Von der Wissenschaft. Von Beobachtungen. Von Beobachtern. Vom Nicht-Sehen-Wollen.

Dieselben Muster springen einem nicht erst in Berlin entgegen. Sie zeigen sich in Portugal, Malta, Deutschland, Bulgarien und, vermittelt über Familie und Gespräche, auch in der Schweiz. Sie tauchen in anderen Sprachen auf, unter anderen politischen Vorzeichen, mit anderen religiösen Restbeständen und anderen historischen Reflexen, aber die Struktur bleibt erstaunlich ähnlich. Noch ehe Hadmut Danisch seine jüngsten April-Texte schrieb, war ich denselben geistigen Bewegungen bereits begegnet. Nicht als Theorie im Elfenbeinturm, sondern als Erfahrung in Gesprächen, in Gruppen, in Zuschriften, in Funkstille, in dem, was gesagt wird, und noch deutlicher in dem, was eben nicht gesagt wird. Danisch beschreibt aus seiner Richtung einen Zeitgeist, in dem Leute mit minimaler Sachkunde maximale Gewissheit produzieren, in dem pauschales Alles-ist-Fake als Skepsis verkauft wird und Bloggen zum Kampf gegen Windmühlen wird.1 2 3 4 5 6

Mich interessiert an dieser Parallele weniger der Umstand, dass zwei Autoren an verschiedenen Orten Ähnliches beobachten. Mich interessiert, was diese Übereinstimmung über den Zustand des westlichen Denkens sagt. Denn der eigentliche Skandal liegt nicht im einzelnen Unsinn. Der eigentliche Skandal liegt darin, dass breite Teile der Öffentlichkeit die einfachsten methodischen Unterscheidungen nicht mehr tragen. Beobachtung und Erzählung werden vermischt. Modell und Moral werden ineinander geschoben. Begriffe werden nicht mehr definiert, sondern atmosphärisch gebraucht. Wer eine These aufstellt, fühlt sich nicht mehr in der Pflicht, sie zu begründen. Die Last der Falsifikation wird stillschweigend dem Gegenüber aufgebürdet, das nun bitteschön ein ganzes Paralleluniversum von Behauptungen entkräften soll. Genau dort beginnt der Niedergang. Nicht bei einer einzelnen politischen Fehlentscheidung, sondern bei der Verwahrlosung des geistigen Werkzeugs.

Wissenschaft ist keine Liturgie

Der erste Verlust ist der Verlust des Unterschieds zwischen einer Beobachtung und ihrer Deutung. Das klingt banal. Iist es nicht. Eine Beobachtung beschreibt etwas, das wahrgenommen, gemessen, dokumentiert oder zumindest klar benannt werden kann. Eine Deutung ordnet dieses Etwas in einen Zusammenhang ein. Ein Modell versucht, die Übergänge zwischen Datenpunkten zu strukturieren. Ein Werturteil legt fest, wie das Ganze moralisch zu lesen sei. Sobald diese Ebenen kollabieren, produziert man nicht mehr Erkenntnis, sondern bloss Erregung mit Fachvokabular.

Genau an diesem Punkt kippen erstaunlich viele Milieus ins Primitive. Sie unterscheiden sich im Vokabular, nicht in der Methode. Der progressive Aktivist arbeitet mit Klima, Diversität, Safe Spaces und historischer Schuld. Der alternative Endzeitromantiker arbeitet mit Chemtrails, Frequenzen, Nanobots, Äther, Gedankenkontrolle und spirituellen Schichten. Beide Seiten laden ihre Welt mit Begriffen auf, die weder klar abgegrenzt noch sauber operationalisiert sind. Beide Seiten verschieben die Filter von Wahrheit und Nutzen auf Zugehörigkeit und moralische Reinheit. Beide Seiten immunisieren sich gegen Widerspruch. In meinem Text über Desmet, Filter, Rausch und Attraktoren habe ich genau diesen Mechanismus beschrieben: diffuse Angst wird an ein moralisch aufgeladenes Narrativ gebunden, Kritik wird pathologisiert, Konformität tritt an die Stelle von Wahrheitsprüfung, und am Ende nähert sich das System einem totalitären Attraktor, in dem Widerspruch als Defekt erscheint.7

