Aktenordner kennen keine Empathie. Sie kennen nur Volumen, Fristen, Stempel, Zuständigkeiten und das stille Geräusch, mit dem ein Dossier von einem Schreibtisch in den nächsten Schatten wandert. Menschen hingegen verlieren in dieser Logik Wohnungen, Einkommen, Gesundheit, Freundschaften, Kultur. Das ist der Kern der Absurdität: Der Rechtsstaat operiert mit einer kühlen Grammatik der Verfahrensakte, während das Leben in warmem Blut gerechnet wird.
Mein Fall ist kein exotisches Gedankenexperiment, sondern ein banaler Konflikt um Gehalt, Vertrag, faktische Eingliederung, Verantwortlichkeiten und das kleine Detail, dass eine Arbeitsleistung nicht durch metaphysische Dankbarkeit vergütet wird, sondern durch Geld. Die Gehaltsforderungen reichen zurück bis zum Sommer 2021. Seit damals zieht sich eine Linie durch mein Leben, die man theoretisch „Anspruchsdurchsetzung“ nennt und praktisch „Abstieg unter Vollbeobachtung“. Die Gegenseite schweigt über lange Strecken, die Institutionen reagierten mit einer Mischung aus Trägheit und Ritual, und die öffentliche Umgebung, die sich sonst gern als wachsames Korrektiv inszeniert, zeigte zuverlässig das Talent, wegzuschauen, ohne sich dabei moralisch unwohl zu fühlen.
Sommer 2021 markiert den Ursprung der Gehaltsforderungen. Nicht als sentimentale Zäsur, sondern als Beginn einer materiellen Schieflage, die sich Monat für Monat frisst: offene Zahlungen, widersprüchliche Einordnungen der tatsächlichen Arbeitsbeziehung, ein Geflecht aus Auftraggeber, Zwischengliedern, Zuständigkeiten und juristischen Erzählungen, die sich je nach Publikum verändern. Es geht dabei nicht um einen kleinen Buchungsfehler, der sich im nächsten Payroll-Zyklus erledigt, sondern um ein strukturelles Muster: Leistung wird entgegengenommen, die Verantwortungszuschreibung wird vernebelt.
Am 22.05.2023 habe ich in Lissabon Klage eingereicht. Der erste Termin fand am 22.06.2023 statt. Danach: Stille. Keine Stille im poetischen Sinn, sondern die schlichte Abwesenheit richterlicher Tätigkeit, die für einen Kläger existenziell wird, weil sie nicht neutral ist. Untätigkeit ist in solchen Konstellationen eine Entscheidung mit umgekehrtem Vorzeichen. Zwischen dem 22.06.2023 und dem 16.12.2025 liegen 908 Tage. 908 Tage, in denen die Verfahrensmaschine nicht „langsam“ lief, sondern phasenweise gar nicht. Das ist keine Petitesse, das ist eine eigene Kategorie von Macht.
Zwischendurch gab es die typischen Symptome eines Systems, das sich selber entlastet: Fristen, die verpasst werden; Sanktionen, die formal verhängt werden und faktisch folgenlos bleiben; Anwälte, die kommen und gehen, als wäre ein Prozess eine lästige Nebenrolle in einem überbuchten Kalender; ein Richterwechsel am 10.09.2025, ohne dass daraus automatisch Bewegung entsteht. Und als ob das Setting noch nicht grotesk genug wäre: Pflichtvertretungen, Entpflichtungen, Neuzuteilungen. Ein juristisches Karussell, das sich dreht, während der Kläger draussen steht und die Musik bezahlen soll.
Dass ich in dieser Zeit Wohnung und Existenzgrundlagen verloren habe, ist kein rhetorischer Schmuck. Es ist das Ergebnis einer Verzögerung, die man im institutionellen Sprachgebrauch gern als „Belastung“ oder „Rückstand“ verwaltet, als wäre das nur eine Statistik. Für mich war es die Umwandlung von Recht in Papier. Papier kann warten. Menschen weniger.
