Wo waren wir?

Als erstes bedanke ich mich bei Daniela Seidel für ihren hervorragenden Beitrag, der am 29.03.2026 bei Tichys Einblick veröffentlicht wurde.1

Moralische Erregung verrät selten zuerst, was einer Gesellschaft wirklich wichtig ist. Sie verrät, was in ihr ohne grossen inneren und sozialen Widerstand sagbar, zeigbar und belohnbar geworden ist. Genau deshalb ist die Affäre Ulmen Fernandes, ob sie am Ende strafrechtlich trägt oder als überhitzte Medienposse in sich zusammenfällt, bereits jetzt als gesellschaftlicher Befund aufschlussreich. Beobachtbar ist, dass Collien Fernandes schwere Vorwürfe gegen Christian Ulmen öffentlich machte, dass daraufhin Demonstrationen in Hamburg und Köln stattfanden, dass die Staatsanwaltschaft Itzehoe nach Medienveröffentlichungen wieder ermittelt, und dass Ulmens Anwälte zentrale Vorwürfe, namentlich die Herstellung oder Verbreitung von Deepfakes, ausdrücklich zurückweisen und gegen die Berichterstattung vorgehen. Über die Wahrheit dieser Vorwürfe ist damit nichts Endgültiges entschieden. Über die Mechanik öffentlicher Resonanz schon eher.2 3 4 5

Daniela Seidel hat diesen Punkt in ihrem Tichy Beitrag bemerkenswert klar markiert. Ihr Text ist polemisch im Ton, aber analytisch an einem entscheidenden Punkt präzise: Protest folgt nicht einfach der objektiven Schwere eines Problems, sondern dessen Anschlussfähigkeit, also der Frage, ob für ein Thema bereits Deutungsrahmen, Sprachcodes, Netzwerke, Rollen und moralische Belohnungen bereitliegen. Seidel beschreibt damit eine sichtbare Oberfläche, die ich in mehreren Beiträgen bereits aus anderer Richtung modelliert habe: als Erzählbarkeit von Unrecht, als Wärme des Kollektivismus, als narrativ gebundene Angst, als selektive Selbstanwendung moralischer Normen und als Komplexitätsproblem moderner Gesellschaften.6 7 8 9 10 11

Seidels stärkste Frage ist deshalb nicht einmal die empörte, anklagende Formel „Wo wart ihr?„. Härter ist ihre zweite, an das eigene Milieu gerichtete Frage: „Wo waren wir?“ Genau dort beginnt das eigentlich Interessante. Denn die Schieflage besteht nicht bloss darin, dass manche Milieus selektiv demonstrieren. Sie besteht auch darin, dass andere Milieus reale Brutalität, reale Verwahrlosung und reale systemische Schäden zwar wahrnehmen, aber auffallend oft in Rückzug, Zynismus, stilles Grollen und politische Privatheit ausweichen. Das ist kein blosses Charakterproblem. Es ist eine Strukturfrage.

Die Beobachtung ist eher einfach gelagert. Im Fall Ulmen Fernandes dockte ein hoch emotionalisiertes Thema augenblicklich an bereits vorhandene Diskurse an: Geschlecht, Körper, digitale Gewalt, Prominenz, angebliche – oder besser: gefühlte – rechtliche Schutzlücken, Strafrecht, Öffentlichkeit, Solidaritätsrituale. Die Kölner Veranstalter formulierten es selbst in genau dieser Syntax. Die Erfahrungen von Collien Fernandes machten, so der Aufruf, deutlich, dass der Schutz für Betroffene sexualisierter Gewalt unzureichend sei; aufgerufen wurde zu Solidarität, Gerechtigkeit und echtem Schutz.12 Dasselbe Muster zeigte sich in Hamburg, wo die Demonstration ausdrücklich unter der Losung stand, die Scham müsse die Seite wechseln.13 Das Thema war semantisch vorbereitet, moralisch vorcodiert und sozial anschlussfähig. Es musste nicht erst mühsam erklärt werden.

