Berlin inszeniert sich noch immer als unverzichtbare Mitte des Westens, als moralisch strahlende Zivilmacht mit neu entdeckter Vorliebe für Tarnfarbe und Munitionsdepots. Gleichzeitig sitzt in einem Interview ein deutscher General und sagt einem US-Magazin ziemlich trocken: Meine direkten Kanäle ins Pentagon sind weg. Abgeschnitten. Wirklich abgeschnitten. Und niemand in der politischen Klasse zuckt zusammen, ausser für die üblichen pflichtschuldigen Sprechblasen.1 2
Dabei denke ich mir: Das ist keine Anekdote, das ist ein seismischer Ausschlag. Nur interessiert es die Verantwortlichen in Berlin ungefähr so sehr wie der Blutdruck eines Steuerzahlers, der gerade die nächste Abschlagszahlung überweist.
Das US-Magazin The Atlantic porträtiert die neue deutsche Rüstungs- und Sicherheitspolitik unter dem etwas unglücklich martialischen Titel „The New German War Machine“. Dort erzählt Christian Freuding, Inspekteur des Heeres, er habe früher amerikanische Verteidigungsbeamte per Textnachricht „Tag und Nacht“ erreichen können, inzwischen seien diese Kanäle „cut off, really cut off“. Die Trump-Regierung habe Berlin nicht einmal vorab informiert, als sie Waffenlieferungen an die Ukraine aussetzte.
Die Berliner Zeitung hebt genau diese Passage hervor, schlagzeilentauglich zugespitzt: Der Kontakt zum Pentagon sei „abgeschnitten, wirklich abgeschnitten“, die Kommunikation mit Washington laufe nur noch über Umwege, sprich: über die Botschaft, wo dann jemand „versucht, jemanden im Pentagon zu finden“. Andere Medien springen auf die gleiche Schiene, mal mit etwas mehr, mal mit etwas weniger Dramatik. Die Welt spricht von einem „Kontaktabbruch durch das Pentagon“3, n-tv von „abgerissenen Kontakten ins US-Verteidigungsministerium“.
Parallel berichtet die Times, das Pentagon habe den Arbeitskontakt zwischen amerikanischen Verteidigungsbeamten und ihren deutschen Gesprächspartnern gekappt, während nach wie vor rund 35’000 US-Soldaten in Deutschland stationiert sind und die Stützpunkte Ramstein und Stuttgart für das amerikanische Operationsgeschäft in Afrika und im Nahen Osten zentral bleiben.4 Russische und sonstige „multipolares Weltordnungs“-Outlet-Kandidaten verwerten die Geschichte erwartungsgemäss als Beleg für den Zerfall des Westens.5
Interessant ist weniger der Spin der üblichen Verdächtigen, sondern der harte Kern: Ein amtierender Heeresinspekteur sagt öffentlich, dass seine gewohnten Direktverbindungen nach Washington nicht mehr existieren. Das ist, gelinde gesagt, kein Alltagsdetail.
Man muss diese Episode entkernen, sonst bleibt nur eine Boulevardversion: Nein, die NATO ist nicht über Nacht aufgelöst, es gibt weiterhin Militärattachés, Stäbe, Kommandostrukturen, formale Gremien. Niemand hat das Telefon in Brüssel aus der Wand gerissen. Die Aussage zielt auf etwas anderes.
Freuding beschreibt den Verlust informeller, aber extrem wirksamer Vertrauenskanäle. Dieses „Tag und Nacht texten“ stand für eine Kultur, in der Berlin als politisch und militärisch relevanter Partner wahrgenommen wurde, der auf Augenhöhe vorab eingebunden wird. Wenn solche Kanäle von US-Seite still zugeschoben werden, dann ist das ein Signal: Ihr seid Füllmasse, nicht erster Ansprechpartner.