Und trotzdem: Aufgeben ist nicht die Option, die mir aus dieser Lage „vernünftig“ erscheint. Vernünftig ist, den Anspruch weiter zu verfolgen, gerade weil die Maschine versucht, mich über Erschöpfung zu steuern.
Verantwortung verdampft nicht, sie verteilt sich
Die Many Hands Theory beschreibt ein Problem, das in komplexen Organisationen nahezu zwangsläufig auftaucht: Wenn viele Hände an einer Entscheidung, einer Unterlassung oder einem Schaden beteiligt sind, wird es schwierig bis unmöglich, Verantwortung klar zuzuordnen, obwohl der Schaden real ist. Dennis F. Thompson hat dieses Muster als „Problem of Many Hands“ im Kontext politischer und administrativer Verantwortung prominent gemacht.1
Das Entscheidende daran ist die elegante Grausamkeit des Effekts: Je mehr Akteure beteiligt sind, desto leichter wird für jeden einzelnen Akteur die subjektive und institutionelle Rechtfertigung, nichts zu tun. Nicht zwingend aus Bosheit. Oft aus Karrierehygiene, aus Risikoaversion, aus Prozessgläubigkeit, aus mentaler Ökonomie. Verantwortung wird nicht geleugnet, sie wird atomisiert. Am Ende bleibt nur noch ein Nebel aus Zuständigkeitsbehauptungen, Verfahrensformen und „bitte reichen Sie das in dreifacher Ausfertigung ein“.
In meinem Verfahren ist dieses Muster nicht Theorie, sondern Alltagsmechanik.
Da ist das Gericht, das formal zuständig ist, aber praktisch in Routine und Überlastung versickert. Da sind die richterlichen und administrativen Rollen, fein getrennt, so dass jeder Teil des Apparats plausibel sagen kann, er habe den Hebel nicht. Da sind Anwaltskammer, Ombudsstelle und Justizrat, die je nach Eingabe entweder „nicht zuständig“ sind oder zwar zuständig wirken, aber ohne sichtbare Wirkung bleiben. Da sind parlamentarische Büros, die freundlich danken, weiterleiten, ablegen. Da sind alternative Medien, die sich gern als Gegenöffentlichkeit inszenieren, aber im Kontakt mit einem konkreten Fall die gleiche Trägheit kultivieren wie die Institutionen, die sie kritisieren.
Many Hands ist das perfekte Alibi, weil es nicht als Alibi aussieht. Es sieht aus wie Komplexität. Und Komplexität klingt nach Schicksal, nicht nach Verantwortung.
Von Verantwortungsdiffusion
Das verwandte Konzept aus der Sozialpsychologie ist Verantwortungsdiffusion: In Gruppen sinkt die wahrgenommene eigene Verpflichtung, zu handeln, weil „andere ja auch könnten“. In klassischen Notfall-Experimenten wird daraus der bekannte Bystander-Komplex. Für Organisationen ist die Pointe noch bitterer: Dort ist die Diffusion nicht nur psychologisch, sondern in Rollen, Prozessen und Dokumentationspflichten materialisiert. Die Psychologie wird zur Architektur.
Das erklärt nicht jede Einzelentscheidung eines Richters. Es erklärt jedoch, warum Untätigkeit in komplexen Institutionen stabil sein kann: Niemand muss aktiv sabotieren. Es genügt, dass jeder im System die Verantwortung als verteilt erlebt und die Risiken des Handelns höher gewichtet als die Risiken des Unterlassens. Der Kläger trägt die Risiken beider Seiten: Er leidet an der Verzögerung und wird zugleich für jeden Versuch der Beschleunigung als „schwierig“ gelesen, wie es heuer so gerne heisst.