Das Modell dazu habe ich in „Wo bleibt der effektive Rechtsschutz?“ an einem ganz anderen Gegenstand beschrieben. Dort ging es nicht um Sexualdelikte oder Prominenz, sondern um die öffentliche Asymmetrie zwischen spektakulär erzählbarem und sperrigem, prozeduralem Unrecht. Meine These lautete: Die Öffentlichkeit reagiert nicht nur auf normativen Gehalt, sondern auf narrative Verarbeitbarkeit. Ein Fall mit klaren Rollen, starken Bildern, Kindern, Kontensperren oder Eskalationssymbolen springt sofort an; ein mehrjähriger, dokumentengesättigter, juristisch komplizierter Fall erzeugt vor allem Arbeit und damit Vermeidung.14 Dasselbe Muster lässt sich auf die jetzige Affäre übertragen. Nicht die juristische Tiefenwahrheit mobilisiert zuerst, sondern die Form, in der ein Konflikt als moralisch sofort lesbares Drama auftritt.

Beobachtung, Modell, Interpretation, Werturteil lassen sich hier sauber trennen. Beobachtung: Manche Themen erzeugen Massenmobilisierung, andere trotz teils schwererer realer Folgen nicht. Modell: Mobilisierung hängt stark von Anschlussfähigkeit, Rollenstabilität und sozialer Kostenstruktur ab. Interpretation: Öffentliche Moral wird nicht primär durch objektive Leidensintensität kalibriert, sondern durch ihre Passform zu vorhandenen Erzählungen. Werturteil: Eine solche Öffentlichkeit ist nicht einfach empfindsam, sondern selektiv, bequem und strukturell unzuverlässig. Genau in diesem Punkt trifft Seidels Text einen bemerkenswerten Punkt.

Damit ist der Übergang zu meinem Beitrag über die Wärme des Kollektivismus fast zwanglos. Ich hatte dort die These formuliert, dass Kollektivismus seine Attraktivität selten zuerst aus Theorie oder Ökonomie bezieht, sondern aus psychischer Temperatur: aus Entlastung, Zugehörigkeit, dem Versprechen, die Zumutungen der Wirklichkeit nicht mehr allein tragen zu müssen.15 Unter Bedingungen von Vereinzelung, diffuser Bedrohung und Sinnentleerung steigt die Anziehungskraft geschlossener Narrative, weil sie Angst binden, Zugehörigkeit erzeugen und die Kosten des eigenständigen Urteilens senken.16 17 Genau das beobachtet Seidel, ohne diese Begrifflichkeit zu verwenden, wenn sie Demonstration als Wohlfühlort der Selbstvergewisserung, der Zugehörigkeit und der moralischen Sichtbarkeit beschreibt.

Dass dies mehr ist als feuilletonistische Metaphorik, stützt die Forschung erstaunlich gut. Hogg und Kollegen zeigten experimentell, dass Menschen sich besonders stark mit Gruppen identifizieren, wenn sie sich selbstkonzeptuell unsicher fühlen und die Gruppe als klar konturiert, also entitativ, erlebt wird.18 Choi und Hogg bestätigten in einer Metaanalyse über 35 Studien, dass hohe Selbstunsicherheit systematisch mit stärkerer Gruppenidentifikation zusammenhängt.19 Van Baar und Kollegen wiederum fanden, dass Unsicherheitsintoleranz bei politisch polarisierten Inhalten mit stärkerer neuronaler Synchronisierung unter Gleichgesinnten und schärferen polarisierten Urteilen einhergeht.20 Was ich Wärme nenne, ist also kein blosses Sprachornament. Es ist eine soziale und kognitive Entlastungsform.

