Am 21.01.2026, hielt Donald J. Trump in Davos eine Standpauke, die in Europa weniger als Warnsignal wirkte, sondern als akustischer Test: Wer überhaupt noch einen Resonanzkörper besitzt, der nicht aus PR-Schaum besteht.1
Der Satz, der hängen bleibt, ist simpel: „the leaders don’t even understand what’s happening (…) and the ones that do understand aren’t doing anything about it.“ Er ist nicht als akademische Diagnose formuliert, eher als Grobscan. Trotzdem trifft er einen Nerv. Denn parallel zu dieser Davos-Rede liegt seit 05.12.2025 eine neue National Security Strategy der USA vor, die den transatlantischen Beziehungsmodus faktisch neu taktet: weniger Beichtstuhl, mehr Lastenheft, weniger Sentimentalität, mehr Interessenrechnung.2 Wer in Europa Politik als moralische Selbstvergewisserung betreibt, erlebt das als Affront. Wer Politik als Staatskunst versteht, erkennt darin eine Fristsetzung.
Ich beobachte seit rund 25 Jahren, wie Westeuropa bei einem Kernstück staatlicher Souveränität eine seltsam stabile Mischung aus Selbstbetäubung und Selbstlob kultiviert: Grenzen existieren als Rechtsbegriff, nicht als Vollzugstatsache. Das gilt nicht nur für irreguläre Migration, sondern für das ganze Paket aus Asylverfahren, Rückführungen, Identitätsklärung, Parallelökonomie, Sicherheitslage und politischer Polarisierung. Die Symptome sind dokumentiert, und sie sind nicht exotisch. Für 2023 meldete die EU-Asylagentur über 1,1 Millionen Asylanträge in Europa, der höchste Stand seit Jahren; 2024 lagen die Werte für EU plus Norwegen plus Schweiz immer noch um rund 1,0 Millionen.3 Die administrative Last ist nicht gleich verteilt, die Konflikte ebenfalls nicht. Gleichzeitig bleibt die Rückführungsrealität in der EU notorisch lückenhaft, was die Kommission, welch eine Ironie, seit Jahren als strukturelles Problem beschreibt: Entscheidungen existieren, Durchsetzung bleibt knapp4
Zu diesem Bild gehört auch, dass Migration reale Nutzenkomponenten besitzt. Arbeitsmärkte, Demografie, einzelne Branchen, pflegerische Versorgung, saisonale Arbeit, hochqualifizierte Zuwanderung: das sind keine Hirngespinste, sondern politische und ökonomische Interessenlagen.5 Nur verteilt sich der Nutzen anders als die Kosten. Der Nutzen ist oft konzentriert, die Kosten sind diffus, lokal, sozialräumlich spürbar. Wer diese Verteilungsasymmetrie ignoriert, redet sich die Welt schön und erklärt dann jede Gegenreaktion zum Moraldefekt. Das ist bequem. Es ist auch staatsgefährdend, weil es Legitimationskapital verbrennt, das ein Gemeinwesen für Krisenlagen dringend braucht.
Und dann kommt Trump, erst über die Strategie, dann über den Ton. Die National Security Strategy 2025 betont Nationalinteresse, Prioritätensetzung, Lastenteilung und eine nüchterne Hierarchie von Risiken und Räumen. Dass der US-Kongressdienst die Implikationen für Verteidigung und Bündnisse ausdrücklich als Verschiebung mit europäischer Nebenfolge beschreibt, ist kein Detail, sondern der Punkt.6 Wer bis heute in Brüssel, Berlin oder Paris reflexhaft so tut, als sei amerikanische Sicherheitsgarantie eine Naturkonstante, der muss die letzten 80 Jahre unter irgendwelchen Steinen verlebt haben.
Ich trenne für mich vier Mechaniken, die zusammen erklären, weshalb viele westliche Regierungen negative Effekte spät, selektiv oder gar nicht wahrnehmen, selbst wenn sie im Alltag sichtbar sind.