Es hilft nichts, dieses Muster bloss bei den jeweils Anderen zu sehen. Wer sich über woke Heilslehren empört und anschliessend seine eigene Ersatzmetaphysik aus Radiofrequenzen, Lebensenergie, kosmischer Ordnung und okkulter Technik zusammenspinnt, arbeitet nicht wissenschaftlicher als der Gegner. Er arbeitet nur mit anderem Theater. Skepsis gegenüber Macht, Medien, Eliten und Staat ist nicht nur vernünftig, sondern notwendig um als Mensch als auch als Gesellschaft in einer Informations- und Wissensgesellschaft überleben zu können. Skepsis, die ihre methodische Selbstbegrenzung verliert und in glaubensartige Ersatzmetaphysik abstürzt, ist es nicht. Genau das ist die Stelle, an der Skepsis aufhört, Aufklärung zu sein, und beginnt, wie eine säkulare Religion zu funktionieren.

Danisch hat diese Form geistiger Regression in seinen jüngsten Texten aus einem ganz anderen Anlass beschrieben. Er bekam Zuschriften, in denen Artemis und Apollo zu Sperrholzattrappen, Studioprodukten oder durch B-52-Manöver inszenierten Täuschungen erklärt wurden. Seine Gegenrede ist gerade deshalb aufschlussreich, weil sie nicht staatsfromm und nicht naiv ausfällt. Er sagt nicht, Politiker würden nie lügen. Er sagt auch nicht, Institutionen seien rein. Er insistiert bloss auf einem elementaren Punkt: Wer einen so grossen Fake behauptet, muss ein Szenario begründen, das nicht komplizierter und unwahrscheinlicher ist als das behauptete Ereignis selbst. Bei der Mondfrage verweist er auf die Vielzahl beteiligter Akteure, empfangbarer Funkverbindungen, unabhängiger Beobachter und sogar Hobbyastronomen, die Flug und Mission verfolgten. Im Korrekturtext zum jungen Hobby-Astronomen stellt er ausdrücklich klar, dass genau solche unabhängigen Drittbeobachtungen sein Gegenargument gegen die Studiotheorie seien. Aus Skepsis wird also nicht Wahrheit, nur weil sie laut und total ist.

Eine Welterzählung, die alles erklärt, erklärt gar nichts

Die methodische Verwahrlosung erzeugt fast zwangsläufig einen zweiten Effekt. Die Erzählungen werden total. RF-Beeinflussung, Nanobots, Gedankenkontrolle, niedrige Frequenzen, Alpha, Beta, Gamma, synthetischer Äther, Radionuklide, Aktivierung, Apollo-Fake, Artemis-Fake, Cloud Seeding, PCR als Impfkanal, TV-Manipulation durch verborgene Signale. Es gibt keinen Abschluss, keine Grenze, kein Stopp-Signal. Jede neue Behauptung legt eine weitere ontologische Schicht über die Welt. Wer widerspricht, hat dann nicht bloss einen Punkt falsch verstanden. Er gilt als blind, programmiert, unrein oder noch nicht erwacht.

Diese Totalität hat einen psychologischen Nutzen. Sie entlastet. Sie verwandelt diffuse Unsicherheit in eine geschlossene Karte des Bösen. Desmets Ausgangsdiagnose, die ich aufgegriffen habe, lautete gerade, dass frei flottierende Angst ein Objekt sucht, an das sie gebunden werden kann. Der Mensch erträgt Kontingenz schlecht. Er will Täter, Feind, Richtung, und zwar Dichotom und möglichst auch Sakralsprache. In meinem Modell ist das kein Zeichen höherer Erkenntnis, sondern der Übergang von einem offenen, belastenden Zustand in einen psychisch entlastenden Rausch. Wer einmal in diesem Rausch lebt, verteidigt nicht mehr primär Thesen. Er verteidigt eine Form innerer Stabilisierung.8