Hier wird auch meine Rauschmetapher aus dem Pauli Desmet Text verständlich. Ich hatte dort beschrieben, wie frei flottierende Angst nach einem Objekt sucht, an das sie gebunden werden kann, wie geschlossene Narrative diesen Dienst leisten und wie aus diffuser Bedrohung eine künstliche Gemeinschaft mit moralischer Selbstaufwertung entsteht.21 Meine These ist nicht, dass ganze Gesellschaften plötzlich verrückt würden, vor Pathologisierung sollte man sich hüten. Der Punkt ist präziser: Wer Ambivalenz schlecht aushält, nimmt die Entlastung durch ein starkes Narrativ als subjektiven Gewinn wahr. Wer dann gemeinsam auf der Strasse steht, steht nicht nur gegen etwas, sondern in einem Zustand kollektiver Bestätigung. Seidel beschreibt die Demo als Ritual. Ich würde ergänzen: als energetisch billigen Selbstbeweis. Man demonstriert nicht nur eine Meinung, man erzeugt im Vollzug das warme Gefühl, im moralisch richtigen Zusammenhang zu stehen.

Gerade deshalb ist die übliche Erklärung, alles sei einfach nur Heuchelei, zu grob. Sie ist nicht falsch, aber unterkomplex. Mein Beitrag „Von Doppelmoral, Wissen und Umsetzung“ setzte genau hier an.22 Der leitende Gedanke dort ist, dass zwischen moralischem Lexikon und moralischer Selbstanwendung ein Spalt liegt, der in modernen Milieus systematisch unterschätzt wird. Das neue Cell Reports Paper von Liu et al. macht diesen Punkt neurokognitiv realistisch greifbar: Menschen können moralische Prinzipien kennen, sie bei anderen korrekt bewerten und dennoch im eigenen Verhalten inkonsistent anwenden. Moralische Inkonsistenz ist demnach oft nicht schlichte Unkenntnis, sondern selektive Selbstentlastung unter erhaltener Normrepräsentation.23

Das ist für die gegenwärtige Empörungslage entscheidend. Wer nur mit „Doppelmoral“ ruft, suggeriert gern, das Gegenüber wisse nicht, was es tut. Die unrfreulichere Möglichkeit lautet, dass es sehr wohl weiss, aber den Normvollzug asymmetrisch betreibt. Die richtige Norm kann genannt, die richtige Pose eingenommen, die richtige Parole skandiert werden, während dieselbe moralische Sensibilität bei anderen, weniger anschlussfähigen Opfern, anderen Täterprofilen oder anderen politischen Implikationen abrupt ausdünnt. Seidels Verweis auf Jan Leyks Schild, „Wo wart ihr bei Ece S., Ann Marie K., Aileen, Leonie und all den anderen?„, ist genau deshalb so wirkungsvoll. Es zwingt nicht zu einer neuen Moral, sondern zur Anwendung der bereits behaupteten.

Man muss hier nicht einmal mit Tätergruppen oder Migrationspolitik beginnen, um die Asymmetrie zu sehen. Schon die Form des Sprechens über Leid ist ungleich verteilt. Moralisch warm sind Fälle, die symbolisch anschlussfähig, sprachlich kodiert, medial rahmbar und karriereneutral bespielbar sind. Kalt bleiben Fälle, die Ambivalenzen erzwingen, interne Widersprüche offenlegen oder das eigene Lager mitverantwortlich aussehen lassen. Genau deshalb passt die jetzige Affäre so reibungslos in vorhandene Deutungsrahmen, ganz gleich, wie sie juristisch endet. Der Fall liefert Körper, Technik, Geschlecht, Prominenz, Verletzbarkeit, Gesetzeslücke und Bühne in einem Paket. Gesellschaftliche Verwahrlosung im Alltag, importierte Brutalität oder jahrelange Zersetzung rechtsstaatlicher Verfahren liefern das nicht.

