Ausgangspunkt ist eine einfache, fast schon obszön banale Beobachtung: Ein durchschnittlicher Staatsbürger, irgendwo zwischen Facharbeiter, Angestellter und kleiner Selbstständiger, lebte um 1980 oder 1990 materiell und psychisch oft entspannter als sein Gegenstück im Jahr 2025, obwohl offiziell die Kennziffern vor Wohlstand geradezu glänzen. Ich rede von Menschen ohne siebenstelliges Aktiendepot, ohne Vorstandstitel, ohne Ministergehalt. Also von jener Mehrheit, die das System trägt, für die der Begriff „Mittelschicht“ erfunden wurde und die inzwischen behandelt wird wie ein Betriebsunfall der Geschichte.
Mir wird regelmässig erklärt, es sei nachweisbar, dass es uns „so gut gehe wie noch nie“. Bruttoinlandsprodukt gewachsen, Reallöhne gestiegen, Arbeitslosigkeit historisch niedrig. Nur: Das, was am Ende eines Monats, eines Jahres, eines Lebens an tatsächlichem Freiheitsgrad übrig bleibt, fühlt sich für viele nicht nach Fortschritt an, sondern nach einem geschickten Taschenspielertrick. Vorn werden ein paar statistische Prozentpunkte herumgewedelt, hinten verschwinden Zeit, Substanz und Reserven in einem Loch aus Steuern, Zwangsinvestitionen, Regulierungsabgaben und systematisch verteuerter Daseinsvorsorge.
Die staatliche Lüge funktioniert über die Auswahl der Kennziffern. Es wird auf Aggregate gestarrt, als wären sie die Wirklichkeit. Niemand lebt „das BIP“. Niemand bezahlt seine Heizung mit einem WSI-Index. Niemand kauft Wohneigentum mit „durchschnittlichen Nettolöhnen je Arbeitnehmer“. Man lebt mit Mieten, Hypotheken, Nebenkosten, Zwangssanierungen, CO₂-Preisen, Kita-Gebühren, Ticketpreisen und Versicherungsbeiträgen. Und genau dort wird es unschön.
Ich will die Sache nicht in eine nostalgische „Früher war alles besser“-Pose verziehen. Die 1980er hatten andere Abgründe: Arbeitsmarkt, Umwelt, Kalter Krieg. Aber eine Struktur verändert sich klar erkennbar. 1980 und 1990 hatte ein Durchschnittsverdiener mit etwas Disziplin eine reelle Chance auf ein abbezahltes Eigenheim, eine halbwegs kalkulierbare Altersversorgung, ein normales Auto, einen Urlaub, vielleicht etwas Rücklage. Heute arbeitet derselbe Typus Mensch in einem hochkomplexen Regime aus Kreditbläschen, Klimapolitik, europäischer Geldpolitik, abenteuerlicher Steuerlogik und digitaler Obrigkeitsverwaltung. Und dann erklärt man ihm, er solle bitte dankbar sein, seine Reallöhne seien doch „immerhin um rund 18 Prozent gewachsen“.
Genau dort beginnt in meinen Augen die Lüge: im bewusst verengten Blick auf Zahlen, die nur noch in Resten abbilden, was für das Leben eines Menschen wirklich zählt.
Reale Wirtschaftsleistung und das Märchen vom historischen Wohlstand
Zuerst zur grossen Kulisse. Die reale Wirtschaftsleistung in Deutschland ist seit dem Jahr 2000 tatsächlich gestiegen. Das nominale Bruttoinlandsprodukt hat sich von rund 2,1 Billionen Euro auf ungefähr 4,5 bis 4,7 Billionen Euro im Jahr 2024 erhöht, also grob verdoppelt. Preisbereinigt bleibt davon ein Zuwachs von etwa 25 bis 35 Prozent übrig, je nach genauer Methodik und Basisjahr.
Mit anderen Worten: Die Volkswirtschaft produziert real mehr Güter und Dienstleistungen als vor einem Vierteljahrhundert. Das ist die Grundlage für das staatliche Selbstlob. Man zeigt auf das wachsende BIP und verkündet, der Kuchen sei grösser geworden. Was nicht dazu gesagt wird: Es interessiert das einzelne Haushalt nicht besonders, dass die Gesamtmasse gewachsen ist, wenn seine eigene Scheibe des Kuchens nur marginal dicker wurde, während die Liste der Zwangsausgaben explodiert.