Erstens Zeitinkonsistenz und Wahlzyklen. Demokratische Politik ist strukturell versucht, Zukunftskosten in die Zukunft zu verschieben, solange der Gegenwartsgewinn wählbar bleibt. Das ist kein moralisches Versagen einzelner, sondern ein bekanntes Problem dynamischer Politik: kurzfristige Anreize dominieren langfristige Optimalität.7 Migration ist dafür ein ideales Feld, weil die Kosten kumulativ und indirekt sind, während die Symbolgewinne sofort abrufbar bleiben.
Zweitens Verteilungsasymmetrie. Konzentrierte Vorteile organisieren sich leichter als diffuse Kosten. Das ist ein alter Befund der politischen Ökonomie: kleine, gut organisierte Gruppen gewinnen häufiger als grosse, heterogene Gruppen, selbst dann, wenn die Gesamtbilanz negativ wird.8 Auf Migration übertragen heisst das: bestimmte Sektoren, bestimmte Arbeitgeber, bestimmte urbane Milieus profitieren sichtbar, während Belastungen in Schulen, Wohnungsmarkt, kommunalen Budgets, Polizei und Justiz räumlich konzentriert auftreten, aber politisch als abstrakt verhandelt werden. Der Staat, der so operiert, wird von seinen Bürgern irgendwann nicht mehr als Schiedsrichter erlebt, sondern als Partei.
Drittens Rechtsarchitektur und Vollzugslücke. Europa hat ein komplexes Geflecht aus Völkerrecht, EMRK, EU-Recht und nationalem Verfahrensrecht, das Schutzrechte hoch ausdifferenziert, Vollzug aber oft faktisch entkernt. Die Genfer Flüchtlingskonvention und das Non-Refoulement-Prinzip setzen starke Leitplanken.9 Die EMRK und die Rechtsprechung des EGMR prägen Asylpraxis und Überstellungen zusätzlich.10 EU-Sekundärrecht, von der Rückführungsrichtlinie bis zum neuen Asyl- und Migrationspakt, versucht seit Jahren, Ordnung ins System zu bringen.11 Nur ist ein Normtext kein Grenzbeamter, keine Abschiebehaftanstalt, kein Identitätsdokument, kein Herkunftsstaat-Abkommen, kein politischer Wille. Wo Vollzugskapazität fehlt, wird Recht zur liturgischen Rezitation: man liest es vor, man glaubt daran, man handelt nicht danach.
Viertens moralische Rahmung als Governance-Ersatz. In vielen westeuropäischen Diskursen ersetzt moralische Sprache die administrative Entscheidung. Wer die richtigen Worte spricht, gilt als gut; wer auf Trade-offs hinweist, gilt als verdächtig. Moral wird so zur Koalitionstechnik. Jonathan Haidt beschreibt, wie moralische Intuitionen Gruppen binden und Urteile präformieren, bevor Argumente überhaupt wirken.12 In der Politik heisst das: Moralrahmen stabilisieren Milieus, sie sind schnell, sie sind billig, sie sind medienkompatibel. Der Preis ist epistemische Verarmung. Wo Moral die Funktion von Steuerung übernimmt, entsteht eine Kultur, die Fehlentwicklungen nicht korrigiert, sondern umetikettiert.
Warum gehen Ungarn, die Slowakei, Tschechien, Slowenien oder Serbien nicht denselben Weg, und warum erst recht nicht Japan, China oder Russland? Ich halte es für fatal, diese Differenz auf eine einzige Variable zu reduzieren, etwa auf höhere Intelligenz oder bessere Moral, wobei bereits die Definition derselben reichlich Stoff für eine Ausarbeitung böten. Vielmehr sehe ich ein Bündel von Strukturunterschieden.
