moralischer Wertung zu trennen. Man sieht es in der Weigerung, Hypothesen auch nur probeweise anzunehmen, die dem eigenen Selbstbild widersprechen. Man sieht es in der totalen Überforderung, wenn kein klares Lager, keine Flagge und kein Feindbild vorgegeben sind.

Wenn ein Justiz- oder Staatssystem auf diesem Boden gebaut wird, kann es nur stabil bleiben, solange es relativ einfach und übersichtlich ist. Je mehr Komplexität dazu kommt, desto stärker hängt alles an einer kleinen Minderheit, die in der Lage ist, das Geflecht bewusst zu halten. Fällt diese Minderheit weg oder wird durch ideologisches Personal ersetzt, degneriert das System zwangsläufig. Tainters Model zu abnehmenden Grenzerträgen komplexer Steuerung passt perfekt auf diese kognitive Komponente: Ab einem bestimmten Punkt hilft mehr Komplexität nicht mehr, weil die Trägerkapazität der beteiligten Hirne überschritten ist.

Kommunismus, Lernverweigerung und memetische Anziehungskraft

Der Umgang Europas mit dem Kommunismus liefert ein nahezu lehrbuchhaftes Beispiel für kollektive Lernunfähigkeit. Zwei Jahrhunderte Geschichte, mehrere Dutzend gescheiterte Experimente, Millionen Tote, flächendeckende Armut, Polizeistaaten, Gulags, Mauer, Schiessbefehl. Man müsste meinen, dass der empirische Rekord reicht, um das Thema als historisch erledigt zu verbuchen.

Stattdessen kehrt das Ganze in neuer Verpackung zurück. Mal heisst es Klimarettung, mal soziale Gerechtigkeit, mal Kampf gegen irgend einen „Ismus“. Der Kern ist immer der gleiche: ein zentralistisch-planerisches Weltbild, das behauptet, man könne hochkomplexe Gesellschaften von oben moralisch richtig steuern, wenn nur die Richtigen am Schalthebel sässen.

Die Attraktivität ist memetisch extrem stabil. Kommunismus ist als Erzählung eine säkulare Erlösungsreligion. Er verspricht den moralisch Guten, dass sie eigentlich schon die Wahrheit haben und nur noch den Rest zwingen müssten, sie zu erkennen. Diese Struktur ist für Menschen, die keine komplexen Modelle tragen können, aber sehr wohl moralische Überlegenheit fühlen wollen, kaum zu schlagen.

Die Geschichte wird nicht als empirischer Datensatz verstanden, sondern als Sammlung von Anekdoten, die man passend sortiert. Scheitern wird nicht als strukturelle Notwendigkeit des Modells erkannt, sondern als „nicht richtig umgesetzt“. Die innere Repräsentanz des Mechanismus fehlerhafter Anreizstrukturen, Informationsasymmetrien, Repressionszwang entsteht nie.

Genau an dieser Stelle verschränkt sich meine Double-Gaussian-Arbeitsthese mit Tainter. Die Mehrheit kann die systemische Problematik nicht modellieren, also bleibt Kommunismus memetisch attraktiv, selbst wenn er empirisch restlos diskreditiert ist. Gesellschaften, die nicht bereit sind, diese kognitive Grenze ernst zu nehmen, werden immer wieder in Varianten derselben Katastrophe laufen.

Ostasien: Stabilität oder nur eine andere Phase auf derselben Kurve

Die Frage, warum China, Südkorea und Japan derzeit zumindest oberflächlich keine vergleichbare Degeneration zeigen, beschäftigt mich seit längerem. Von aussen betrachtet wirken diese Länder funktionaler, zielgerichteter, deutlich weniger von einer postdemokratischen Verfallserscheinung befallen als weite Teile Europas.