Bereits an dieser Stelle beginnt die Trennung zwischen volkswirtschaftlichem Aggregat und gelebter Lebenswirklichkeit. Die Tatsache, dass ein Land realwirtschaftlich um einen Viertel oder ein Drittel zugelegt hat, würde nur dann automatisch Wohlstand bedeuten, wenn die Verteilungsmechanik halbwegs stabil geblieben wäre, die Präferenzstruktur der Menschen konstant bliebe und der Staat sich nicht wie ein expandierender Konzern verhielte, der jede Mehrproduktion sofort in neue Geschäftsfelder, Abteilungen und Kontrollgremien umleitet. Genau das aber ist passiert.
Reale Nettolöhne: das lächerliche Plus von rund 18 Prozent
Die wohl ehrlichste Einzelzahl in dieser Debatte stammt aus den WSI-Auswertungen zu den durchschnittlichen Brutto- und Nettolöhnen je Arbeitnehmer. Fuer die Jahre 2000 bis 2024 lässt sich ablesen, dass die Nettolöhne je Arbeitnehmer nominal um etwa 87 Prozent gestiegen sind, die realen Nettolöhne hingegen nur auf einen Indexwert von rund 118 gekommen sind.
Übersetzt bedeutet das: Wer im Jahr 2000 für 100 Einheiten Kaufkraft Nettolohn hatte, liegt 2024 im Durchschnitt bei etwa 118. Real. Nach fast einem Vierteljahrhundert. Das ist kein Wohlstandsfeuerwerk, sondern ein schlapper Kerzenstummel. In denselben 24 Jahren wurde der Preisindex für Konsumausgaben auf grob 160 hinaufgetrieben, also rund 60 Prozent Höherbewertung des Warenkorbs gegenüber dem Jahr 2000.
Damit hätte die Geschichte eigentlich schon ihren bitteren Kern. Die offizielle Kommunikation arbeitet jedoch gerne mit dem Durchschnitt, weil er, gestützt von einigen gut verdienenden Gruppen, wesentlich freundlicher aussieht als das, was sich im Median abspielt.
Der Median, also das Einkommen genau in der Mitte der Verteilung, wird in den WSI-Verteilungsberichten und im SOEP mitdiskutiert. Hier sieht man, dass die real verfügbaren Medianeinkommen zwar zulegen, aber deutlich zahmer als die ohnehin schon mässigen 18 Prozent der durchschnittlichen Nettolöhne. Wer sich nicht im oberen Drittel der Einkommenspyramide bewegt, erlebt deshalb die „18 Prozent real“ nicht als komfortables Polster, sondern eher als hauchdünne Isolationsschicht gegen steigende Fixkosten.
Dass gleichzeitig die Lohnungleichheit seit Anfang der 2000er zugenommen hat, wird in seriösen wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchungen regelmässig bestätigt. Das IAB etwa zeigt, wie sich Löhne an unterschiedlichen Quantilen auseinanderentwickeln. Die angenehmen Zuwachsraten sitzen eher im oberen Bereich, während die mittleren und unteren Gruppen lange Jahre real stagnierten und erst in den 2010er Jahren bescheidene Fortschritte sahen. Die offizielle „Reallohnsteigerung“ ist damit ein hochaggregierter Trostpreis, hinter dem sich eine deutlich unfreundlichere Verteilung versteckt.
Beamte, Tarifbeschäftigte im öffentlichen Dienst und Abgeordnete
Die Beamtenbesoldung bildet ein eigenes, faszinierendes Universum. Formal orientiert sie sich an der Entwicklung in der Gesamtwirtschaft und im Tarifbereich. Praktisch haben mehrere Gerichte inzwischen festgestellt, dass die Besoldung teilweise so weit von einer amtsangemessenen Alimentierung entfernt liegt, dass sie gegen das Grundgesetz verstösst. Das Bundesverfassungsgericht hat im Herbst 2025 im Fall Berlin entschieden, dass die dortige A-Besoldung zwischen 2008 und 2020 in weiten Teilen verfassungswidrig zu niedrig war, weil sie das Mindestabstandsgebot zur Grundsicherung verfehlt hat. Das Verwaltungsgericht Meiningen hat für die Richterbesoldung in Thüringen ähnliche Feststellungen getroffen und die Sache nach Karlsruhe weitergereicht.