Damit komme ich zur zweiten Hälfte von Seidels Text und zur Unbequemlichkeit. Sie beschreibt nicht nur die moralische Rendite linker oder progressiver Demonstrationskultur, sondern auch die eigentümliche Zurückhaltung des anderen Spektrums. Wer nach Dresden zu einer Trauerwache gehe, so ihre Zuspitzung, müsse eher mit unangenehmen Gesprächen in der Personalabteilung rechnen als mit Applaus; der öffentliche Protest gegen real erlebte Gewalt werde deshalb oft in Rückzug, Wutpostings oder schweigende Faust in der Tasche übersetzt. Das ist plausibel.

Mein Beitrag über Many Hands und effektiven Rechtsschutz liefert dafür die härtere Sprache. Dennis F. Thompson beschrieb bereits 1980 das Problem, dass in komplexen Organisationen Verantwortung schwer zurechenbar wird, obwohl der Schaden real ist.24 Darley und Latané zeigten experimentell, dass die Anwesenheit weiterer Beobachter das individuelle Verantwortungsgefühl senkt und Hilfe verlangsamt.25 Ich habe das für Gerichte, Kammern, Medien und Politik als These formuliert: Psychologie gerinnt in Institutionen zur Architektur. Dieselbe Logik wirkt gesellschaftlich. Je mehr mögliche Sprecher, Journalisten, Aktivisten, Parteien, Influencer und „eigentlich Zuständige“ vorhanden sind, desto leichter wird Passivität rationalisiert. Jeder kann innerlich sagen, dass doch wohl irgendwer etwas tun müsste. Und am Ende tut es niemand.

Seidel ergänzt dazu einen weiteren Mechanismus, den ich für sehr treffend halte: die soziale Kostenstruktur der Sichtbarkeit. Nicht jede Empörung kostet dasselbe. Manche Positionen bringen Anerkennung, moralischen Kredit und Gruppenzugehörigkeit. Andere bringen Distanzierung, Framing, Verdacht, institutionelle Reibung. In der realen Welt hat fast jede sichtbare Position einen Preis, und Menschen sind hervorragend darin, Preise zu spüren, noch bevor sie sie benennen können. Daher mein Begriff der steganographischen Metabotschaft: Die eigentliche Norm steht oft nicht explizit im Text, sondern in der stillen Information darüber, welche Themen folgenlos bespielbar und welche biographisch riskant sind.26

Hier schliesst meine Komplexitätsthese an. In „Von der Komplexität“ habe ich argumentiert, dass moderne Systeme nicht nur an Bosheit, sondern an ihrer Trägerkapazität scheitern. Je komplexer ein Geflecht aus Normen, Institutionen, medialen Frames und sozialen Sanktionen wird, desto mehr hängt seine realistische Durchdringung an einer kleinen Minderheit, die solche Strukturen überhaupt bewusst modellieren kann.27 Meine Double Gaussian Arbeitsthese ist dabei ausdrücklich als Heuristik markiert, nicht als formale Populationsstudie.28 Für die jetzige Debatte genügt der heuristische Kern: Komplexe, mehrdeutige, lagerübergreifend unangenehme Sachverhalte mobilisieren schlechter als Themen, die bereits auf vorgefrästen semantischen Schienen laufen, weil die kognitiven und sozialen Transaktionskosten ungleich verteilt sind.

Damit lässt sich auch das konservative oder ordnungsorientierte Milieu nüchterner fassen. Seine Zurückhaltung ist nicht automatisch ein Zeichen geringerer Betroffenheit. Seidel hat recht, dass dieses Milieu der Bühne, der Geste, der Massenmoral und dem Slogan oft misstraut. Es internalisiert, analysiert, wählt, meidet, verachtet das offentliche, oftmals infantile Ritual. Das kann Ausdruck intellektueller Hygiene sein. Es kann aber ebenso in politischer Sterilität enden. Denn Öffentlichkeit belohnt nicht bloss Wahrheit, sondern Sichtbarkeit. Wer die Strasse, das Symbol, das Ritual und die Erzählung prinzipiell den anderen überlässt, darf sich nicht wundern, wenn am Ende deren Moral als gesellschaftliche Wirklichkeit erscheint. Der Verzicht auf Spektakel ist nicht automatisch Souveränität. Mitunter ist er nur die ästhetisch veredelte Form der Kapitulation.