Japan und Südkorea weisen in internationalen Vergleichen zur Verwaltungsqualität, Infrastrukturleistung und staatlicher Leistungsfähigkeit häufig Werte auf, bei denen Deutschland längst failed state Niveau einnimmt. Studien zu Governance und Vertrauen zeigen, dass Bürger dort den Staat trotz Korruptionserfahrungen als relativ kompetent erleben: Züge fahren, Stromversorgung funktioniert, Verfahren werden abgearbeitet.4

China ist eine andere Kategorie. Das System wirkt stabil, weil die Kommunistische Partei mit massiver Repression und internen Säuberungen jede offene Degeneration in die Dunkelkammern der Partei verschiebt. Korruption wird intern geregelt, Leute verschwinden, Verfahren finden weit in der Regel nicht auf offener Bühne statt. Nach aussen präsentiert sich eine Funktionsmaschine, die spektakuläre Infrastrukturprojekte aus dem Boden stampft und zugleich eine digitale Kontrollarchitektur errichtet, von der europäische Innenminister heimlich träumen.5

Mehrere Faktoren treten zu Tage.

Ostasien hat eine lange Tradition beamtenstaatlicher Meritokratie. Die Idee, dass höhere Ämter nur gegen harte Prüfungen und reale Leistung erreichbar sind, steckt tief in der politischen Kultur. Das garantiert keine Korruptionsfreiheit, verankert aber zumindest formal den Primat von Kompetenz vor reiner Netzwerktreue. Europa hat sich hier sehenden Auges in das Gegenteil entwickelt: Parteien besetzen Posten über Loyalität, nicht über Fähigkeit.

Hinzu kommt ein extremer sozialer Konformitätsdruck. Wer in Japan oder Südkorea seine Rolle nicht erfüllt, wird nicht nur vom Staat, sondern vom gesamten Umfeld sanktioniert. Das produziert Depressionen, Suizide, Abgründe. Gleichzeitig zwingt es aber Institutionen und Individuen dazu, ihre Aufgaben im Alltag tatsächlich zu erfüllen. Leistungspflicht wird gesellschaftlich eingefordert und nicht durch moralistische Phrasen ersetzt.

China kombiniert diese sozialen Mechanismen mit offenem Autoritarismus. Das System hält, weil Abweichung grosse persönliche Risiken birgt. Ob es langfristig tragfähig ist, steht auf einem anderen Blatt. Tainters Kurve gilt auch dort: Die steigende Komplexität der chinesischen Wirtschaft, die wachsende bürokratische Apparatschik-Schicht und die gleichzeitig schrumpfende demographische Basis legen nahe, dass auch dieses System irgendwann in den Bereich abnehmender Grenzerträge geraten wird.

Der aktuelle Unterschied liegt weniger darin, dass Ostasien das Problem gelöst hätte, sondern darin, dass es sich auf einem anderen Abschnitt der Komplexitätskurve befindet. Diese Gesellschaften schöpfen momentan noch reale Vorteile aus ihrer hohen Organisationsdichte und Disziplin, während der Westen bereits tief in den Bereich eingetreten ist, in dem zusätzliche Komplexität nur noch Störungen erzeugt.

Staatsdesign, Degenerationsvermeidung und Komplexitätsbremsen

Im Blick auf den westlichen Zerfall liegt der naive Reflex nahe, einfach die Politik radikal zu beschneiden: keine Berufspolitiker, maximale Amtszeit von beispielsweise acht Jahren, Parlamente, die nur noch sehr kurz und selten tagen, harte Obergrenzen für Anzahl von Gesetzen und Beamten relativ zum Bruttoinlandsprodukt.

Der Impuls ist verständlich. Ich habe mehr als einmal gedacht, es wäre gesünder, wenn ein Parlament pro Legislatur nur eine sehr begrenzte Anzahl von Gesetzen verabschieden dürfte und alles übrige automatisch verfallen würde, statt dass man jede Woche einen neuen Normensalat produziert.

Problematisch ist die grobschlächtige Umsetzung. Wenn alle Spitzenpolitiker schnell rotieren, die Verwaltung aber als einziger stabiler Block bestehen bleibt, verschiebt sich reale Macht noch stärker in Ministerien, Gerichte und Behördenapparate. Man bekäme Laienparlamente für die Kulisse und eine nahezu unkontrollierbare, sich selbst rekrutierende Beamtenklasse dahinter. Der Attraktor der Degeneration läge dann einfach noch klarer im Verwaltungsapparat.