Ein Teil ist schlicht Geopolitik und Staatsräson. Viele dieser Staaten definieren Souveränität als Kern ihrer jüngeren Geschichte. Für postkommunistische Gesellschaften ist Staatlichkeit nicht nur Verwaltung, sondern die Membran, die verhindert, dass oben wieder ohne Konsequenzen über unten verfügt. Diese Prägung ist empirisch anschlussfähig: Forschung zur ostmitteleuropäischen Konfliktlinie zeigt, dass Einstellungen zu Migration und Nation nicht nur ökonomisch, sondern stark identitäts- und regimegeschichtlich gerahmt sind.13 Dazu kommt, dass die Erfahrung real existierender Planwirtschaft und politischer Repression die Instinkte für institutionelle Fragilität schärft: Systeme kippen, und zwar schneller, als gut erzogene Westler wahrhaben wollen. Kornai hat für sozialistische Ökonomien beschrieben, wie weiche Budgetrestriktionen Fehlanreize verstetigen und Realität systematisch verdrängen, solange der Preis externalisiert werden kann.14 Der Mechanismus ist allgemeiner: Wenn Akteure lernen, dass Scheitern folgenlos bleibt, wird Scheitern zum Standardmodus.
Ein anderer Teil ist Demografie und Insellage. Japan zeigt seit Jahren, wie stark Politik Migration als steuerbaren Input behandelt, inklusive Visakategorien, Kontingenten und administrativer Durchsetzung, nicht als moralisches Schicksal.15 Dass Japan inzwischen selbst eine Debatte über Obergrenzen für Aufenthaltskategorien führt, illustriert den Unterschied: man diskutiert Steuerung, nicht Heilsversprechen.16 China operiert nochmals anders, weil Migration dort weder als Bürgerrechtsnarrativ noch als Selbstbildpflege funktioniert, sondern als Sicherheits- und Ordnungsthema in einem stark kontrollierten Staatsmodell. Russland verbindet Migration ebenfalls primär mit Ordnung, Sicherheit, Arbeitsmarkt, geopolitischer Einflussnahme, nicht mit moralischer Selbstinszenierung. Man kann das kritisieren, aber man muss anerkennen, dass diese Staaten die Frage nach Vollzug nicht als unhöflich empfinden, sondern als Voraussetzung.
Und dann gibt es den kulturellen Teil, den viele zu schnell in einen Kulturkrieg ziehen. Es stimmt, dass westeuropäische Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten starke Individualisierungs- und Atomisierungstendenzen erlebt haben, verbunden mit sinkender institutioneller Bindungskraft, wachsender moralischer Polarisierung und einer medialen Erregungsökonomie.17 Daraus folgt aber nicht, dass Minderheitenrechte schuld wären. Eine solche Zuschreibung ist intellektuell billig. Entscheidend ist etwas anderes: ob eine Gesellschaft fähig bleibt, normativ zu unterscheiden zwischen Schutzrechten und Steuerungsfähigkeit, zwischen humanitärem Anspruch und administrativer Realität, zwischen individueller Freiheit und der Notwendigkeit, dass Recht auch durchgesetzt wird. Der Westen hat diese Unterscheidung oft verwischt, weil es sich emotional angenehmer anfühlt, in Symbolen zu regieren.
Kognitions-These: Double Gaussian und Bewusstsein 2. Ordnung
Ich bringe hier meine eigene Hypothese ins Spiel, nicht als Dogma, sondern als erklärungsfähiges Modell. Ich nenne sie Double Gaussian18 und verknüpfe sie mit Bewusstsein 2. Ordnung19, also der Fähigkeit, das eigene Denken, die eigenen Filter, die eigenen Gruppenimpulse als Objekt zu behandeln, statt ihnen zu gehorchen.