Die Episode um die aus heiterem Himmel gestoppte Waffenlieferung an Kiew zeigt, wie Washington Berlin einordnet. Entscheidungen von hoher strategischer Tragweite werden getroffen, ohne auch nur den Anstand einer rechtzeitigen Information gegenüber dem wichtigsten Truppenstellplatz in Europa. Freuding bestätigt genau das: Berlin bekam keinerlei Vorwarnung, obwohl oder vielleicht gerade weil Deutschland sich gleichzeitig mit „Zeitenwende“-Rhetorik als besonders engagierter Ukraine-Unterstützer inszeniert.
Die Notlösung über die eigene Botschaft in Washington ist entlarvend. Wenn ein Heeresinspekteur darauf angewiesen ist, dass ein Diplomat „jemanden findet“, der „vielleicht etwas weiss“, dann ist das nicht einfach „komplizierter gewordene Koordination“. Das ist Degradierung auf die Rolle des Zaungasts, der durchs Fenster schaut, während drinnen die wirklichen Entscheidungen fallen.
Sicherheitspolitisch ist die Bundesrepublik ein merkwürdiges Hybridwesen. Auf dem Papier wichtig, in der Praxis zunehmend austauschbar. Die USA nutzen deutsche Standorte als logistische Drehscheiben, Luftdrehkreuze und Kommandozentralen. Ramstein, Stuttgart und Konsorten sind geostrategisch relevant.
Nur führt logistische Relevanz nicht automatisch zu politischem Gewicht. Berlin hat sich so bequem in der Rolle des Schutzbefohlenen eingerichtet, dass es nicht einmal merkt, wenn die Vormundschaft kürzlich zur reinen Zweckgemeinschaft heruntergestuft wurde. Washington braucht den deutschen Raum, aber nicht den deutschen Rat. Es will Infrastruktur, nicht Einmischung.
Hinzu kommt der bekannte Dreiklang der deutschen Selbstneutralisierung: wirtschaftlich angeschlagen durch selbstzerstörerische Energie- und Industriepolitik, militärisch jahrzehntelang abgerüstet, aussenpolitisch gefangen in einer Mischung aus moralischer Besserwisserei und provinzieller Hilflosigkeit. Eine Macht ohne reale Machtmittel, dazwischen ein politischer Apparat, der seine eigene historische Bedeutungslosigkeit mit „wertebasierter Aussenpolitik“ überschminkt.
Genau in dieser Konstellation wirkt Freudings Klage wie ein unbeabsichtigter Wahrheitsmoment. Hier bricht kurz durch, was die Rhetorik sonst überdeckt: Deutschland ist sicherheitspolitisch hochgradig abhängig, gleichzeitig aber so lästig, inkonsistent und unzuverlässig wahrgenommen, dass man es nicht mehr ernsthaft in die innere Entscheidungslogik integriert.
Dass dieses Signal in Berlin nicht zu einem machtpolitischen Schock führt, sondern in die üblichen Sprechblasenkanäle einsickert, beschreibt den Zustand der deutschen Funktionselite besser als jede wissenschaftliche Studie.
Ich sehe da mehrere Schichten.
Oben sitzt eine politische Klasse, die ihren Job als Verwaltung von Narrativen versteht. Die Wirklichkeit draussen hat dabei vor allem dekorative Funktion. Wenn in Washington die Lichter auf Rot springen, wird in Berlin geprüft, wie man das kommunikativ „einhegen“ kann. Also das berühmte „Gendern. Dann Freigabe.“ Problem gelöst, solange es eine Pressemitteilung mit der Formulierung „enge Abstimmung“ gibt.
Dazwischen agieren Ministerialapparate, Thinktanks, Beraterzirkel. Viele davon leben geistig noch im goldenen Zeitalter des deutschen Sonderwegs: Exportweltmeister, billige Energie, US-Schirm, EU als Projektionsfläche für eigene Vorstellungen von technokratischer Steuerung. Dass dieses Setting brüsk kollabiert ist, passt nicht zum Selbstbild. Also schiebt man unerfreuliche Fakten in die Schublade „Störungen“, die sich schon wieder einrenken werden.