Sinnvoller erscheinen mir institutionelle Instrumente, die gezielt an der Komplexitätsdynamik ansetzen.

Sunset-Klauseln: Jede neue Norm, jedes neue Programm, jede neue Behörde sollte eine eingebaute Verfallszeit besitzen. Läuft diese Frist ab, ohne dass eine bewusste Verlängerung nach evaluierter Wirkung erfolgt, fliegt die betreffende Norm aus dem System. So zwingt man Gesetzgeber und Verwaltung regelmässig dazu, Altes zu überdenken, statt Schichten auf Schichten zu stapeln.

Normenkontingente pro Legislatur: Parlamente sollten nicht grenzenlos regulieren dürfen. Ein fester Rahmen für die Zahl der neuen Normen pro Wahlperiode zwingt zur Priorisierung. Will man ein neues Gesetz, muss ein altes weichen. Dieser Mechanismus importiert so etwas wie Speicherplatzknappheit und verhindert, dass unendlich viele Spezialregeln in den Bestand hineinwuchern.

Verpflichtende Deregulierung: Neben Gesetzgebungsausschüssen braucht es institutionalisierte Löschkommissionen, deren Auftrag explizit darin liegt, überholte, redundante oder schädliche Normen konsequent zu streichen und Kodifikationen vorzunehmen. Recht muss von Zeit zu Zeit refaktoriert werden, so wie man Legacy-Code durchforstet, statt immer neue Workarounds einzubauen.

Persönliche Haftung und disziplinäre Konsequenzen: Hier bin ich in angenehmer Gesellschaft. Rechtsanwalt Carlos A. Gebauer argumentiert seit Jahren, dass eine wirkliche Demokratie nur dann belastbar funktionieren kann, wenn Politiker persönlich für rechtswidriges Handeln haften, ähnlich wie ein Geschäftsführer oder ein Arzt für schwere Pflichtverletzungen haftet.6 Markus Krall kritisiert in seinen Veröffentlichungen ebenso die faktische Haftungsfreiheit politischer Entscheidungsträger und fordert eine echte Zurechenbarkeit ihrer Fehlentscheidungen.7

Überträgt man das auf Justiz und Verwaltung, bedeutet es: Richter, Staatsanwälte und Beamte, die grob pflichtwidrig handeln oder durch bewusste Untätigkeit Grundrechte verletzen, müssen nicht nur abstrakt „der Staat“, sondern individuell greifbar haftbar werden. Dazu gehören disziplinäre Entlassungen, Regress und im Extremfall strafrechtliche Konsequenzen.

Ohne eine solche Haftungsarchitektur ist jede Komplexitätsreduktion zahnlos. Man kann Normen streichen, Verfahren vereinfachen, Aufbauorganisationen glätten; solange die Personen, die das System tragen, keinerlei reale Folgen für ihr Tun oder Unterlassen fürchten müssen, wird der Degenerationsattraktor immer wieder dominieren.

Wie tragfähig sind diese Beobachtungen und Thesen

Was bleibt nach dieser Runde durch IT, Staatszerfall, kognitive Grenzen und institutionelles Design.

Hadmuts Beobachtung, dass Systeme an ihrer eigenen Komplexität zerbrechen, deckt sich erstaunlich gut mit Tainters theoretischem Rahmen. Komplexe Systeme wachsen, indem sie Probleme mit mehr Organisation beantworten. Jede weitere Schicht kostet Energie, Aufmerksamkeit und Kompetenzen. Ab einem bestimmten Punkt bringen zusätzliche Schichten keine Lösungen mehr, sondern erzeugen nur noch Kosten und neue Fehlerquellen.