Politik selektiert selten nach abstrakter Problemlösefähigkeit. Politik selektiert nach Koalitionsfähigkeit, Loyalität, Taktgefühl, Framing-Kompetenz, Medienresistenz, Milieuverträglichkeit. Wer im falschen Moment das Richtige sagt, wird nicht befördert, sondern aussortiert. Janis hat für Entscheidungsgremien beschrieben, wie Groupthink entsteht: hoher Konformitätsdruck, Selbstzensur, Illusion der Einstimmigkeit, Dämonisierung von Aussenkritik.20 Kuran zeigt, wie Preference Falsification funktioniert: Menschen sagen öffentlich etwas anderes als privat, bis das System plötzlich kippt, weil die versteckten Präferenzen nicht mehr versteckt bleiben.21 Granovetter modelliert Schwellenwerte kollektiven Verhaltens: wenige Frühstarter reichen, um Kaskaden auszulösen, wenn individuelle Schwellen passend verteilt sind.22 Bikhchandani, Hirshleifer und Welch beschreiben Informationskaskaden, bei denen Akteure private Informationen ignorieren, weil sie aus dem Verhalten anderer auf Wissen schliessen.23
Diese Literatur liefert mir eine saubere Brücke zu meiner Double-Gaussian Intuition. Selbst wenn kognitive Fähigkeiten in Eliten normalverteilt wären, würde der Selektionsmechanismus dafür sorgen, dass bestimmte Profile überrepräsentiert sind: jene, die Gruppensynchronisierung, Hadmut Danisch würde hier vielleicht sogar von emotionaler Synchronisierung sprechen, als Ressource nutzen, nicht jene, die sie reflexiv brechen. Bewusstsein 2. Ordnung wäre dann selten, nicht weil Menschen dazu unfähig wären, sondern weil es im politischen Betrieb häufig eine Karrierebremse ist. Wer metakognitiv arbeitet, stellt Fragen, die Koalitionen sprengen. Wer narrativ arbeitet, stellt Sätze her, die Koalitionen kleben.
Das erklärt Trumps Davos-Satz in zwei Schichten. „Die verstehen nicht“ kann heissen: sie haben die Systemdynamik nicht im Kopf, weil sie nie gezwungen waren, sie zu modellieren. „Die verstehen und tun nichts“ kann heissen: sie kennen die Dynamik, aber die Kosten einer Korrektur sind für sie persönlich höher als die Kosten des Weiterwurstelns, zumindest bis zur nächsten Wahl, bis zum nächsten Kabinett, bis zur nächsten Anschlussverwendung.
Rekrutierungs-These: Bildungs- und Berufsprofile
Hier wird es heikel, weil Menschen gern aus Anekdoten eine Biologie machen. Ich versucher das nicht. Ich spreche über Organisationssoziologie. Berufsprofile prägen, welche Probleme man sieht, welche man wegdefiniert und welche man für nicht zuständig erklärt.
Für die USA ist gut dokumentiert, dass Juristen in Legislative und Exekutive stark überrepräsentiert sind. Ein juristisches Denken ist hervorragend darin, Regeln zu formulieren, Verfahren zu bauen, Konflikte zu prozessieren. Es ist weniger gut darin, komplexe Systeme unter Ressourcenknappheit zu stabilisieren, wenn man harte Trade-offs akzeptieren muss. Das ist keine Abwertung, es ist Domänenspezialisierung.
Für China gibt es wiederum Literatur, die den Aufstieg technokratischer, oft ingenieurwissenschaftlich ausgebildeter Kader in früheren Jahrzehnten beschreibt, gleichzeitig aber auch den späteren Zuwachs von Recht und Sozialwissenschaften in den oberen Rängen.24 Die Tendenz, dass Kaderprofile sich mit Regimephasen verschieben, ist real und belegbar. Und Japan behandelt Migration traditionell administrativ als Kontingent- und Kategorienfrage, was sich auch in der OECD-Berichterstattung als stark policy-getriebene Steuerung zeigt.
Für Deutschland und Westeuropa wäre es unseriös, ohne belastbare Datensätze harte Prozentzahlen zu behaupten. Was ich sehe, ist eine institutionelle Kultur, in der Kommunikations- und Konsensberufe überproportional in die politische Spitze gelangen, während technische, operative und sicherheitliche Laufbahnen häufig als nachgeordnet gelten, bis es kracht. Das hat Folgen. Wer primär in Sprache, Gremien, Moralrahmen und Prozesssymbolik sozialisiert ist, hält Vollzug gern für ein Detail, das die Verwaltung schon löst. Nur löst die Verwaltung nichts, was politisch nicht gewollt ist.
