Alles gegen Deutschland

Spätestens seit der dritten ausgerufenen Zeitenwende in drei Jahren ist klar, dass hier etwas anderes betrieben wird als seriöse Standortpolitik. Was unter dem Label Klimaschutz, Solidarität, Demokratieverteidigung oder sozialer Gerechtigkeit verkauft wird, hat einen erstaunlich konsistenten Nebeneffekt. Es trifft systematisch jene Sphaeren, aus denen reale Wertschöpfung kommt. Industrie, Mittelstand, Kommunen, Infrastruktur. Also genau das, wovon alles andere bezahlt werden muess­te.

Ich beobachte seit Jahren, wie Deutschland von einer Hochindustrie auf dem Niveau einer führenden Exportnation in eine Mischung aus Subventionsoekonomie, Regulierungsverwaltung und moralischem Erziehungsprojekt umgebaut wird. Nicht als Unfall, nicht als Betriebsunfall der Geschichte, sondern als Folge eines politischen und administrativen Kurses, der mit fast pedantischer Konsequenz jede falsche Abzweigung nimmt, die man nur nehmen kann.

Die Zahlen sind brutal nüchtern. Die Industrieproduktion sinkt seit 2018 per saldo, insbesondere in den energieintensiven Branchen. Nach Daten von Destatis und EU Kommission liegt die Produktion dieser Sektoren seit Beginn des Ukrainekrieges um rund 20 Prozent unter Vorkrisenniveau, 1 eine Erholung ist nicht sichtbar. Deutsche, europaeische und internationale Institute beschreiben die Lage in der Industrie inzwischen ganz offen als strukturelle Schwächephase, 2 ausgelöst durch hohe Energiepreise, fragmentierte Weltmärkte und systematische Standortnachteile.

Parallel dazu steigen die Unternehmensinsolvenzen deutlich. 2023 lag der Anstieg der Firmenpleiten in Deutschland bei knapp 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr, damit an der Spitze Westeuropas. 3 Im Jahr 2024 folgte der nächste Sprung, inzwischen melden Institute die hoechste Zahl an Insolvenzen seit der Finanzkrise, besonders im letzten Quartal 2024.4 Wer es bis hierher noch für eine zyklische Delle hält, hat entweder eine politische Agenda oder keine Ahnung von realen Zyklen.

Beim Staat sieht es nicht besser aus. Die Kommunen fahren Rekorddefizite ein, 2024 fehlten ihnen laut Destatis rund 24.8 Milliarden EUR.5 Im ersten Halbjahr 2025 lag das Defizit bereits bei knapp 19.7 Milliarden EUR.6 Es handelt sich um die tiefste kommunale Finanzkrise seit der Wiedervereinigung. Die Bundesbank weist gleichzeitig für den Gesamtstaat eine Verschuldung von rund 2.7 Billionen EUR und eine Schuldenquote von etwa 62.5 Prozent aus.7

Das ist die Ausgangslage. Wenn das nur Inkompetenz wäre, könnte man milde werden. Die Choreographie legt etwas anderes nahe. Die Entscheidungen sind so konsistent gegen den Standort gerichtet, dass sich der Titel dieses Textes geradezu aufdrängt. Alles gegen Deutschland.

Die deutsche Industrie war über Jahrzehnte der seismographische Kern des Landes. Wenn dort etwas wackelt, merkt es das gesamte System. Inzwischen ist die Nadel nicht mehr am Wackeln, sie steht seit Jahren im roten Bereich.

Die Destatis Reihen zeigen seit mehreren Jahren eine Serie von Rueckgaengen. 2022 sank die Industrieproduktion, 2023 erneut, 2024 bewegte sich die Entwicklung bestenfalls seitwärts.8 Energieintensive Industrien, also Chemie, Stahl, Glas, Papier, verbuchten laut EU In Depth Review der Kommission einen Produktionseinbruch um rund 20 Prozent seit Kriegsbeginn.9 Das ist nicht der normale Ausschlag eines Konjunkturzyklus, das ist struktureller Substanzverlust.