Der Witz an der Sache ist: Beide Lager halten sich dabei für aufgeklärter als das andere. Die einen reden von wissenschaftlichem Konsens und meinen moralische Disziplinierung. Die anderen reden von Erwachen, also Wokeismus, und meinen die Ersetzung methodischer Arbeit durch Fiktionen mit Esoterikdekor. Das Ergebnis ähnelt sich. Man landet in einem System, das seine Begriffe nicht mehr prüft, seine Annahmen nicht mehr beschränkt und seine eigene Unsauberkeit für höhere Tiefe hält.

Danisch formuliert denselben Befund aus seiner Perspektive, wenn er schreibt, der eigene Standpunkt werde längst zum unverrückbaren Mass aller Dinge gemacht und alles, was widerspreche, gelte als dumm oder fake. Sein Punkt ist dabei nicht nur gegen Feminismus oder Gender Studies gerichtet. Seine stärkere Beobachtung lautet, dass sich diese Denkform in weite Teile der Gesellschaft ausgebreitet habe. Dazu komme noch ein digitaler Schrottteppich aus KI-Bildern, Fälschungen, Kontextfehlern und massenhaftem Unsinn, der es leicht mache, alles für fake zu halten und sich stattdessen die eigene Wahrheit zusammenzuspinnen. Das ist eine bemerkenswert präzise Beschreibung der Gegenwart. Das Problem ist nicht bloss Ideologie. Das Problem ist auch die technische Überproduktion von epistemischem Müll.9

Nicht-Sehen-Wollen ist bequemer als sehen

Es wäre ein Trost, wenn diese Entwicklung nur an mangelnder Bildung hinge. Dann könnte man mit zusätzlichen Schulstunden gegensteuern. Leider reicht diese Erklärung nicht. Viel häufiger beobachte ich eine Mischung aus Komfortsucht, Angst vor Irrtum, Statuskalkül und sozialer Feigheit. Danisch bringt das in seinem Artemis-Text auf den Punkt, wenn er pauschales Alles-ist-Fake als eine Form der Risikovermeidung beschreibt. Wer Wahres für Schwindel hält, steht als harter Skeptiker da. Wer Schwindel für wahr hält, läuft Gefahr, als Idiot dazustehen. Also verschiebt man sich vorsorglich auf die Position maximaler Verneinung. Das hat etwas mit Spieltheorie, Selbstdarstellung und Angst vor Blamage zu tun, aber kaum etwas mit Sachkunde.10

Ich halte diese Einsicht für sehr wertvoll, weil sie über Raumfahrt weit hinausreicht. Sie erklärt auch, warum sich so viele Menschen lieber im Nebel der grossen Weltdeutung einrichten, als einen konkreten Vorgang nüchtern zu prüfen. Die grosse Deutung gibt Identität. Die konkrete Prüfung gibt Arbeit. Die grosse Deutung erlaubt Pathos. Die konkrete Prüfung verlangt Definitionen, Vergleichsmasstäbe, Quantifizierungen, institutionelles Wissen, technische Disziplin. Zwischen beidem entscheiden sich erstaunlich viele zuverlässig für die billigere Form.

Das gleiche Muster zeigt sich im politischen Alltag. Sachliche Hinweise werden mit einem Daumen hoch quittiert. Ein realer Einwand wird nicht beantwortet, sondern mit Stille neutralisiert. Wer etwas Ausformuliertes, Belastbares, Fachliches oder Juristisches einbringt, wird oft nicht offen angegriffen, sondern in folgenlose Resonanz überführt. Man signalisiert Kenntnisnahme, aber verweigert Integration. Genau dieser Modus ist fatal, weil er den Schein des Gesprächs erzeugt, ohne dessen Risiko zu tragen. Es gibt dann keine offene Auseinandersetzung, kein sichtbares Nein, keine explizite Ablehnung, sondern bloss die Verwandlung eines Beitrags in folgenlosen Hintergrundrausch.