Meine portugiesische Erfahrung liefert einen sehr konkreten Beleg: Ein normativ hochgerüsteter Rechtsstaat kann praktisch vollständig versagen, wenn die Beteiligten weder willens noch fähig sind, die normativen Instrumente anzuwenden. Komplexität schützt dann nicht die Bürger, sondern die Verantwortlichen, indem sie jede Zurechnung in einem Meer aus Zuständigkeiten ertränkt.

Die Double-Gaussian-Arbeitsthese zur Kognitionsverteilung ist als formale Theorie sicher grob, als Deutungsmuster aber durchaus brauchbar. Wer ernst nimmt, dass nur eine Minderheit komplexe Systeme gedanklich tragen kann, muss Institutionen so bauen, dass sie diese Minderheit systematisch in Verantwortung bringt und zugleich die Systemkomplexität diszipliniert begrenzt, statt sie grenzenlos anwachsen zu lassen.

Ostasien zeigt, dass hohe Komplexität mit hoher Leistungsfähigkeit kombinierbar ist, solange Meritokratie, sozialer Druck und notfalls autoritäre Mittel die Funktionsfähigkeit erzwingen. Das ist kein Modell, das ich attraktiv fände, aber es belegt, dass Kollaps nicht zwangsläufig sofort einsetzt. Tainters Kurve hat einen steigenden Ast, und Ostasien befindet sich aktuell offenbar noch dort. Der Westen scheint dagegen tief im abfallenden Bereich angekommen zu sein, in dem jeder zusätzliche Regulierungsimpuls die Lage verschlimmert.

Für ein neues Staatswesen reicht es nicht, nur populistische Forderungen wie „keine Berufspolitiker“ auszurufen. Entscheidend sind Mechanismen, die Komplexität kontrollieren, Normen bestrafen, die ins Leere laufen, und Verantwortliche in reale Haftung zwingen. Sunset, Normenkontingente, institutionalisierte Deregulierung und persönliche Haftung bilden dafür ein wesentlich belastbareres Set von Werkzeugen als die reine Rotation von Gesichtern.

Ob das politisch durchsetzbar ist, ist eine andere Frage. Systeme in der Phase abnehmender Komplexitätserträge neigen dazu, ihre eigene Erstarrung zu verteidigen, statt sie abzubauen. Die Profiteure der Dysfunktion sitzen an den Schaltstellen, an denen man diese Instrumente einführen müsste.

Ich bin trotzdem nicht bereit, diese Entwicklung einfach als Naturgesetz zu akzeptieren. Komplexität ist kein Schicksal, sondern eine Folge von Entscheidungen. Man kann Systeme schlank halten, man kann Verantwortlichkeiten klar schneiden, man kann Haftung implementieren. Es braucht dafür nur etwas, das in der heutigen politischen Klasse fast vollständig verschwunden ist: den Willen, auf Kosten eigener Machtoptionen Strukturen zu schaffen, die auch dann noch funktionieren, wenn man selbst längst nicht mehr im Amt sitzt.

Bis dahin bleibt mir nur, aus der Position des Beobachters und Betroffenen zu protokollieren, wie Komplexität sich im Westen Schritt für Schritt von Problemlöser zu Zersetzungsfaktor verwandelt. Und hartnäckig an Modellen zu arbeiten, in denen das nicht das letzte Wort sein muss.


  1. https://www.danisch.de/blog/2025/12/02/wie-staat-und-infrastruktur-an-der-komplexitaet-zerbrechen/ ↩︎
  2. https://polycrisis.org/resource/the-collapse-of-complex-societies/ ↩︎
  3. https://centerforneweconomics.org/publications/excerpts-from-the-collapse-of-complex-societies/ ↩︎
  4. https://www.wiwo.de/politik/deutschland/neue-anreize-wir-brauchen-eine-haftpflicht-fuer-politiker/24447280.html ↩︎
  5. https://www.resilience.org/stories/2023-06-07/the-collapse-of-complex-societies/ ↩︎
  6. https://www.wiwo.de/politik/deutschland/neue-anreize-wir-brauchen-eine-haftpflicht-fuer-politiker/24447280.html ↩︎
  7. https://dokumen.pub/die-brgerliche-revolution-9783784483719.html ↩︎

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