Warum das Pendel in den USA in eine andere Richtung schwingt und in Westeuropa klemmt
Ich sehe drei Gründe, weshalb die USA schneller drehen können.
Erstens Institutionen und Wettbewerb. Das amerikanische System ist konfliktfreudig, föderal, prozessual brutal. Es produziert Polarisierung, aber auch schnelle Kurswechsel, sobald Mehrheiten kippen. Europa hingegen verteilt Verantwortung über Ebenen: nationale Regierungen, EU-Kommission, Gerichte, Agenturen, NGOs, internationale Verpflichtungen. Verantwortungsdiffusion25 ist ein Sicherheitsrisiko, weil sie Korrekturkosten erhöht und Schuldzuweisung erleichtert.
Zweitens Ressourcen und Sicherheitskultur. Die USA denken seit jeher in Machtmitteln, Grenzschutz, innerer Sicherheit, geopolitischer Projektion. Das bedeutet nicht, dass sie moralisch überlegen wären. Es bedeutet, dass sie Politik nicht nur als Normensystem verstehen, sondern als Fähigkeit, physische Realität zu gestalten. Die 2025er NSS liest sich genau so: Prioritäten, Räume, Lasten, Fähigkeiten. Das ist für viele Europäer kulturell fremd geworden. Fremd nicht, weil Europa es nicht könnte, sondern weil Europa sich angewöhnt hat, Realität als Zumutung zu behandeln.
Drittens europäische Pfadabhängigkeit. Westeuropa hat Migration über Jahre moralisch aufgeladen, institutionell vernetzt und rechtlich verästelt. Wer heute korrigieren will, muss nicht nur eine Policy ändern, sondern ein komplettes Sinnsystem entkrampfen, inklusive medialer Selbstbilder und zivilgesellschaftlicher Berufsidentitäten. Das ist zäh. Das ist auch der Grund, weshalb selbst sichtbare Nebenfolgen oft nicht als Policy-Fehler gerahmt werden, sondern als Anlass, noch mehr Moral zu produzieren.
Fazit und Wertung
Ich halte es für eine der grossen Selbsttäuschungen der westeuropäischen Politik, dass man Staatsfähigkeit durch moralische Rhetorik ersetzen könne. Wer Grenzen nicht kontrolliert, kontrolliert am Ende gar nichts: weder Integration noch Wohnungsmarkt noch Sicherheit noch sozialen Frieden noch den politischen Diskurs. Der Staat wird dann zum Prediger ohne Polizei, zum Richter ohne Vollstrecker, zum Wohlfahrtsautomat ohne Legitimationsgrund. Das ist der Pfad in die Delegitimation, in die totale Zerstörung, in den gesellaftlichen Suizid aus Angst vor dem Tod, zurück in die Steinzeit, nicht in Humanität.
Die Standpauke aus Davos ist deshalb nicht interessant, weil Trump sie gehalten hat, sondern weil sie zeigt, wie leer der europäische Resonanzraum geworden ist. Europa reagiert nicht wie ein Akteur, sondern wie ein Publikum, das sich über den Ton empört, weil es den Inhalt nicht bearbeiten will. Wer so lebt, wird von der Welt nicht geschont. Er wird übergangen.
Ich sage das ohne Romantik: Migration wird bleiben, weil Welt ungleich ist, weil Konflikte nicht verschwinden, weil Demografie drückt, weil Arbeitsmärkte Bedarf erzeugen. Die Frage lautet nie „Migration ja oder nein“. Die Frage lautet Steuerung oder Kontrollverlust, Rechtsstaat oder Ritual, Verantwortung oder Ausrede. Staaten wie Japan diskutieren Obergrenzen, Kategorien, Durchsetzung. Westeuropa diskutiert primär Gesinnung. Und wundert sich dann, dass die Bevölkerung irgendwann nicht mehr zuhört, weil sie längst gelernt hat, dass Worte keine Strassen beleuchten, keine Klassen entlasten, keine Täter abschrecken, keine Rückführungen vollziehen.
