Geschlossenheit ist kein Betriebsunfall, sondern eine Komfortzone, die sich auch dort reproduziert, wo man sich am liebsten als Gegenmodell zur gleichgeschalteten Öffentlichkeit inszeniert. Wer sich alternativ nennt, ist damit nicht automatisch offen, nur anders vernetzt.
Ich habe in meinem Text über das Zitierkartell den Finger auf eine banale, aber wirksame Stelle gelegt: Öffentlichkeit entsteht nicht bloss aus Argumenten, sondern aus Anschlussfähigkeit, und Anschlussfähigkeit wird in Milieus produziert, nicht in Wahrheitskriterien.1
Gatekeeping ist in der Kommunikationsforschung nicht die düstere Ausnahme, sondern die Normalform: Informationen passieren Tore, und diese Tore werden durch Routinen, Rollen, Ressourcengrenzen und redaktionelle Heuristiken bewirtschaftet.2 Die klassische Gatekeeper Studie zeigt das bereits im Kleinen: Nicht alles, was wahr oder relevant ist, wird durchgelassen, sondern das, was in den Ablauf passt.3
Übertrage ich das auf alternative Medien und Kommentatoren, dann entsteht kein Freiraum von Gatekeeping, sondern ein anderer Katalog an Torbedingungen: Themen, die den eigenen Takt stören, die eigene Linie verkomplizieren oder juristisch unsauber wirken könnten, werden leiser gestellt. Nicht, weil sie falsch wären, sondern weil sie teuer sind. Teuer an Zeit, teuer an Risiko, teuer an kognitiver Energie.
Agenda Setting beschreibt den Effekt, dass Medien nicht einfach Meinungen machen, sondern vor allem definieren, was auf der mentalen Tagesordnung steht.4 Diese Logik ist strukturell, nicht moralisch: Aufmerksamkeit ist begrenzt, also wird eine Agenda gebaut.
Die News Value Forschung zeigt, dass Auswahlkriterien in der Praxis oft eine Art implizites Punktesystem bilden: Ereignisse, die eindeutig sind, konfliktstark, personalisierbar, bildfähig, zeitnah, kulturell anschlussfähig, erhalten mehr Durchschlagskraft.5 Harcup und O’Neill zeigen in ihrer Replik auf Galtung und Ruge, wie persistent solche Kriterien bleiben, auch wenn sich Medienformen ändern.6
Homophilie beschreibt, dass sich soziale Netzwerke entlang von Ähnlichkeit organisieren: Man verbindet sich bevorzugt mit jenen, die einem in Status, Weltbild, Stil und Milieusignalen nahe sind.7 Das ist kein Vorwurf, sondern eine robuste Regel sozialer Netze.
Alternative Öffentlichkeiten sind damit nicht automatisch plural, sondern häufig stark geclustert. Der Cluster kann gegen Mainstream gerichtet sein und trotzdem intern konformistisch arbeiten. Das ist die feine Ironie: Man flieht die grossen Normen, um sich kleine Normen zu bauen, die härter durchgesetzt werden, weil sie identitätsstiftend sind.
Selective Exposure bezeichnet, dass Menschen bevorzugt Informationen konsumieren, die mit ihren Präferenzen kompatibel sind, und Dissonanz eher meiden.8 In einem solchen Klima werden Fälle bevorzugt, die das bestehende Narrativ direkt füttern, nicht jene, die zusätzliche Unterscheidungen verlangen.
Der Zwei Stufen Fluss Ansatz beschreibt, dass Ideen häufig über Meinungsführer in Netzwerken diffundieren, nicht gleichmässig über eine amorphe Masse.9 Das macht Knoten mächtig, und es macht Abweichung teuer: Wer als Knoten funktioniert, muss sein Publikum halten.
Damit wird verständlich, weshalb so viele alternative Stimmen zwar dauerempört sind, aber selektiv taub: Sie kuratieren nicht nur Themen, sie kuratieren ihr Publikum.
Netzwerkanalysen zu politischen Medienökosystemen zeigen, dass sich auch jenseits klassischer Leitmedien dichte Verweisstrukturen und Verstärkerschleifen bilden, in denen bestimmte Knoten dominieren und die Informationsflüsse nicht zufällig sind.10 Dass sich alternative Influence Netzwerke über Cross Promotion, Authentizitätsgesten und Netzwerkbrücken aufbauen, ist empirisch gut beschrieben.11
Alternative Medien sind nicht automatisch eine offene Agora, sondern oft ein Markt mit wiederkehrenden Lieferanten, kalkulierbaren Erregungszyklen und einer eigenen Statushierarchie.
Die Modelle erklären, warum Anschlussfähigkeit knapp wird. Sie entschuldigen nicht, dass man sich moralisch als Verteidiger des offenen Wortes ausgibt und dann faktisch nach denselben Opportunitätskriterien selektiert wie jedes andere Milieu.