Die Forschung zur politischen und administrativen Verantwortung betont genau diese Struktur: Verantwortlichkeit ist in modernen Systemen oft nicht fehlend, sondern unauffindbar.2
Portugal, Verfahrenslängen, europäische Aufsicht
Eine heikle Wahrheit lässt sich nicht weglächeln: Überlange Verfahren sind in Portugal nicht nur Anekdote. Die Europäische Kommission weist in ihrem Rechtsstaatlichkeitsbericht darauf hin, dass Portugal weiterhin unter „enhanced supervision“ des Ministerkomitees des Europarats steht, wegen überlanger Verfahren sowohl in zivilen als auch in verwaltungsrechtlichen Gerichtsbarkeiten.3
Das ist bemerkenswert, weil es zwei Dinge gleichzeitig zeigt.
- Das Problem ist europäisch dokumentiert, also nicht bloss die Beschwerde eines einzelnen Klägers.
- Selbst dokumentierte Mängel, selbst Aufsicht, selbst wiederkehrende Empfehlungen garantieren nicht, dass ein konkreter Fall innerhalb eines akzeptablen Zeitrahmens behandelt wird. Der Bericht nennt etwa für Verwaltungs- und Steuergerichte eine nach wie vor hohe Verfahrensdauer in erster Instanz von 747 Tagen (für 2022), über 1’000 Tage in zweiter Instanz, bei gleichzeitig hoher Arbeitslast und strukturellen Reibungsverlusten.4
Gleichzeitig wird festgehalten, dass sich die Effizienz in Zivil- und Handelssachen verbessert habe, die Rückstände aber relativ hoch bleiben und der Europarat die Verkürzung der Verfahrensdauern zwar begrüsst, aber weiter prüft.5
Hier liegt die bittere Paradoxie meines Falls: Selbst innerhalb eines Landes, das unter europäischer Beobachtung wegen Verfahrenslängen steht, kann ein einzelnes Verfahren zum grandiosen Ausreisser werden. Nicht, weil es unmöglich wäre, sondern weil die Systemlogik Ausreisser toleriert, solange der Ausreisser keine mächtige Gegenkraft erzeugt. Die Maschine korrigiert sich nicht von selbst. Sie korrigiert sich erst, wenn Druck entsteht, der für die Akteure unangenehmer ist als Bewegung.
Rechtlich ist der Massstab banal formuliert: Art. 6 EMRK garantiert ein Verfahren „within a reasonable time“.6 Der Massstab ist aber praktisch elastisch, bis er reisst, und der Riss wird im Alltag gern als „Bedauerlichkeit“ verwaltet.
Vom Unterlassen
In meinem ArbG-Verfahren wirkt Many Hands wie ein Mehrschichtsystem aus Entlastungsnarrativen.
Das Gericht kann auf Überlastung verweisen. Einzelne Funktionsträger können auf interne Abläufe verweisen. Pflichtanwälte können auf fehlende Ressourcen, fehlende Akteneinsicht, fehlende Kommunikation verweisen, manchmal auch schlicht auf persönliches Verschwinden. Aufsichtsorgane können auf ihre begrenzten Kompetenzen verweisen. Jeder Satz ist einzeln plausibel. Im Aggregat ist es institutionalisierte Verantwortungslosigkeit.
Die Many Hands Theory erklärt hier nicht „den Richter“ als Charakter, sondern das System als Anreizlandschaft. Der zentrale Anreiz ist nicht „Wahrheit“ oder der zügige Ausgleich von Interessen, sondern Reibungsminimierung. Wer die Akte nicht anfasst, macht selten einen dokumentierbaren Fehler. Wer sie anfasst, produziert zwangsläufig Angriffsflächen. In einem Klima, in dem Sanktionen für Unterlassen selten sind, Sanktionen für Fehler aber real, entsteht eine präzise Logik: Untätigkeit ist die risikoärmste Form der Tätigkeit.
Das ist das Gegenteil dessen, was der Rechtsstaat verspricht. Aber es ist, nüchtern betrachtet, eine rationale Strategie innerhalb eines dysfunktionalen Rahmens.