Diese Urteile zeigen zweierlei.
- Die Besoldung wurde in Teilen der Republik hinter der allgemeinen Lohn- und Preisentwicklung zurückgelassen, obwohl Beamte und Richter formal zu den Besserverdienenden gehören.
- Selbst in diesem Segment, das de facto privilegiert behandelt wird, reicht das Einkommen in manchen Konstellationen nur knapp über das Grundsicherungsniveau hinaus. Man stelle sich vor, was das für den ökonomischen Realzustand darunter bedeutet.
Tarifbeschäftigte im öffentlichen Dienst, orientiert an TVöD und TV-L, haben seit 2006 nominale Zuwachsraten zwischen 45 und gut 60 Prozent gesehen, je nach Entgeltgruppe und Bereich. Real bleibt dabei, wie üblich, deutlich weniger übrig. Eine Auswertung der Hans-Böckler-Stiftung weist für Tarifbeschäftigte in der Gesamtwirtschaft einen realen Zuwachs von rund 21 Prozent zwischen 2000 und 2020 aus; danach frassen die Inflationsschübe 2021 und 2022 einen Teil der Gewinne wieder auf.
Abgeordnete im Bundestag haben ihre Entschädigungen an die Entwicklung der Löhne gekoppelt. Die Diäten lagen im Jahr 2000 bei rund umgerechnet 6’623 Euro, seit Juli 2025 bei 11’833,47 Euro pro Monat. Das entspricht grob einer Steigerung um 79 Prozent. Die steuerfreie Aufwandspauschale ist von rund 3’300 auf über 5’000 Euro gestiegen.
Legt man den Verbraucherpreisindex daneben, der zwischen 2000 und 2024 um etwa 60 Prozent zugelegt hat, zeigt sich: Die Abgeordneten liegen mit ihren Diäten leicht über der Inflationslinie und ungefähr im Bereich der nominalen Durchschnittslöhne. Die Bescheidenheit, die man gern rhetorisch vor sich herträgt, spiegelt sich in den Zahlen nicht wirklich wider, aber die Abgeordneten schiessen zumindest nicht völlig aus der Kurve. Anderswo sieht es ungenierter aus.
Top-Management: DAX, MDAX und SDAX als Parallelwelt
Bei den Vorständen grosser börsennotierter Unternehmen beginnt der eigentliche Zivilisationswitz. Die DSW-Vorstandsvergütungsstudie 2023 weist für einfache Vorstandsmitglieder der DAX-Unternehmen eine durchschnittliche Gesamtvergütung von rund 2,9 Millionen Euro aus; Vorstandsvorsitzende liegen bei gut 5,1 Millionen Euro. Neuere Analysen für 2023 zeigen weiter steigende Medianvergütungen, insbesondere bei den Vorstandsvorsitzenden mit Werten über 6 Millionen Euro.
Historische Reihen belegen, dass sich die DAX-Vorstandsgehälter seit den 1980ern nicht nur nominal, sondern auch real vervielfacht haben. Studien zur Vergütungsentwicklung sehen für die Zeitspanne bis Mitte der 2000er bereits Faktoren von vier bis fünf gegenüber den späten 1980er Jahren. Seit 2000 hat sich die durchschnittliche Gesamtvergütung in etwa verdoppelt bis verdreifacht. Damit bewegen wir uns für Topmanager auf einem Index irgendwo zwischen 220 und 250, wenn 2000 als 100 gesetzt wird.
Spannend ist die Relation zu den Durchschnittsbeschäftigten. Die DSW-Studie nennt ein Verhältnis zwischen Gesamtvergütung eines DAX-Vorstandsmitglieds und dem Personalaufwand pro Mitarbeiter von etwa 38 zu 1, nach vorherigen Spitzenwerten um 50 zu 1. Man darf nicht vergessen, dass bereits im Jahr 2000 die Abstände erheblich waren. In dieser Parallelwelt haben mangelnde Masshaltung und Selbstbedienung keine Inflationsprobleme, sie profitieren davon.