Genau hier trifft Seidels „Wo waren wir?“ die empfindliche Stelle. Die bequeme Antwort wäre, auf das kuratierte Moralsystem zu schimpfen und sich selbst davon reinzuwaschen. Die härtere Antwort lautet: Wir waren oft dort, wo sich die eigene Skepsis in Untätigkeit verwandelt. Wir waren mit der Faust in der Tasche. Wir waren im Zynismus gegenüber dem Ritual. Wir waren in der Überzeugung, dass die Lächerlichkeit der Bühne uns vom Zwang entbinde, eigene Formen der Präsenz zu entwickeln. Und wir waren, allzu oft, im stillen Einverständnis mit der Annahme, dass sichtbare Solidarität nur etwas für die anderen sei. Seidel formuliert das als politische Stilfrage. Ich würde ergänzen: Es ist eine Machtfrage.

Der tiefere Zusammenhang zwischen all meinen genannten Texten wird damit sichtbar. „Von Pauli, Desmet, Filtern, Rausch, Attraktoren, Nullpunktsenergie. Vom Totalitarismus“ beschreibt, wie diffuse Angst an Narrative gebunden wird und so eine moralisch erhitzte Gemeinschaft erzeugt. „Vom Sein. Von der Wärme des Kollektivismus.“ beschreibt, warum diese Gemeinschaft subjektiv attraktiv ist und wie Normen über Zugehörigkeit internalisiert werden. „Von Doppelmoral, Wissen und Umsetzung“ erklärt, weshalb das moralische Vokabular erhalten bleiben kann, während seine Selbstanwendung selektiv zerfällt. „Wo bleibt der effektive Rechtsschutz?“ zeigt, dass dieselbe Mechanik nicht nur auf Strassen und Demos, sondern auch bei der öffentlichen Verarbeitung komplexer, sperriger Fälle wirkt. „Von der Komplexität“ schliesslich erklärt, weshalb ganze Gesellschaften strukturell dazu neigen, einfache moralische Skripte komplexen, arbeitsintensiven Wahrheiten vorzuziehen. Seidels Beobachtungen und Deutungen fügen dem keine neue Gesamttheorie hinzu. Sie liefern dagegen einen scharf konturierten aktuellen Beobachtungsfall, an dem sich die Mechanik nahezu lehrbuchhaft zeigen lässt.

Der Fall Ulmen Fernandes ist deshalb gesellschaftlich interessant, auch dann, wenn man sich über die materiellen Vorwürfe mit guten Gründen jeder Vorverurteilung enthält. Gerade die Ungewissheit des Sachverhalts, die laufenden Ermittlungen, die Gegendarstellung und die Unschuldsvermutung machen ihn analytisch brauchbar. Denn trotz offener Beweislage wurde das Ereignis sofort zu einem moralisch voll codierten öffentlichen Objekt. Genau das ist der Punkt. Nicht Wahrheit erzeugt hier zuerst Mobilisierung, sondern Passform. Nicht Abschluss erzeugt Resonanz, sondern Anschluss. Nicht geklärte Schuld, sondern sofortige Deutbarkeit.