Hinzu kommt der Faktor Komplexität: Wo Sachverhalte technisch, organisatorisch und vertraglich verschachtelt sind, wächst die Versuchung, den Fall nicht zu priorisieren. Komplexität wirkt wie ein natürlicher Abwehrzauber: Sie schreckt ab, sie ermüdet, sie lädt zum Wegdelegieren ein. Und Wegdelegieren ist der kleine Bruder des Wegschauens.
Von der Gegenöffentlichkeit, die sich selbst entlarvt
Ich habe über lange Zeit hunderte Anfragen an Abgeordnete, Redaktionen, alternative Medien und verschiedene Stellen gerichtet. Die Antwortquote lag im Bereich von unter einem Promille, und diese Antworten zu 100 Prozent nur Absagen unter fadenscheinigen Behauptungen. Das ist keine moralische Anklage an jede einzelne Person, sondern eine Diagnose: Auch dort, wo man sich rhetorisch als mutig, kritisch und unabhängig verkauft, herrschen dieselben Mechanismen wie in den Institutionen.
Many Hands ist nicht auf Gerichte beschränkt. Es ist ein gesellschaftliches Muster.
Im politischen Raum wirkt es als Zuständigkeitsdiffusion: Der einzelne Abgeordnete kann immer sagen, er sei nicht die Exekutive, nicht die Justiz, nicht die Aufsicht. Im medialen Raum wirkt es als Aufmerksamkeitsökonomie: Der Einzelfall ist unerquicklich, juristisch heikel, zeitintensiv, schwer zu erzählen, ohne sich angreifbar zu machen. Unterlassung wird zur „Programmplanung“.
Und dann gibt es noch die feigste, aber wirksamste Dimension: Reputation und Risiko. Wer einen konkreten Fall unterstützt, riskiert, sich mit mächtigeren Akteuren anzulegen, ohne dass daraus für ihn ein Gewinn entsteht. Wer schweigt, bleibt sauber. Sauber ist in diesem Milieu oft wichtiger als richtig.
Von der Letztwahrheit und vom Skandal
Eine sauber arbeitende Analyse muss akzeptieren, was sie nicht wissen kann. Ich kann die inneren Motive einzelner Richter, einzelner Funktionäre, einzelner Entscheidungsträger nicht beweisen. Ich sehe nur die Aussenwirkung: Untätigkeit. Schweigen. Verschleppung. Ein System, das sich in seinen Prozeduren versteckt.
Da selbst Anwaltskammer, Ombudsstelle und Justizrat in meinem Fall keine sichtbare, nachvollziehbare Wirkung erzeugt haben, bleiben mir nur Hypothesen. Das ist an sich schon ein gesellschaftlicher Skandal: Ein Rechtsstaat, der seine Betroffenen in Mutmassungen zwingt, weil die Institutionen Transparenz und Rechenschaft nicht liefern, entzieht sich der Kontrolle durch die Bürger. Er lässt die Betroffenen in einem epistemischen Nebel stehen, der nicht naturgegeben ist, sondern gemacht und geduldet von den Bürgern.
Im Übrigen ist dieser Nebel sozial ansteckend. Je länger ein Verfahren ohne sichtbare Bewegung bleibt, desto mehr Menschen im Umfeld interpretieren das als Signal: „Dann wird da schon nichts dran sein“ oder „Dann ist das wohl zu kompliziert“ oder „Dann wird das schon seine Ordnung haben“. Untätigkeit produziert ihre eigene Legitimationswolke.
Von Gruppendynamik
Wie geschrieben, habe ich zahlreiche Versuche unternommen, Unterstützung zu suchen. Die Muster waren frappant: Selbst in öffentlichen Foren wurden meine Beiträge in Bereiche verschoben, die die Sichtbarkeit einschränken. Dazu kamen persönliche Angriffe, eine reflexhafte Abwehr der Möglichkeit, dass mein Sachverhalt überhaupt real sein könnte, und eine erstaunliche Selbstgewissheit von Personen, die sich gleichzeitig als rational, aufklärungstauglich und moralisch überdurchschnittlich darstellen.