Die Nicht Anschlussfähigkeit von Fällen liegt oft daran, dass diese Art von Fällen keinen fertigen Plot liefern. Ein fertiger Plot braucht einen klaren Bösewicht, einen klaren Helden, einen klaren Moment der Entscheidung, ein klares Ende.
Hinzu kommt ein zweites Moment, das psychologisch, aber nicht mystisch ist: Empörung ist sozial belohnbar. Empörung signalisiert Zugehörigkeit. Studien zur Dynamik moralischer Empörung in sozialen Netzwerken zeigen zudem, dass Plattformfeedback Empörungsausdruck verstärken kann, weil er belohnt wird.12
Das erklärt auch, weshalb unwichtiger Müll endlos läuft: Er ist leicht zu verarbeiten, leicht zu bewerten, leicht zu teilen, leicht zu belohnen. Substanz verlangt Haftung, und Haftung ist das Letzte, was ein Milieu mit begrenzter Professionalität freiwillig einkauft.
Ich halte es für intellektuell unehrlich, sich frei zu nennen und dann die Freiheit exakt dort zu kappen, wo sie Mühe macht. Freiheit, die nur für kurze, klare, emotional glatte Stories gilt, ist keine Freiheit, sondern ein Stil. Und ein Stil ist kein moralisches Verdienst.
Wer Gatekeeping an Leitmedien kritisiert, sollte den Mut haben, das Gatekeeping im eigenen Milieu zu sezieren. Nicht mit moralischer Überhöhung, sondern mit der Frage: Welche Themen kosten mich Reichweite, welche bringen mir Reichweite, welche Fälle verlangen Recherche, welche liefern einen Clip. In dem Moment, in dem diese Fragen unbewusst beantwortet werden, läuft das System automatisch. Man nennt es dann Instinkt oder Redaktionsgefühl. In Wahrheit ist es eine ökonomisierte Heuristik.
Der geschlossene Zirkel ist nicht primär eine Verschwörung, sondern eine Abkürzung. Er spart Kosten, stabilisiert Identität, minimiert Risiko, maximiert Wiedererkennbarkeit. Die offene Öffentlichkeit fällt nicht vom Himmel. Sie muss gegen die Komfortphysik der geschlossenen Zirkel erkämpft werden.
- https://coresecret.eu/2026/01/14/vom-zitierkartell/ ↩︎
- Pamela J. Shoemaker, Tim P. Vos, Gatekeeping Theory, Routledge, 2009, insb. Kap. 1–2 (Begriff und Mechanik). ↩︎
- David Manning White, The “Gate Keeper”: A Case Study in the Selection of News, Journalism Quarterly 27(4), 1950, S. 383–390. ↩︎
- Maxwell E. McCombs, Donald L. Shaw, The Agenda Setting Function of Mass Media, Public Opinion Quarterly 36(2), 1972, S. 176–187, doi:10.1086/267990
. ↩︎
- Johan Galtung, Mari H. Ruge, The Structure of Foreign News: The Presentation of the Congo, Cuba and Cyprus Crises in Four Norwegian Newspapers, 1965 (News Factors). ↩︎
- Tony Harcup, Deirdre O’Neill, What Is News? Galtung and Ruge Revisited, Journalism Studies 2(2), 2001, S. 261–280, Volltext: https://eprints.hud.ac.uk/id/eprint/27381/ , abgerufen am 28.01.2026. Ergänzend: Tony Harcup, Deirdre O’Neill, What is News? News values revisited (again), Journalism Studies 18(12), 2017, S. 1470–1488, doi:10.1080/1461670X.2016.1150193
. ↩︎
- Miller McPherson, Lynn Smith Lovin, James M. Cook, Birds of a Feather: Homophily in Social Networks, Annual Review of Sociology 27, 2001, S. 415–444. ↩︎
- Natalie Jomini Stroud, Polarization and Partisan Selective Exposure, Journal of Communication 60(3), 2010, S. 556–576, doi:10.1111/j.1460-2466.2010.01497.x
↩︎
- Elihu Katz, The Two Step Flow of Communication: An Up To Date Report on an Hypothesis, Public Opinion Quarterly 21(1), 1957, S. 61–78. Ergänzend: Elihu Katz, Paul F. Lazarsfeld, Personal Influence, Free Press, 1955. ↩︎
- Yochai Benkler, Robert Faris, Hal Roberts, Network Propaganda: Manipulation, Disinformation, and Radicalization in American Politics, Oxford University Press, 2018, Open Access Online Edition (Oxford Academic). ↩︎
- Rebecca Lewis, Alternative Influence: Broadcasting the Reactionary Right on YouTube, Data & Society, 2018. ↩︎
- William J. Brady et al., Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks, PNAS 114(28), 2017, doi:10.1073/pnas.1618923114
. William J. Brady et al., How social learning amplifies moral outrage expression in online social networks, Science Advances 7(33), 2021, doi:10.1126/sciadv.abe5641
. ↩︎