In meinem Beitrag über die Komplexität habe ich das an einer anderen, grösseren Struktur beschrieben. Dort ging es mir um Joseph Tainters These der abnehmenden Grenzerträge auf Investitionen in Komplexität. Systeme bauen immer mehr Ebenen, Regeln, Gremien, Zuständigkeiten und Prozesse auf, bis der Zusatznutzen kippt und zusätzliche Komplexität nicht mehr löst, sondern lähmt. Was mich an dieser Idee fasziniert, ist ihr anthropologischer Untergrund. Komplexität scheitert nicht nur an Strukturen. Sie scheitert an Köpfen. An der begrenzten Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Abstraktion, Verantwortung und langfristige Folgen gleichzeitig zu tragen. Sobald diese Trägerkapazität unterschritten wird, entsteht ein System, das formal hochgerüstet, praktisch aber orientierungslos ist.11

Die Fake-Steuer und der Staat als Selbstverzehrer

Gerade deshalb ist Hadmuts Text „Die Fake-Steuer“ mehr als eine zugespitzte Polemik. Er nimmt ein Zitat von Ulrich Vosgerau auf, das auf behaupteten Hintergrundgesprächen mit Regierungsvertretern beruht und deshalb methodisch als unbestätigte, aber relevante Schilderung zu behandeln ist. Der interessante Teil liegt nicht darin, ob jede Pointe dieses Zitats im Vollsinn stimmt. Der interessante Teil liegt in der Diagnosefigur, die daraus entsteht. Wenn politische Akteure angeblich wissen, dass künstliche Energieverteuerung die globale Emissionsmenge nur verlagert, die industrielle Substanz im Inland aber beschädigt, und dennoch weitermachen, weil „der Staat das Geld braucht“, dann beschreibt das keine Klimapolitik mehr, sondern fiskalischen Selbstverzehr.12 13

Hadmut zieht daraus die radikale Zuspitzung, der Staat arbeite nur noch im Scheinbetrieb und verdauere sich selbst. Ich stimme ihm zu. Ein Gemeinwesen, das seine produktive Basis immer weiter belastet, um den Apparat selbst, politische Rituale und diffuse Transferansprüche zu stabilisieren, bewegt sich tatsächlich in Richtung Selbstkannibalisierung. Tainter hätte daran wenig Überraschendes gefunden. Die Kosten der Komplexität steigen, der Ertrag sinkt, und was politisch als moralische Steuerung verkauft wird, kann ökonomisch längst die Verwertung der Restsubstanz sein.

Der Einzelfall und das Schweigen der grossen Kämpfer

Genau hier beginne ich bei mir. Nicht aus Eitelkeit, nicht aus Opferkult, sondern weil sich an konkreten Fällen die Ernsthaftigkeit eines Milieus prüfen lässt. Seit August 2021 mache ich ausstehende arbeitsrechtliche Ansprüche geltend. Seit dem 23. Mai 2023 läuft ein Verfahren am Arbeitsgericht Lissabon. Der Streitwert beträgt 137’938 Euro. In meinen öffentlich dokumentierten Texten habe ich diesen Fall als Stresstest für zwei europäische Schwachstellen beschrieben: den blockierten effektiven Rechtsschutz und die Verantwortungsdiffusion in Big-Tech-nahen Subunternehmerstrukturen.14 15

Die Datenpunkte sind nicht poetisch. Gehaltsrückstände seit August 2021. Klageerhebung im Mai 2023. Eine erste Güteverhandlung am 22. Juni 2023. Wiederholte Brüche der Pflichtvertretung. Richterwechsel am 10. September 2025. Entpflichtung am 30. Oktober 2025. Neue Bestellung am 7. November 2025. Escusa am 19. November 2025. Zehnte Escusa am 04.02.2026. Seitdem wieder Stillstand. Hunderte Erinnerungen an Kanzleien und Abgeordnete ohne tragfähige Resonanz. Der materielle Druck läuft weiter, während die prozessuale Uhr stottert. In meinem Text zum Verfahren habe ich das bewusst hart formuliert: Ein Verfahren, das Menschen auf Zermürbung testet, ist nicht bloss langsam, es ist moralisch falsch.16