Die Kombination aus hohen Energiepreisen, politisch erzwungener Dekarbonisierung ohne passende Infrastruktur und rigider Regulierung führt dazu, dass Deutschland als Produktionsstandort schlicht unattraktiv wird. Der Sachverständigenrat, verschiedenste Forschungsinstitute und auch die Bundesbank weisen seit Jahren darauf hin, dass sich Energiepreisniveau und Regulierungsdichte hierzulande deutlich von internationalen Wettbewerbern entfernen.10

Der Einbruch trifft Deutschland härter als andere Laender, weil es sich hier um eine Volkswirtschaft handelt, die in hohem Mass von Industriegütern und Investitionsguetern lebt. Wenn Energie teuer, Regulation uferlos und Infrastruktur brüchig werden, geht genau dieses Modell als erstes auf die Knie. Eine Analyse auf VoxEU zeigt, dass externe Schocks in der deutschen Industrie inzwischen erhebliche Spillover Effekte auf die gesamte Eurozone haben, schlicht, weil so viele Wertschöpfungsketten an diesem Kern hängen.11

Der Kern der deutschen Wirtschaft befindet sich seit Jahren in einer Art Dauerdämmerung. Das wäre schon schlimm genug, wenn die Politik alle Kraft darauf verwenden würde, diesen Kern zu stabilisieren. Stattdessen werden immer neue Belastungen aufgeschichtet, als experimentiere eine politische Klasse an einem lebenden System, das sie weder versteht noch respektiert.

Insolvenzen und kommunale Haushalte sind die beiden Frühwarnsysteme, die man anschauen muss, wenn man wissen will, ob ein Staatswesen noch halbwegs im Gleichgewicht ist oder bereits in die Ueberlastung fährt. Beide Systeme schlagen in Deutschland inzwischen deutlich aus.

Auf der Unternehmensseite ist die Datenlage klar. Creditreform dokumentiert für Deutschland einen Anstieg der Firmeninsolvenzen um 22.9 Prozent im Jahr 2023, nach bereits spürbaren Zuwächsen in 2021 und 2022.12 Eine Reuters Auswertung auf Basis von Untersuchungen des IWH zeigt, dass das vierte Quartal 2024 die hoechste Zahl von Firmenpleiten seit 2009 brachte, verbunden mit einem kräftigen Anstieg der betroffenen Arbeitsplätze.13 Das ist keine Randnotiz, das ist ein massiver Strukturbruch.

Besonders betroffen sind Bauwirtschaft, energieintensive Industrie und dienstleistungsnahe Bereiche. Der Einbruch im Wohnungsbau, steigende Zinsen und auslaufende Subventionen wirken wie eine Zange. Wer den Satz „der Markt bereinigt sich“ in diesem Kontext als positive Nachricht verkauft, hat offensichtlich kein Problem damit, wenn Substanz abgeräumt wird, die sich nicht so einfach wieder aufbauen lässt.

Parallel dazu implodiert die kommunale Ebene. 2023 wiesen die deutschen Kommunen laut Destatis bereits ein deutliches Defizit aus, 2024 stieg dieses Loch auf rund 24.8 Milliarden EUR, der höchste Fehlbetrag seit der Wiedervereinigung. Medien wie Deutschlandfunk und regionale Zusammenschlüsse der Städte sprechen offen von einer historischen Finanzkrise der Kommunen.14

Warum ist das relevant? Kommunen tragen etwa die Hälfte der öffentlichen Investitionen, sie betreiben Schulen, Strassen, lokale Infrastruktur, sie sind die Ebene, auf der staatliche Leistungsfaehigkeit für die Bevölkerung konkret sichtbar wird. Wenn diese Ebene in die Miesen fährt, gleichzeitig Aufgaben aufgebürdet bekommt und kaum Handlungsspielraum hat, dann beginnt ein Staatswesen von unten zu erodieren.

Die Choreographie sieht also wie folgt aus. Die Industrie verliert an Substanz, die Zahl der Pleiten steigt, die Kommunen rutschen jedes Jahr tiefer in die roten Zahlen, während Bundesebene und EU immer neue Projekte aufsetzen, die bezahlt werden wollen. In jedem anderen Kontext wuerde man so etwas als Frühwarnsystem eines systemischen Problems beschreiben. Im offiziellen Deutschland wird es zur Fussnote in Pressemitteilungen degradiert.

Politik gegen den Standort: Energie, Auto, Regulierung

Die strukturelle Krise wäre schon ohne politische Verschärfung problematisch genug. Entscheidend ist jedoch, dass die politische Rahmensetzung die bestehenden Verwerfungen nicht abmildert, sondern verschärft.