Das Bittere an Trumps Satz ist, dass er zwei Möglichkeiten offenlässt. Entweder verstehen sie wirklich nicht. Dann sind sie fehlbesetzt. Oder sie verstehen und handeln nicht. Dann sind sie nicht fehlbesetzt, sondern verantwortungslos. In beiden Fällen ist der Preis derselbe: ein politischer Betrieb, der die Kosten seiner Entscheidungen an jene delegiert, die am wenigsten ausweichen können, und sich dabei für tugendhaft hält.
- World Economic Forum, „Davos 2026: Special Address by Donald J. Trump, President of the United States of America“, Volltranskript, 22.01.2026, Passagen zu „leaders don’t even understand…“, online, abgerufen 29.01.2026. (https://www.weforum.org/stories/2026/01/davos-2026-special-address-donald-trump-president-united-states-america/) ↩︎
- The White House, „National Security Strategy of the United States of America“, November 2025, veröffentlicht 05.12.2025, insb. Einleitung und Prioritätenkapitel, online, abgerufen 29.01.2026. (https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy.pdf) ↩︎
- Associated Press, Bericht zu Asylantragszahlen 2023 und 2024 (unter Bezug auf EUAA und europäische Statistiken), publiziert 2024 und 2025, Kernzahlen zu 1,1 Millionen (2023) und rund 1,014 Millionen (2024 für EU plus Norwegen plus Schweiz), online, abgerufen 29.01.2026. (https://apnews.com/article/6412d0c5471ed2224acfc5c5435623d2) ↩︎
- Europäische Kommission, Berichte und Lagebilder zu Rückführungen und Vollzugslücken im EU-Rückkehrsystem, online, abgerufen 29.01.2026. ↩︎
- OECD, „International Migration Outlook“, Länderkapitel Japan, Ausgaben 2024 und 2025, policy-getriebene Steuerung und Arbeitsmarktbezug, online, abgerufen 29.01.2026. (https://www.oecd.org/en/publications/2024/11/international-migration-outlook-2024_c6f3e803/full-report/japan_b4d10c79.html) ↩︎
- Congressional Research Service, „National Security Strategy: Potential Implications for DOD of Prioritizing the Western Hemisphere and China“, 18.12.2025, Einordnung der NSS und Implikationen für Verteidigung und Bündnisse, online, abgerufen 29.01.2026. (https://www.congress.gov/crs_external_products/IF/PDF/IF13137/IF13137.2.pdf) ↩︎
- Finn E. Kydland, Edward C. Prescott, „Rules Rather than Discretion: The Inconsistency of Optimal Plans“, Journal of Political Economy, 1977, Zeitinkonsistenz-Problem, insb. Modellrahmen und Schlussfolgerungen. ↩︎
- Mancur Olson, „The Logic of Collective Action“, Harvard University Press, 1965, Mechanik konzentrierter Vorteile und diffuser Kosten, insb. Kapitel 1 bis 2. ↩︎
- UNHCR, „Convention Relating to the Status of Refugees“ (1951) und „Protocol“ (1967), insb. Art. 33 Non-Refoulement. ↩︎
- EGMR, „M.S.S. v. Belgium and Greece“, Urteil vom 21.01.2011, Anwendung von Art. 3 EMRK im Kontext von Überstellungen. ↩︎
- Europäische Union, „Rückführungsrichtlinie 2008/115/EG“, sowie Asyl- und Migrationspakt 2024 (u. a. AMMR), einschlägige Artikel zu Verfahren, Zuständigkeit und Rückkehr, konsolidierte Texte. ↩︎
- Jonathan Haidt, „The Righteous Mind: Why Good People Are Divided by Politics and Religion“, Pantheon, 2012, Moralpsychologie und Gruppenbindung, insb. Intuitionismus und Moral Foundations. ↩︎