Warum erwähne ich das hier? Weil es die grosse moralische Asymmetrie schonungslos offenlegt. Das konservative, freiheitliche, anti-globalistische oder systemkritische Milieu redet gern vom Endkampf. Es beschwört Übermacht, Zersetzung, Korruption, Entmündigung, Elitenzirkel und die Vernichtung des Eigenen. Das alles mag im Einzelfall begründet oder überzogen sein. Aber eines ist glasklar: Dort, wo der Konflikt nicht symbolisch, sondern dokumentiert, riskant und konkret wird, verstummt ein erschreckend grosser Teil dieses Milieus. Keine Nachfrage, ob Hilfe möglich ist. Kein echtes Interesse an den Unterlagen. Keine Integration von Erfahrung. Kein ernsthaftes Gespräch über technische, juristische oder organisatorische Konsequenzen. Dafür reichlich Ritualsprache, Segensformeln, Symbole, Pathos und hinterher Daumen hoch.

Ich halte diese Inkohärenz für schwerer wiegend als viele Tagesdebatten. Wer den grossen Kampf ausruft, aber den konkret sichtbaren Kampf ignoriert, betreibt keine Opposition, sondern ein Rollenstück. Wer Freiheit beschwört, aber vor realen Kosten zurückweicht, liebt nicht Freiheit, sondern deren Rhetorik. In meinem Text „Vom Lone Wolf“ habe ich das bereits als moralische Zumutung formuliert. Wer Verantwortung scheut, wird verwaltet. Wer Verwaltung mit Moral verwechselt, wird am Ende von den Unfähigsten regiert, weil diffuse Systeme Unfähigkeit am wenigsten sanktionieren.17

Dazu kommt die zweite, noch banalere Blindheit. Menschen wünschen einem Osterfrieden im Kreise der Familie, obwohl sie wissen, dass man allein, als Expat, in ein fremdes Land gezogen ist. Sie sprechen vom Kampf der Menschheit, sehen aber den konkreten Menschen nicht. Sie reden von Würde, aber nehmen die niedrigsten Formen realer Hilfe nicht einmal in den Blick. So entsteht ein Milieu, das über Weltgeschichte redet und an der Duschfrage scheitert. Ich kann das nicht mehr ernst nehmen. Nicht, weil Empörung an sich illegitim wäre, sondern weil sie ohne Tragfähigkeit zur Pose verkommt.

Beobachter und Nicht-Beobachter

Das eigentliche Problem unserer Zeit ist darum nicht bloss Lüge. Es ist auch Nicht-Sehen-Wollen. Nicht im Sinn fehlender Sinnesorgane, sondern im Sinn freiwilliger Blindheit. Menschen sehen oft sehr genau, was vor ihnen liegt. Sie ziehen nur den bequemeren Schluss. Sie sehen lieber das grosse mythische Bild als den konkreten Vorgang, weil das grosse Bild weniger Verpflichtung erzeugt. Ein Endkampf gegen unsichtbare Eliten ist psychisch und sozial billiger als ein sauber dokumentierter Arbeitsrechtsfall, der nach Aktenkenntnis, persönlicher Stellungnahme und womöglich echter Unterstützung verlangt. Es ist bequemer, die Welt mit Äther zu füllen, als einem Aktenzeichen nachzugehen. Bequemer, Frequenzgewitter zu beschwören, als sich mit Prozessfristen, Vertretungsbrüchen und materiellen Folgen auseinanderzusetzen.

Dasselbe gilt im Wissensbereich. Wer „Energie“ ausserhalb definierter physikalischer oder technischen Zusammenhänge als Universalwort verwendet, erklärt nicht mehr, sondern verschmiert. Energie ist in der Physik kein sakraler Ersatzstoff für alles Unsichtbare. Wer den Begriff aus dem physikalischen und empirischen Rahmen herauslöst und ihn in Psychologie, Gesellschaft, Spiritualität und politische Feindbilder einspeist, erzeugt keine Tiefe, sondern Nebel.