Diese Entwicklung wirkt auf die gesamte Verteilungsstruktur zurück. Die oberen Einkommen ziehen den statistischen Durchschnitt nach oben, gleichzeitig treiben sie Vermögenspreise, Immobilien und Beteiligungswerte mit hoch. Wer keinen Zugang zu diesen Einkommens- und Vermögensquellen hat, wird dadurch doppelt getroffen: zuerst als Konsument, dann als Mieter oder Eigentümer, der spät, teuer oder gar nicht mehr in den Markt kommt.
Geldmenge, Gold und der schleichende Geldmengenüberhang
An dieser Stelle lohnt es sich, von der Verteilungsebene auf die monetäre Infrastruktur hinunterzuzoomen. Die Geldmenge M3 im Euroraum hat sich seit der Einführung des Euro massiv aufgeblasen. Anfang der 2000er lagen die Werte in einer Grössenordnung von etwa 4,5 bis 5 Billionen Euro; um 2024 herum bewegt sich M3 bei 15 bis 16 Billionen. Man redet also von einem Faktor um drei bis dreieinhalb in knapp 25 Jahren.
Dem gegenüber steht eine nominale BIP-Entwicklung, die den Output grob verdoppelt hat. Der Rest ist monetarer Überhang, der zwar in der Umlaufgeschwindigkeit, in der Kreditvergabe und in der Verteilung Puffer findet, aber irgendwann irgendwo auftauchen muss. Zuerst im Vermögensbereich: Aktien, Immobilien, Kunst, Private Equity. Dann, mit Zeitversatz und Schock, in den Verbraucherpreisen.
Gold in Euro bietet in diesem Kontext eine sehr unsympathische, aber ehrliche Referenz. Um das Jahr 2000 lag die Feinunze bei etwa 250 bis 300 Euro. Zwischen 2020 und 2024 bewegen wir uns meist im Bereich von 1’600 bis 2’000 Euro pro Unze, je nach Tag und Panikgrad. Das entspricht grob einem Faktor sechs bis sieben. Wer den Euro bloss als Transaktionsmittel benutzt, fährt in dieser Perspektive wie ein Fahrgast, dem man erklärt, der Zug laufe pünktlich, während draussen das gesamte Schienennetz unterspült.
Geldmengenüberhang ist kein sauber definierter Begriff, aber als heuristischer Blickwinkel taugt er. Man vergleicht, wie stark Geldmenge und nominale Wirtschaftsleistung auseinanderlaufen. Der Unterschied landet vor allem in aufgeblasenen Vermögenswerten und in jener Art Inflation, die sich zuerst bei Gutverdienern als „Asset Appreciation“ bemerkbar macht und für die Mehrheit später als „explodierende Mieten“, „unbezahlbare Eigenheime“ und „unerreichbare Altersvorsorge“ durchschlägt. Die offizielle Inflationsmessung im Konsumbereich bildet diesen Prozess nur teilweise ab, und immer mit Verzögerung.
1980/1990 gegen 2025: materielle und psychische Belastung
Bis hierher bewegen wir uns in der Welt der Kennziffern. Spannend wird es dort, wo sich diese Entwicklung in konkrete Lebenslagen übersetzt. Meine Ausgangsthese lautete: Ein normaler Bürger um 1980 oder 1990 war materiell und psychisch häufig besser gestellt als sein Pendant heute, obwohl die Datenaggregate den gegenteiligen Eindruck vermitteln.
Wohnkosten sind das offensichtlichste Beispiel. Wer in den 1980ern mit normalem Facharbeiterlohn und etwas Disziplin ein Einfamilienhaus baute, hatte zwar Zinslasten im zweistelligen Bereich, aber vernünftige Baupreise, deutlich niedrigere Grundstückskosten, weniger Regulierungsballast und keine GEG-Zwangausstattung. Die laufenden Nebenkosten hielten sich im Rahmen, Energiepreise folgten zwar auch geopolitischen Schocks, aber die allgemeine Politik war nicht darauf ausgerichtet, über CO2-Preise und Zertifikate systematisch jede Kilowattstunde zu verteuern.