Unten arbeiten Militär, Polizei, Nachrichtendienste, also die Leute, die im Krisenfall tatsächlich irgendetwas zu verantworten hätten, was über die Gestaltung von PowerPoint-Folien hinausgeht. Wenn einer aus dieser Ebene, wie jetzt Freuding, öffentlich sagt: Unsere direkten Kanäle nach Washington sind weg, dann ist das eigentlich ein Schuss mit Platzpatronen in die Decke, um die Leute im Stockwerk darüber aufzuwecken. Reaktion der Nomenklatura: man nickt bedenklich, betont die Unverzichtbarkeit der transatlantischen Partnerschaft und geht zum nächsten Panel über Geschlechtergerechtigkeit in Sicherheitsstrukturen.
Dieses Verhalten ist kein Betriebsunfall, sondern System. Ein System, das lieber das eigene Selbstbild schützt als reale Machtverschiebungen analysiert. Endverblödung im Stadium nach Endstadium ist keine rhetorische Übertreibung, sondern eine ziemlich präzise Beschreibung der Mischung aus intellektuellem Schlendrian, Feigheit und institutioneller Selbsterhaltung.
Der Fall Freuding spielt sich nicht im luftleeren Raum ab. Während in Europa über „strategische Souveränität“ fabuliert wird, handelt Washington im Ukrainekonflikt zunehmend nach innenpolitischer Opportunität. Waffenlieferungen werden gestartet, gestoppt, wieder angekündigt. Die Alliierten erfahren rechtzeitig genug, um mit ihren Kommunikationslinien Schritt zu halten, aber zu spät, um noch irgendetwas zu gestalten.
Deutschland steht dabei in einer besonders bizarren Rolle. Das Land, das am lautesten von „Zeitenwende“, „Führungsverantwortung“ und „Verteidigung europäischer Freiheit“ spricht, wird zugleich vom zentralen Partner nicht mehr als ernstzunehmender Akteur behandelt. Man erwartet, dass Berlin zahlt, Standorte bereitstellt, aber schweigt, wenn die Musik einsetzt.
Der eigentliche Skandal liegt nicht darin, dass die USA ihre Interessen priorisieren. Das ist normal. Der Skandal liegt darin, dass in Berlin fast niemand bereit ist, daraus Konsequenzen zu ziehen. Weder in Richtung einer realistischen Aufwertung eigener Fähigkeiten, noch in Richtung einer ehrlichen Neubewertung der transatlantischen Asymmetrien. Stattdessen schiebt man das Thema in die Ecke „Kommunikationsproblem“ und arbeitet weiter an der politisch korrekten Inszenierung.
Ich sitze vor diesen Meldungen und stelle mir die nächste Krise vor, irgendein Szenario zwischen Eskalation im Baltikum, iranischem Abenteuer im Nahen Osten oder einem gezielten Angriff auf Unterseebreitbandkabel. Deutschland wäre auch dann in allen Szenarien infrastrukturell relevant und politisch marginalisiert. Telefonate würden laufen, aber nicht an die Nummern, an die man sich in Berlin so gern erinnert.
Letztlich muss aber expressis verbis klar ausgesprochen werden: Die Republik wird nicht von einer fremden Macht in die Bedeutungslosigkeit gedrängt, sie stolpert aus freien Stücken hinein. Schritt für Schritt, flankiert von Talkshowrunden, Leitartikeln und Bundestagsdebatten, in denen man sich selbst fürs falsche Fragenstellen noch auf die Schulter klopft.
- https://www.berliner-zeitung.de/news/bundeswehr-general-freuding-pentagon-hat-kontakt-zum-verteidigungsministerium-abgebrochen-li.10008320 ↩︎
- https://www.theatlantic.com/magazine/2026/01/german-militarism-european-security/684951/ ↩︎
- https://www.welt.de/politik/ausland/article692698b1f60b758bebd57baf/ukraine-krieg-wirklich-abgebrochen-bundeswehr-general-spricht-von-kontaktabbruch-durch-pentagon-liveticker.html ↩︎
- https://www.thetimes.com/world/europe/article/german-army-chief-says-contact-with-us-military-cut-off-by-pentagon-p2xc7w9td ↩︎
- https://tass.com/world/2052079 ↩︎