Darum ärgert mich die so häufig benutzte, völlig inhaltsleere Floskel, man müsse mehr aufgewacht sein, weniger als seine Lächerlichkeit. Er ärgert mich als Symptom. Er zeigt, wie weit die Begriffe bereits aus ihren Begründungszusammenhängen herausgezogen wurden. Erleuchtung ohne Methode ist nur Selbstinszenierung. Skepsis ohne Belegdisziplin ist bloss maskierter Glaube. Kritik ohne Bereitschaft zur Falsifikation ist keine Kritik, sondern Bekenntnis.

Worum es tatsächlich geht

Gerade deshalb ist Kapitulation keine Option. Wer den westlichen Verfall mit offenen Augen betrachtet, hat keinen Grund zur Beruhigung. Wer ihn methodisch betrachtet, hat aber auch keinen Grund, in Kultsprachen zu fliehen. Die Lage verlangt keine weiteren Priester des Verborgenen. Sie verlangt Präzision.

Mehr Methode. Mehr Trennung von Beobachtung und Erzählung. Mehr technische, juristische und organisatorische Ernsthaftigkeit. Mehr Bereitschaft, dort zu helfen, wo Kosten real sind. Weniger Mummenschanz. Weniger metaphysischer Lärm. Weniger moralisches Theater.

Das beginnt in der Schule und endet nicht dort. Kinder müssten stärker in MINT, Statistik, Wahrscheinlichkeitsdenken, Logik, Begriffsschärfe und Quellenarbeit gedrillt werden. Nicht, um brave Technokraten hervorzubringen, sondern um kognitive Selbstverteidigung zu ermöglichen. Wer den Unterschied zwischen Hypothese, Korrelation, Kausalität, Messfehler, Modellannahme und Falsifikation nicht beherrscht, ist im 21. Jahrhundert wehrlos. Er wird entweder vom Staat, von Plattformen, von Medien, von Esoterikern oder von seiner eigenen Wunschwelt regiert.

Es braucht auch institutionelle Reife. Wer Missstände nur als Stoff für Empörung verwertet, aber keine tragfähigen Gegenstrukturen aufbaut, liefert die Zukunft kampflos aus. Technische Infrastruktur, freie Publikation, belastbare Archive, juristische Netzwerke, fachliche Rückkopplung, gemeinsame Prüfung von Dokumenten, echte Arbeitsteilung. All das ist mühsam. Genau deshalb ist es nötig. Der Gegner gewinnt nicht nur durch Macht. Er gewinnt auch durch die Selbstverzettelung seiner Gegner.

Und es braucht Charakter. Nicht im pathetischen Sinn. Es genügt die schlichte Tugend, an der richtigen Stelle nicht wegzuschauen. Wer nur dort mutig ist, wo Mut billig bleibt, wird im Ernstfall nichts tragen, nichts aufbauen, nichs erhalten oder bewahren, nicht helfen. Wer sich in der Komfortzone des Nichtzuständigseins einrichtet, mag sich subjektiv kritisch fühlen, bleibt aber funktional Teil des Problems. Nicht die Mächtigen haben Macht, weil sie ontologisch stärker wären. Die Massen haben sich ihrer Macht weithin selbst entledigt, indem sie Verantwortung gegen Gesinnung, Methode gegen Stimmung und Arbeit gegen Pose eingetauscht haben.

Ich werde daran nichts beschönigen. Ich habe konkrete Ideen, Konzepte, Thesen, technische und rechtliche Erfahrung und seit Jahren genug Anschauungsmaterial, um nicht mehr an die Harmlosigkeit dieses Zerfalls zu glauben. Nur muss Wissen auch gesehen und genutzt werden wollen. Es macht keinen Sinn, alles bis ins letzte Detail vorzukauen, wenn auf der anderen Seite weder methodische Bereitschaft noch praktischer Wille vorhanden sind.