Heute sieht das Bild radikal anders aus. Eigentum wird in vielen Regionen nur noch im Paket mit energetischer Totalsanierung gedacht, mit Wärmepumpe, Dämmorgien, Smart-Meter-Pflichten, Dachflächenphotovoltaik und einem Förderantragszirkus, der jede Bauherrin und jeden Bauherrn faktisch zum Halbtagsjuristen macht. Das ist nicht „Veredelung des Lebensstandards“, sondern eine Zerstückelung der finanziellen und zeitlichen Spielräume. Die nominellen Reallohngewinne verdampfen in Pflichtaufwendungen, die nicht primär der Lebensqualität des Betroffenen dienen, sondern makroklimatischen Zielvorgaben, an denen Präsidien, Ministerien und internationale Gremien ihre moralische Erlösungsbilanz bemessen.
Ähnlich läuft es bei Mobilität. 1980 war ein Verbrenner mit bescheidenem Verbrauch ein Werkzeug, kein politisches Symbol. Tankstellenpreise schwankten, aber Abgaben- und Regulierungsanteile hielten sich im Vergleich zu heute in Grenzen. Flüge waren teurer als in der späten Billigfliegerphase, wurden aber nicht systematisch moralisch aufgeladen. 2025 zahlt ein Durchschnittsbürger nicht nur mehr für jede gefahrene und geflogene Einheit, er muss zugleich ein wachsendes schlechtes Gewissen und eine steigende administrative Komplexität verwalten: Umweltzonen, Fahrverbote, CO₂-Zertifikatskosten, Fluggastabgaben, Parkraumbewirtschaftung.
Dazu kommt die IT- und Compliance-Dimension. 1980 und 1990 hatten Lohnsteuer, Krankenkasse und Rentenversicherung bereits eine beträchtliche Bürokratie, aber sie liefen in Papier-Abläufen, die zwar langsam und gelegentlich absurd, jedoch für den Einzelnen zeitlich halbwegs kalkulierbar waren. Heute zwingt man den Bürger in eine permanente Interaktion mit Portalen, Onlineformularen, Mehrfaktor-Authentifizierungen, Pflichtaccounts und undurchsichtigen Schnittstellen. Steuererklärung, Elster, digitale Krankenkassenportale, Arbeitsagentur, Melderegister, Bauaufsicht, Schulanmeldungen, Arzttermine, Bürgerservice: alles wird digitalisiert, selten wirklich vereinfacht, fast nie robust gestaltet. Fehler landen systematisch auf dem Rücken des Einzelnen, der die Schnittstellen gar nicht übersieht.
Das alles sind keine „Luxusprobleme der Moderne“, sondern reale Belastungen, die sich direkt auf das subjektive Wohlergehen übersetzen. Die statistische Reallohnsteigerung von knapp 18 Prozent steht in einem Umfeld, in dem Wohnen, Energie, Mobilität, Gesundheit und Bildung als systematische Kostenfallen fungieren, während gleichzeitig die psychische Last durch Verwaltungs- und IT-Komplexität exponentiell zunimmt. Das Erzählmärchen vom „historisch einmaligen Wohlstand“ wirkt vor diesem Hintergrund wie ein schlechter Scherz.
Die Mechanik der staatlichen Lüge
An diesem Punkt kommt die Frage auf, ob hier einfach nur kognitive Trägheit am Werk ist oder bewusste Irreführung. Ich habe wenig Lust, in die pure „alles Absicht“-Paranoia zu kippen. Trotzdem ist das Muster zu deutlich, um es als blosses Missverständnis abzutun.
- Wird konsequent mit Durchschnittswerten gearbeitet. Dass der Durchschnitt nicht die typische Lebenslage abbildet, sondern von Ausreissern im oberen Bereich nach oben gezogen wird, dürfte jeder statistisch halbwegs gebildeten Verwaltungskraft bekannt sein. Trotzdem wird der Durchschnittslohn als Wohlstandsbeleg verkauft, während der Median und die Ungleichheitsmasszahlen höchstens am Rand erwähnt werden.