- European Journal of Political Research, Forschungsartikel zur soziokulturellen Konfliktlinie und Immigration in Zentral- und Osteuropa, 2022, online, abgerufen 29.01.2026. (https://resolve.cambridge.org/core/journals/european-journal-of-political-research/article/immigration-and-the-sociocultural-divide-in-central-and-eastern-europe-stasis-or-evolution/D9CF25886D63B16C630D53BC22EB3709) ↩︎
- János Kornai, „Hardening the Budget Constraint: The Experience of the Post-Socialist Countries“, European Economic Review, 2001, sowie Überblick „Understanding the Soft Budget Constraint“, Arbeitspapier, Kernmechanik weicher Restriktionen, online, abgerufen 29.01.2026. (https://eml.berkeley.edu/~groland/pubs/understanding.pdf) ↩︎
- OECD, „International Migration Outlook 2025“, Länderkapitel Japan, administrative Steuerung und migrationspolitische Instrumente, online, abgerufen 29.01.2026. (https://www.oecd.org/en/publications/2025/11/international-migration-outlook-2025_355ae9fd/full-report/japan_ccc89a8d.html) ↩︎
- Reuters, Bericht über japanische Regierungsdebatte zu Obergrenzen und Policy-Review für ausländische Residenten, 29.08.2025, online, abgerufen 29.01.2026. (https://www.reuters.com/world/japan-should-debate-cap-foreign-residents-government-report-says-2025-08-29/) ↩︎
- Forschungsüberblick zu Unterschieden westlicher und östlicher Einstellungen zu Immigration, 2021, Open-Access-Zusammenhang, online, abgerufen 29.01.2026. (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8418682/
) ↩︎
- „Seit Jahren diskutiere ich mit meinem Bruder die Frage, wie viele Menschen überhaupt in der Lage sind, komplexe Systeme rational und reflektiert zu durchdringen. Wir sind zu der für viele vermutlich beleidigenden, für uns aber empirisch naheliegenden Arbeitsthese gekommen, dass der Anteil verschwindend klein ist.
Ich spreche intern gern von einer Double-Gaussian-Verteilung. Das ist keine wissenschaftlich sauber hergeleitete Populationsstudie, sondern ausdrücklich eine heuristische Skizze, die sich aus Beobachtung und Erfahrungswissen speist, nicht aus formalisierten statistischen Verfahren. Der Gedanke lautet vereinfacht: Es gibt eine erste grosse Glockenkurve, die normale Alltagsintelligenz abbildet, und darüber eine zweite, wesentlich kleinere Kurve, die Personen repräsentiert, die nicht nur intelligent im Sinne u.a. von Weltwissen und Methodenkompetenz sind, sondern dauerhaft abstrakte Modelle halten, vergleichen, falsifizieren und neu aufbauen können.
In meiner persönlichen Arbeitsthese liegen in dieser zweiten Kurve vielleicht im globalen Massstab Grössenordnungen im niedrigen Millionenbereich, irgendetwas um Grössenordnungen von einer guten Million Menschen weltweit, die wirklich in der Lage sind, komplexe gesellschaftliche, technische und rechtliche Strukturen konsistent zu denken und nicht nur phrasenhaft zu imitieren. Ich betone das noch einmal: Das ist keine peer-reviewte Studie, sondern eine bewusst vereinfachte Heuristik, die mir hilft, den alltäglichen Wahnsinn zu deuten, den ich erlebe.