Mein Werturteil fällt entsprechend hart aus. Eine Gesellschaft, die nur dort massenhaft Haltung zeigt, wo Haltung warm, sprachlich vorbereitet und sozial belohnt ist, produziert keine Tugend, sondern kuratierte Empörung. Eine Gesellschaft, deren skeptischere Milieus reale Brutalität zwar erkennen, aber aus Stil, Ekel, Angst oder Müdigkeit auf wirksame Sichtbarkeit verzichten, verliert die Bühne kampflos. Beides zusammen ist katastrophal und führt in den Untergang der freien Gesellschaft. Das eine deformiert Moral zur Liturgie. Das andere deformiert Wahrheit zur Privatmeinung. Zusammen ergibt das genau jene politische Kultur, in der Dekoration und Realität auseinanderlaufen, im Medienbetrieb, im Rechtsschutz, auf der Strasse.

Wer also fragt, wo wir waren, sollte weder in moralische Selbstgeisselung noch in billige Fremdbeschuldigung flüchten. Die brauchbare Antwort lautet: Wir waren in einer Ordnung, in der manche Formen von Leid semantisch sofort geadelt und andere semantisch heruntergekühlt werden. Wir waren in einer Kultur, in der das warme Kollektiv seine eigene Wirklichkeit im Vollzug erzeugt. Wir waren in einem System, in dem Doppelmoral nicht trotz, sondern mit intaktem moralischem Wortschatz funktioniert. Und wir waren in einer Komplexitätslandschaft, die viele Menschen lieber zur Pose als zur Prüfung verführt. Das alles ist nichts anderes als eine Farce.

Was zu tun wäre, ist deshalb schlichter und schwieriger zugleich. Nicht das warme Kollektiv imitieren. Nicht dessen Liturgie kopieren. Aber endlich begreifen, dass Wahrheit ohne Formen der Sichtbarkeit politisch verdampft. Wer reale Opfer, reale Verwahrlosung, reale Rechtsstaatsbrüche und reale Gewalt nicht in gesellschaftlich anschlussfähige Präsenz übersetzt, überlässt die Wirklichkeit jenen, die Anschlussfähigkeit längst industriell beherrschen. Die Bühne verachten, und sie dadurch den Falschen schenken, ist keine Reife. Es ist nur die kultivierte Form des Verschwindens.

In eigener Sache

Die im Beitrag beschriebene Diskrepanz zwischen öffentlicher Moral und realem Rechtsschutz ist für mich kein abstraktes Thema. Ich befinde mich selbst seit langer Zeit in einer existenziellen Lage, dokumentiert und öffentlich nachvollziehbar. Wer meine Arbeit, meine Recherchen und meinen weiteren Weg konkret unterstützen will, findet hier meine Spendenseite:

https://www.gofundme.com/f/rechtsverteidigung-existenzsicherung-arbeitsgericht-lisbon

Mille fois an alle Spender.