- Wird der Blick strikt auf fliessende Einkommen verengt. Vermögenspreise, Eigentumsquoten und langfristige Erreichbarkeit von Wohneigentum tauchen in den Standard-Narrativen nur dekorativ auf. Man verweist vielleicht auf „steigende Vermögenswerte“, sagt aber nicht dazu, dass der Grossteil dieser Werte bei jenen landet, die ohnehin schon auf der Sonnenseite stehen. Der normale Angestellte sieht davon höchstens etwas in seinem ETF-Depot oder in der betrieblichen Altersvorsorge, nicht in seiner unmittelbaren Lebensführung.
- Werden staatliche Zwangsausgaben und Regulierungsfolgen aus der Wohlstandserzählung herausdefiniert. Es wird so getan, als stünden Reallohn X und Konsumkorb Y in einem direkten, freien Verhältnis, während in Wirklichkeit Pflichtsanierungen, Abgaben, Gebühren und indirekte Zwangsinvestitionen massive Stücke vom theoretisch verfügbaren Einkommen abbeissen. Energetische Sanierung, Heizungspflicht, CO₂-Bepreisung, ETS-2, Netzumlagen, kommunale Gebührenpolitik und Abgabenerfindungen aller Art erscheinen in der Statistik als neutrale Ausgabepositionen, nicht als das, was sie faktisch sind: ein Durchgriff des Staates auf die Verwendungsfreiheit des Einkommens.
- Wird die Zeitdimension unterschlagen. Ein System, das bürgerliche Existenz mit permanenten digitalen Interaktionen, ständig neuen Meldepflichten und einem Arsenal an Sanktionsdrohungen überzieht, klaut nicht nur Geld, sondern Lebenszeit und Nervensystem. Dieser Verlust taucht in keiner volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auf. Er taucht im Burnout des Familienvaters auf, der abends nach der Arbeit noch eRezept, Steuerportal, Schulanmeldung und Förderanträge jongliert. Er taucht im Frust der Rentnerin auf, die an einer halbgar digitalisierten Behörde verzweifelt.
- Geldpolitik und Geldmengenexzesse werden mit einem technokratischen Schleier bedeckt, der jede demokratische Kontrolle praktisch aushebelt. Die Ausweitung von M3 um den Faktor drei und mehr wird als „notwendige Liquiditätsbereitstellung“ verkauft, die spätere Inflation als bedauerlicher Nebeneffekt globaler Krisen. Dass gleichzeitig Vermögenspreise durch die Decke gehen und Gold den Euro als Wertspeicher demaskiert, wird höchstens am Rand als „Anlageentscheidung verunsicherter Sparer“ kommentiert.
Am Ende steht keine einfache statistische Ungenauigkeit, sondern ein durchgängiges Kommunikationsmuster: Man pickt jene Kennzahlen heraus, die hinreichend glänzend aussehen, ignoriert systematisch Verteilungsfragen, Pflichtlasten und Zeitvernichtung, und verpackt das in eine moralische Rhetorik, die jede Kritik an dieser Inszenierung als undankbar, populistisch oder „wissenschaftsfeindlich“ etikettiert.
Warum ich hier tatsächlich von Lüge spreche
Viele ökonomische Debatten leiden an Übertreibung. Jeder strukturelle Fehler wird sofort zur Katastrophe erklärt. Trotzdem bleibe ich in diesem Fall bei der Formulierung vom „staatlichen Lügensystem“, weil bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind.
- Liegt eine Informationsasymmetrie vor, die nicht zufällig ist. Ministerien, Forschungsinstitute, Notenbanken und Beratungsapparate wissen sehr genau, dass Durchschnittskennziffern, aggregierte BIP-Daten und abstrakte Reallohnindizes nur einen Ausschnitt abbilden. Sie kennen die Medianwerte, die Verteilungsmaasse, die Vermögenskonzentration, die Geldmengenpfade, die Vermögenspreisinflation. Sie sehen, dass Tariflöhne etwa im Jahr 2020 real rund 21 Prozent über 2000 lagen, aber dass die anschliessende Inflationsphase einen Teil dieses Zuwachses wieder vernichtet hat.
- Werden diese Informationen nicht etwa offen in eine erwachsene Gesellschaftskommunikation eingespeist, sondern selektiv. Die erwähnten Zahlen erscheinen in Fachberichten, werden im Wirtschaftsteil der Zeitungen kurz gestreift, verschwinden danach aber hinter der viel lauteren Erzählung vom „robusten Aufschwung“ und vom „soliden Wohlstand“. Wer sich nicht aktiv in Datenbanken und Berichte eingräbt, hört nur den Refrain: Alles stabil, alles gut, Kritik sei überdreht.