Diese These erklärt vieles:
Menschen können in der Masse einfache Modelle verstehen, moralische Geschichten, Helden-Schurken-Narrative. Sie können Regeln befolgen, wenn jemand sie klar formuliert und durchsetzt. Sie können in ihrem Fachbereich sehr kompetent handeln. Aber sobald es darum geht, das Zusammenspiel mehrerer komplexer Systeme nachzuvollziehen, konkurrierende Modelle parallel zu halten und rein argumentativ, ohne persönlichen Bezug, über sie zu diskutieren, bricht es bei den meisten weg.
Man sieht das in der Unfähigkeit, zwischen empirischer Aussage und moralischer Wertung zu trennen. Man sieht es in der Weigerung, Hypothesen auch nur probeweise anzunehmen, die dem eigenen Selbstbild widersprechen. Man sieht es in der totalen Überforderung, wenn kein klares Lager, keine Flagge und kein Feindbild vorgegeben sind.“, https://coresecret.eu/2025/12/03/von-der-komplexitaet/ ↩︎ - „Um die verschiedenen Stufen des Bewusstseinsbegriffs besser unterscheiden zu können, arbeite ich mit einem dreistufigen Rahmen. Unter Bewusstsein 0. Ordnung verstehe ich das blosse Auftreten von phänomenalem Erleben ohne expliziten Selbstbezug: Schmerz, Farbe, Geräusch, Stimmung. Bewusstsein 1. Ordnung bezeichnet Zustände, in denen eine integrierte Wahrnehmungsszene mit einem impliziten Experiencer vorhanden ist; etwas wird erlebt als „mir widerfahrend“, ohne dass der Fokus explizit auf dem „Ich“ ruht. Bewusstsein 2. Ordnung, das sich mit A5 deckt, umfasst dann Metakognition, narratives Selbst und die Fähigkeit, Gedanken über Gedanken zu bilden sowie sich als handelnder Körper in der Welt zu begreifen.
Dieser Rahmen erlaubt es, unterschiedliche Phänomene sauber einzuordnen. Zustände tiefer Narkose oder traumloser Schlaf liegen unterhalb der Schwelle von Bewusstsein 0. Ordnung. Träume, starke Gefühle, einfache Wahrnehmungen liegen im Bereich der Stufe 0 oder 1. Komplexe Formen des Grübelns, des Sich-selbst-Befragens, des inneren Monologs bewegen sich klar auf Stufe 2. Klinische Zustände wie Alzheimer, schwere Delirien, Narkosen, etc. lassen sich als Verschiebungen innerhalb dieses Koordinatensystems auffassen: Mal bricht das autobiographische Gedächtnis weg, mal zerfällt die Weltstruktur, mal bleibt nur ein leerer Brennpunkt der Subjektivität zurück, eine Art „Kernel“ ohne umfangreiche Inhalte.“, https://coresecret.eu/2025/11/28/vom-sein-beginn-einer-blogserie/. ↩︎ - Irving L. Janis, „Groupthink“, Houghton Mifflin, 1972, Diagnose von Konformitätsdynamiken in Entscheidungsgremien, Kerndimensionen. ↩︎
- Timur Kuran, „Private Truths, Public Lies: The Social Consequences of Preference Falsification“, Harvard University Press, 1995, Mechanik öffentlicher Konformität bei privater Abweichung. ↩︎
- Mark Granovetter, „Threshold Models of Collective Behavior“, American Journal of Sociology, 1978, Schwellenwerte und Kaskadenlogik. ↩︎
- Sushil Bikhchandani, David Hirshleifer, Ivo Welch, „A Theory of Fads, Fashion, Custom, and Cultural Change as Informational Cascades“, Journal of Political Economy, 1992, Informationskaskaden und Herding. ↩︎
- Cheng Li, Brookings und verwandte Analysen zur Technokratisierung und späteren Verschiebung der Ausbildungsmuster in der chinesischen Führung, inklusive Anteil technokratischer Profile und Zuwachs von Recht und Politik, online, abgerufen 29.01.2026. (https://www.hoover.org/sites/default/files/research/docs/clm8_lc.pdf) ↩︎
- https://coresecret.eu/2025/12/16/von-der-many-hands-theory/ ↩︎