Ein Beispiel ist die Automobilindustrie. Mit der EU Verordnung 2023/851 wurde eine 100 Prozent Reduktion der CO2 Emissionen für neue Pkw und leichte Nutzfahrzeuge ab 2035 festgelegt.15 Im Klartext bedeutet das, dass in der EU ab 2035 keine neuen Fahrzeuge mit klassischem Verbrennungsmotor mehr zugelassen werden, von eng definierten Ausnahmen für synthetische Kraftstoffe abgesehen. Die Kommission verkauft das als Beitrag zur Klimaneutralität, die Industrie spricht schon jetzt von einer massiven Gefahr für Arbeitsplätze und Wertschöpfung. Der Vorstandsvorsitzende von BMW nennt die Regelung öffentlich unrealistisch und warnt vor einem Schrumpfen der europäischen Autoindustrie.16 Wobei anzumerken ist, dass fast die gesamte Managerkaste anscheinend die letzten 25 bis 30 Jahre unter irgendwelchen Steinen verbracht haben muss, wenn diese sich erst heuer etwas zaghafter Richtung Politik warnend äußern. Aber gut, Deutschland eben, das Land der Wirbellosen.

Es ist bemerkenswert, wie sorglos eine der zentralen Leitindustrien dieses Landes regulatorisch in die Zange genommen wird, während gleichzeitig Billigkonkurrenz aus China mit massiver staatlicher Unterstützung den Markt flutet. Dass die deutsche Politik diese Konstellation erkennbar in Kauf nimmt, gehört zu jenen Absurditäten, die man kaum noch in Worte fassen kann, ohne sarkastisch zu werden.

Noch absurder ist die Energiepolitik. Auf der einen Seite der beschleunigte Kohleausstieg, teil­weise schon 2030, auf der anderen Seite ein forciertes Ausscheiden aus der Kernenergie, ohne dass verlässliche Ersatzkapazitäten wirklich vorhanden wären. Die berühmten 20 bis 25 Gigawatt H2 ready Gaskraftwerke, die angeblich als Backup dienen sollen, existieren im Wesentlichen auf Papier. Eine Kraftwerksstrategie wurde zwar vorgestellt, die regulatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen sind aber so, dass sich kaum ein Investor ohne massive Subventionen freiwillig in dieses Abenteuer stürzt. Energieverbände und Betreiber warnen seit Monaten, dass die Finanzierung dieser neuen Kapazitäten ungeklärt ist und das Geschäftsmodell hochgradig unsicher wirkt.17

Das heisst: Man treibt konventionelle und bewährte Erzeugungstechnologien aus dem System, ohne die Ersatzinfrastruktur rechtzeitig und verlässlich zu bauen. Das Label dafür lautet „Transformation“. Ein nüchterner Beobachter würde eher von kontrollierter Destabilisierung sprechen.

Hinzu kommt die permanente Ausweitung des Regulierungsapparats. Unternehmen berichten in nahezu jeder Umfrage, dass Bürokratie, Meldepflichten und regulatorische Unsicherheit inzwischen zu den grössten Investitionshemmnissen gehören.18 Ob es um Berichtsanforderungen, ESG Richtlinien, Lieferkettengesetze oder nationale Alleingänge bei Standards geht, die Belastungen summieren sich zu einem Umfeld, in dem Planungssicherheit zu einem Nostalgiebegriff geworden ist.

Die Pointe ist, dass dieselbe Politik, die diese Rahmenbedingungen setzt, sich anschliessend wundert, warum Investitionen ausbleiben, Produktionskapazitäten abwandern und Innovation sich dorthin verlagert, wo sie nicht systematisch behindert wird. Dummenkult im Stadium nach Endstadium.

Schulden, implizite Lasten und Target2

Ein weiterer zentraler Baustein dieser Abwärtsspirale ist die fiskalische Seite. Die Bundesbank beziffert die allgemeine Staatsverschuldung Deutschlands für 2024 auf rund 2.69 Billionen EUR, was etwa 62.5 Prozent des BIP entspricht.19 Auf dem Papier wirkt das im Vergleich zu anderen Euroländern moderat. Das Problem liegt nicht in der einzelnen Zahl, sondern in der Dynamik der kommenden Jahre.