- Werden politische Projekte auf diese geschmeidige Erzählung aufgesattelt. Klimapolitik, Migrationspolitik, europäische Integration, Sozialstaatsausbau, Digitalisierungsoffensiven: alles wird so verkauft, als stehe eine wirtschaftlich kerngesunde Gesellschaft dahinter, die nur noch ein paar Visionen finanzieren müssen. Niemand sagt offen: Der real verfügbare Spielraum des durchschnittlichen Haushalts ist hauchdünn, jede weitere Pflichtlast wird unmittelbare Verzichtsentscheidungen erzwingen.
- Man nutzt moralische Druckmittel, um Widerspruch zu delegitimieren. Wer darauf hinweist, dass sich ein grosser Teil der Bevölkerung trotz statistischer Reallohnzuwächse schlechter stellt als die Elterngeneration, gilt schnell als reaktionär, neidisch, „rechts“ oder „populistisch“. Die Diskussion wird in eine Achse verschoben, in der jede Frage nach der Verhältnismässigkeit staatlicher Eingriffe als Angriff auf höhere Werte gebrandmarkt wird.
In einer solchen Konstellation ist das, was die Bürgerschaft zu hören bekommt, nicht mehr blosse Schönfärberei, sondern eine systematische Verzerrung der Wirklichkeit. Die Kluft zwischen offizieller Erzählung und gelebter Erfahrung ist so gross geworden, dass der Begriff „Lüge“ nicht nur rhetorischer Effekt, sondern analytische Beschreibung ist.
Was von der Wohlstandserzählung übrig bleibt
Am Ende dieser kleinen Inventur steht ein sehr ernüchterndes Bild.
Die reale Wirtschaftsleistung Deutschlands liegt deutlich über dem Niveau von 2000, die durchschnittlichen realen Nettolöhne je Arbeitnehmer sind um rund 18 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hat sich die Geldmenge drastisch erweitert, Gold in Euro hat sich vervielfacht, Vermögenspreise sind davon galoppierend gezogen. Die Verteilung dieser Zuwächse ist extrem ungleich ausgefallen: DAX-Vorstände und andere Spitzenverdiener haben sich eine Vervielfachung ihrer Einkommen organisiert, während die Medianhaushalte mit marginalen Fortschritten in einem Umfeld konfrontiert sind, in dem Wohnen, Energie, Mobilität und die Verwaltung des eigenen Lebens zunehmend unerschwinglich und nervtötend werden.
Beamte und Tarifbeschäftigte im öffentlichen Dienst laufen ungefähr parallel zur allgemeinen Lohnentwicklung, teils leicht hinterher, zum Teil sogar so deutlich, dass Gerichte die Besoldung als verfassungswidrig niedrig markieren. Abgeordnete haben ihre Diäten an diese Entwicklung gekoppelt und liegen komfortabel über der Inflationslinie, aber ohne die Extreme der Vorstandsetagen zu erreichen.
Für den durchschnittlichen Bürger bleibt unter dem Strich ein Alltag, der in Geld, Zeit und Nerven knapper geworden ist. Die „plus 18 Prozent real“ wirken wie ein zynischer Kommentar, wenn man sie gegen modernes Eigenheim, moderne Energiepolitik und moderne Bürokratie aufrechnet.
Ich behaupte nicht, dass 1980 oder 1990 irgendein Paradies gewesen wären. Aber ein durchschnittlicher Haushalt hatte im Verhältnis zu Einkommen, Preisen und regulatorischer Last eine deutlich bessere Chance auf ein abgesichertes Leben mit realem Aufstiegspfad. Heute sichert man Statistiken, Narrative und Quoten ab und lässt die, die dieses System tragen sollen, mit den Restgrössen allein.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die staatliche Lüge irgendwann bricht: nicht, weil plötztlich eine neue Kennziffer auftaucht, sondern weil zu viele Menschen merken, dass ihnen ein „historischer Wohlstand“ verkauft wurde, der sich im Alltag vor allem nach historischer Erschöpfung anfühlt.