Vier Konzepte helfen, dieses Mikroszenario zu verstehen. Keines davon entschuldigt es. Aber sie machen erklärbar, warum sich Gruppen, die sich für kritisch halten, in Sekunden in eine instinktive Verteidigungshaltung werfen, sobald ein Fall ihre sozialen Skripte stört.
Online Disinhibition: Enthemmung ohne Konsequenz
John Suler beschreibt, wie Online-Umgebungen Enthemmung fördern: Anonymität, Unsichtbarkeit, zeitversetzte Kommunikation und die Abwesenheit unmittelbarer sozialer Sanktionen führen dazu, dass Menschen härter, aggressiver oder auch exhibitionistischer kommunizieren als im direkten Kontakt.7
In meinem Fall hiess das: Wo im realen Raum eher zögerlich gefragt würde, ob man helfen kann oder ob man Details braucht, kam online die schnelle Abwertung. Nicht, weil alle Beteiligten böse wären, sondern weil der Kanal die Kosten von Grausamkeit gegen null drückt. Moralische Überlegenheit wird billig. Empathie bleibt teuer.
Gruppenpolarisierung: Aus einer Skepsis wird ein Tribunal
Gruppenpolarisierung ist der Effekt, dass Diskussionen in Gruppen zu extremeren Positionen führen, typischerweise in Richtung der bereits dominanten Tendenz. Meta-Analysen diskutieren als Mechanismen etwa soziale Vergleichsprozesse und persuasive Argumente, die sich gegenseitig verstärken.8
Das erklärt, warum ein Forum nicht einfach „kritisch nachfragt“, sondern rasch in ein Urteil kippt: Sobald erste Stimmen die Glaubwürdigkeit anzweifeln, werden nachfolgende Beiträge weniger prüfend und mehr performativ. Die Gruppe belohnt nicht Genauigkeit, sondern Anschlussfähigkeit. Der Ton schaukelt sich hoch, weil Härte als Kompetenz missverstanden wird.
Identity-Protective Cognition: Wahrheit als Bedrohung der Zugehörigkeit
Dan Kahan beschreibt Identity-Protective Cognition als Tendenz, Informationen so zu bewerten, dass sie die eigene Gruppenidentität und den Status innerhalb der Bezugsgruppe schützen.9 Das ist eng verwandt mit motiviertem Schliessen, wie es Ziva Kunda in klassischer Form diskutiert: Motivation beeinflusst, welche kognitiven Strategien eingesetzt werden, um zu einem gewünschten Schluss zu gelangen.10
Im Forum bedeutete das: Mein Fall war nicht nur ein Sachverhalt, sondern ein Störsignal. Er passte nicht zur Selbstbeschreibung der Gruppe als „aufgeklärt“ und „kritisch“, denn ein realer, dokumentierter Systemfehler zwingt zu einer unangenehmen Konsequenz: Man müsste handeln oder zumindest anerkennen, dass die Welt nicht so ordentlich ist, wie die eigene Identität es gerne hätte. Also wurde der Fall nicht geprüft, sondern abgewehrt. Abwehr fühlt sich an wie Rationalität, solange man die eigene Motivation nicht anschauen muss.
Moral Grandstanding: Statusgewinn durch moralische Pose
Justin Tosi und Brandon Warmke fassen „Moral Grandstanding“ als Nutzung moralischer Rede zur Selbstaufwertung: Man zeigt nicht primär, was richtig ist, sondern wer man ist.11 Empirische Arbeiten verknüpfen moralisches Grandstanding zudem mit Polarisierungstendenzen.12
Das ist die hässliche Pointe vieler Online-Räume: Moral wird nicht als Verpflichtung verstanden, sondern als Währung. Wer am härtesten aburteilt, gewinnt kurzfristig Prestige. Wer differenziert, riskiert, als „unsicher“ oder „problematisch“ markiert zu werden. In so einem Klima wird Hilfeleistung zur Nebensache. Das Spektakel steht im Vordergrund.