Quellen

  1. Daniela Seidel, „Wenn die Guten nur dort demonstrieren, wo es nichts kostet“, Tichys Einblick, 29. März 2026. https://www.tichyseinblick.de/meinungen/wenn-die-guten-nur-dort-demonstrieren-wo-es-nichts-kostet/ ↩︎
  2. ZDFheute, „Fernandes: Ermittlungen nach ihrer Anzeige aus 2024 laufen wieder“, 27. März 2026. https://www.zdfheute.de/panorama/ulmen-fernandes-ermittlungen-itzehoe-anzeige-100.html ↩︎
  3. WELT, „Prominente unterstützen Hamburger Demo für mehr Opferschutz“, 26. März 2026. https://www.welt.de/article69c49c328f5761671715f880 ↩︎
  4. Kölner Frauenportal, „Demonstration: Sexuelle und digitale Gewalt stoppen!“, plus Rausgegangen Köln, gleichlautender Eventeintrag. https://rausgegangen.de/events/demonstration-sexuelle-und-digitale-gewalt-stoppen-0/ https://frauenportal.koeln/veranstaltungen/demonstration-sexuelle-und-digitale-gewalt-stoppen/ ↩︎
  5. Schertz Bergmann Rechtsanwälte, „Presserechtliche Information für Christian Ulmen“, 27. März 2026; dazu heise online, „Ulmen wehrt sich gegen Deepfake-Vorwürfe“, 28. März 2026. https://www.schertz-bergmann.de/wp-content/uploads/2026/03/260327_Presseerklaerung_fuer_Christian_Ulmen.pdf https://www.heise.de/news/Ulmen-wehrt-sich-gegen-Deepfake-Vorwuerfe-11228571.html ↩︎
  6. Siehe Fn. 1. ↩︎
  7. Marc Weidner, „Wo bleibt der effektive Rechtsschutz?“, CenturionBlog, 29. März 2026. https://coresecret.eu/2026/03/29/wo-bleibt-der-effektive-rechtsschutz/ ↩︎
  8. Marc Weidner, „Vom Sein. Von der Wärme des Kollektivismus.“, CenturionBlog, 28. März 2026. https://coresecret.eu/2026/03/28/vom-sein-von-der-waerme-des-kollektivismus/ ↩︎
  9. Marc Weidner, „Von Doppelmoral, Wissen und Umsetzung“, CenturionBlog, 25. März 2026. https://coresecret.eu/2026/03/25/von-doppelmoral-wissen-und-umsetzung/ ↩︎
  10. Marc Weidner, „Von Pauli, Desmet, Filtern, Rausch, Attraktoren, Nullpunktsenergie. Vom Totalitarismus“, CenturionBlog, 9. Dezember 2025. https://coresecret.eu/2025/12/09/von-pauli-desmet-filtern-rausch-attraktoren-nullpunktsenergie-vom-totalitarismus/ ↩︎
  11. Marc Weidner, „Von der Komplexität“, CenturionBlog, 3. Dezember 2025. https://coresecret.eu/2025/12/03/von-der-komplexitaet/ ↩︎
  12. Siehe Fn. 4. ↩︎
  13. Siehe Fn. 3. ↩︎
  14. Siehe Fn. 7. ↩︎
  15. Siehe Fn. 8. ↩︎
  16. Ebd. ↩︎
  17. Siehe Fn. 10. ↩︎
  18. Michael A. Hogg, David K. Sherman, Joel Dierselhuis, Angela T. Maitner, Graham Moffitt, „Uncertainty, entitativity, and group identification“, Journal of Experimental Social Psychology 43, 2007. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0022103105001563 ↩︎
  19. Eunice U. Choi, Michael A. Hogg, „Self-uncertainty and group identification: A meta-analysis“, Group Processes & Intergroup Relations 23, 2020. https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/1368430219846990 ↩︎
  20. Jeroen M. van Baar et al., „Intolerance of uncertainty modulates brain-to-brain synchrony during politically polarized perception“, Proceedings of the National Academy of Sciences 118, 2021. https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2022491118 ↩︎
  21. Siehe Fn. 10. ↩︎
  22. Siehe Fn. 9. ↩︎
  23. Valley Liu et al., „Moral inconsistency is based on the vmPFC’s insufficient representation across tasks and connectedness“, Cell Reports, 2026; dazu EurekAlert, „The brain region associated with moral inconsistency“, 19. März 2026. https://www.cell.com/cell-reports/fulltext/S2211-1247(26)00136-1 https://www.eurekalert.org/news-releases/1119804 ↩︎
  24. Dennis F. Thompson, „Moral Responsibility of Public Officials: The Problem of Many Hands“, American Political Science Review 74, 1980. https://www.cambridge.org/core/journals/american-political-science-review/article/moral-responsibility-of-public-officials-the-problem-of-many-hands/39DD3FAB7BF7DC7A242407143674F22B ↩︎
  25. John M. Darley, Bibb Latané, „Bystander Intervention in Emergencies: Diffusion of Responsibility“, Journal of Personality and Social Psychology 8, 1968. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/5645600/ ↩︎
  26. Siehe Fn. 10. ↩︎
  27. Siehe Fn. 11. ↩︎
  28. Ebd. ↩︎

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