In eigener Sache

Wer meine Arbeit, meine technischen Projekte, meine publizistischen Texte und meinen dokumentierten Rechtsstreit nicht im Rauschen verschwinden sehen will, kann meine Spendenseite teilen oder mich direkt unterstützen. Die verbleibende Infrastruktur steht seit längerem unter realem Druck. Ich habe den schrittweisen Abbau bereits Anfang 2026 öffentlich beschrieben. Wer das nicht bloss lesen, sondern konkret verhindern will, findet die Unterstützungsmöglichkeiten auf meiner Spendenseite.

https://www.gofundme.com/f/rechtsverteidigung-existenzsicherung-arbeitsgericht-lisbon

Was vor uns liegt, wird nicht durch weitere Kultsprachen bestanden werden. Es wird entschieden an begrifflicher Disziplin, institutioneller Reife und der Zahl jener Menschen, die noch sehen wollen, was vor ihnen liegt.


Quellen

  1. Hadmut Danisch, „Die Fake-Steuer“, Danisch.de, 13. April 2026. https://www.danisch.de/blog/2026/04/13/die-fake-steuer/ ↩︎
  2. Ulrich Vosgerau, Beitrag auf X vom 13. April 2026, inhaltlich wiedergegeben und von Hadmut Danisch zitiert; vgl. X-Suchergebnis und Danisch.de. https://x.com/UlrichVosgerau/status/2043610734077071529 ↩︎
  3. Hadmut Danisch, „Sperrholz im Weltraum“, Danisch.de, 12. April 2026. https://www.danisch.de/blog/2026/04/12/sperrholz-im-weltraum/ ↩︎
  4. Hadmut Danisch, „War die Mondumrundung auch ein Fake?“, Danisch.de, 11. April 2026. https://www.danisch.de/blog/2026/04/11/war-die-mondumrundung-auch-ein-fake/ ↩︎
  5. Hadmut Danisch, „Der junge Hobby-Astronom“, Danisch.de, 13. April 2026. https://www.danisch.de/blog/2026/04/13/der-junge-hobby-astronom/ ↩︎
  6. Hadmut Danisch, „Die feministifizierte Gesellschaft“, Danisch.de, 13. April 2026. https://www.danisch.de/blog/2026/04/13/die-feministifizierte-gesellschaft/ ↩︎
  7. Marc Weidner, „Von Pauli, Desmet, Filtern, Rausch, Attraktoren, Nullpunktsenergie. Vom Totalitarismus“, CenturionBlog, 9. Dezember 2025. https://coresecret.eu/2025/12/09/von-pauli-desmet-filtern-rausch-attraktoren-nullpunktsenergie-vom-totalitarismus/ ↩︎
  8. Ebd. ↩︎
  9. Siehe Fn. 6. ↩︎
  10. Siehe Fn. 4. ↩︎
  11. Marc Weidner, „Von der Komplexität“, CenturionBlog, 3. Dezember 2025. https://coresecret.eu/2025/12/03/von-der-komplexitaet/ ↩︎
  12. Siehe Fn. 1. ↩︎
  13. Siehe Fn. 2. ↩︎
  14. Marc Weidner, „In eigener Sache. Von terminierter Infrastruktur.“, CenturionBlog, 30. Januar 2026. https://coresecret.eu/2026/01/30/in-eigener-sache-von-terminierter-infrastruktur/ ↩︎
  15. Marc Weidner, „Arbeitsgerichtsverfahren Lissabon“, CenturionBlog, 10. Januar 2026, zuletzt aktualisiert am 9. März 2026. https://coresecret.eu/2026/01/10/arbeitsgerichtsverfahren-lissabon/ ↩︎
  16. Marc Weidner, „Vom Lone Wolf. Vom Verlust einer Existenz.“, CenturionBlog, 9. Januar 2026. https://coresecret.eu/2026/01/09/vom-lone-wolf-vom-verlust-einer-existenz/ ↩︎
  17. Ebd. ↩︎

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