Diese vier Mechanismen erzeugen zusammen ein Milieu, in dem die Gruppe sich für besonders rational hält, während sie in Wahrheit hochgradig sozial gesteuert ist. Rationalität wird zur Maske der Zugehörigkeit.
Von der Untätigkeit zum System
Many Hands erklärt, warum Verantwortung in Institutionen verschwimmt. Online-Disinhibition, Gruppenpolarisierung, Identity-Protective Cognition und Moral Grandstanding erklären, warum selbst ausserhalb der Institutionen, in den vermeintlich freien, kritischen Räumen, ähnliche Dynamiken greifen. Das ist das deprimierende Bindeglied: Das Problem sitzt nicht nur in „denen da oben“. Es sitzt auch im Publikum, das sich nach moralischer Gewissheit sehnt, nach Zugehörigkeit, nach einfachen Urteilen.
Darum reagieren so viele Abgeordnete nicht. Darum reagieren so viele alternative Medien nicht. Darum reagieren selbst Milieus, die sich „kritisch“ nennen, mit Abwehr, sobald Kritik konkrete Folgen hätte.
Es geht nicht um fehlende Intelligenz. Es geht um Anreize. Es geht um Status. Es geht um Angst vor Kontamination. Und es geht um die bequeme Möglichkeit, die eigene Untätigkeit als „Prudenz“ zu etikettieren.
Mein Fall ist damit nicht nur ein Arbeitsrechtsstreit. Er ist ein Brennglas für eine Gesellschaft, die Rechtsstaatlichkeit gerne als Dekoration führt, solange sie nichts kostet. Sobald sie kostet, wird sie zur Formalie. Und Formalien sind die natürliche Heimat der Many Hands.
Von der Würdelosigkeit
Der beschämende Teil ist nicht, dass ein Justizsystem Rückstände hat. Der beschämende Teil ist die kulturelle Akzeptanz dieser Rückstände, die Gleichgültigkeit gegenüber den Kollateralschäden, die moralische Pose statt praktischer Solidarität.
Die Europäische Kommission dokumentiert überlange Verfahren in Portugal und verweist auf verschärfte Aufsicht durch den Europarat. Das heisst: Das Problem ist sichtbar. Es ist benennbar. Es ist seit Jahren im europäischen Diskurs. Und trotzdem kann ein einzelner Kläger 908 Tage in eine Art institutionelles Vakuum fallen, in dem niemand zuständig sein will, niemand wirksam reagiert und das Umfeld lernt, dass Schweigen die bequemste Form der Teilnahme ist.
Eine demokratisch verfasste Ordnung, die so etwas als hinnehmbar behandelt, ist nicht einfach „überlastet“. Sie ist degeneriert und abgestumpft. Und eine abgestumpfte Ordnung ist gefährlicher als eine überlastete, weil sie das Unwürdige als normal empfindet.
- https://www.cambridge.org/core/journals/american-political-science-review/article/moral-responsibility-of-public-officials-the-problem-of-many-hands/39DD3FAB7BF7DC7A242407143674F22B ↩︎
- Ebenda. ↩︎
- https://commission.europa.eu/document/download/427e4c4b-28ca-4140-acff-7ad50e367dda_en?filename=50_1_58079_coun_chap_portugal_en.pdf ↩︎
- Ebenda. ↩︎
- Ebenda. ↩︎
- https://www.echr.coe.int/documents/d/echr/convention_ENG ↩︎
- https://johnsuler.com/article_pdfs/online_dis_effect.pdf ↩︎
- http://dx.doi.org/10.1037/0022-3514.50.6.1141 ↩︎
- https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2973067 ↩︎
- https://fbaum.unc.edu/teaching/articles/Psych-Bulletin-1990-Kunda.pdf ↩︎
- https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/papa.12075 ↩︎
- https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0092656620300970 ↩︎