Die Bundesbank selbst erwartet, dass die Schuldenquote bis 2027 auf etwa 66 Prozent steigt, bedingt durch zusätzliche Rüstungsprogramme, Investitionsfonds und konjunkturschwaches Umfeld.20 Ratingagenturen wie Scope gehen in aktuellen Analysen davon aus, dass die Schuldenquote bis 2030 auf ungefähr 74 Prozent ansteigen wird.21 Der Stabilitätsrat warnt inzwischen offen, dass Deutschland seine eigenen fiskalischen Grenzen deutlich überschreiten wird und bereits ab Mitte des Jahrzehnts Schuldenquoten von 80 Prozent und mehr im Raum stehen.22

Das ist nur die explizite Verschuldung. Hinzu kommt die implizite. Renommierte Oekonomen wie Raffelhueschen beziffern seit Jahren die ungedeckten Versprechen in Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung auf zweistellige Billionenbetraege. Je nach Stichtag und Parametrisierung bewegen sich diese Schaetzungen im Bereich von 13 bis deutlich über 17 Billionen EUR.23 In nüchternen Worten: Das System hat Leistungsversprechen aufgebaut, deren Finanzierung nur unter extrem optimistischen Annahmen über Wachstum, Demografie und Produktivität darstellbar ist. Annahmen, die mit der realen Entwicklung nichts zu tun haben.

Ein weiterer Risikoblock sind die Target2 Salden. Deutschland hält laut CEIC und Ratingberichten der Agenturen nach wie vor Forderungen gegenüber dem Eurosystem von etwas über 1 Billion EUR.24 Die Europäische Zentralbank erklärt in ihren eigenen Papieren, dass es sich formell um bilanzielle Positionen handelt, die das Funktionieren des Zahlungsverkehrssystems spiegeln.25 In der Praxis bedeutet das, dass Deutschland einen beträchtlichen Teil der Eurozone über das Zentralbanksystem finanziert.

Ob diese Forderungen im Fall eines Zerbrechens oder radikalen Umbaus der Währungsunion realisierbar wären, ist eine offene Frage, deren Beantwortung man aus offensichtlichen Gründen lieber ins Ungefähre schiebt. Wer aber behauptet, hier gebe es keinerlei Risiko, ist entweder naiv oder interessengeleitet.

Zusammengenommen ergibt sich das Bild eines Staates, der an allen Flanken mehr Verpflichtungen aufbaut, als er realistischerweise dauerhaft tragen kann. Die öffentliche Debatte behandelt das als administratives Detailproblem. In der Realität sprechen wir über eine zeitverzögerte Staatsrisikobombe.

Austauschmigration, Bildung und der Staat als Arbeitgeber letzter Instanz

Zu dieser ökonomischen und fiskalischen Schieflage kommt eine demografische und bildungspolitische Komponente, die man nur zynisch nennen kann, wenn man noch bei Verstand ist.

Die Nettozuwanderung nach Deutschland lag in den Jahren 2022 und 2023 zusammengenommen klar im siebenstelligen Bereich. Ukrainische Kriegsfluechtlinge, Asylbewerber, andere Aufenthaltsformen, das volle Programm. Gleichzeitig sinkt der Anteil der Schüler mit deutscher Staatsangehörigkeit in Grossstaedten und Ballungszentren deutlich. In Bayern etwa wurden in einer parlamentarischen Anfrage Zahlen genannt, wonach es bereits hunderte Schulklassen gibt, in denen kein einziges Kind mit deutscher Staatsangehörigkeit sitzt, dazu weit über eintausend Klassen, die ausschliesslich von Kindern mit Zuwanderungshintergrund besucht werden.

Wer diese Entwicklung anspricht, bekommt reflexartig Phrasen über Vielfalt, Chancen und kulturellen Reichtum serviert. Die empirische Bildungsforschung sagt etwas anderes. Sie zeigt seit Jahren, dass die Leistungsniveaus dort, wo sich Bildungsferne, Sprachdefizite und soziale Probleme konzentrieren, massiv einbrechen. Die PISA Ergebnisse sind inzwischen so schlecht, dass selbst wohlmeinende Kommentatoren von einem dramatischen Leistungsabsturz sprechen.

Statt diese Entwicklung adressierbar zu machen, reagiert die Politik mit doppelter Rhetorik und mehr Administration. Der Staat verdient sich selbst zum Wachstumstreiber seiner Statistik. Die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst steigt kontinuierlich, während die Industrie Beschäftigung verliert.26 Damit erzeugt die Politik genau jene Struktur, die man aus spätphasen Sozialsystemen kennt. Die produktive Basis schrumpft, die administrativ umverteilende Basis wächst.

Das ist kein Zufall, das ist Systemlogik. Ein Staat, der sich immer mehr Aufgaben zuschreibt, braucht immer mehr Apparate. Diese Apparate brauchen Legitimation. Die Legitimation besteht darin, Probleme zu verwalten, die sie selbst mit erzeugt haben. Die Migration ist dafür ein perfektes Feld. Man erzeugt eine Mischung aus humanitärer Pflicht und sozialer Schieflage, schafft Heerscharen von Integrationsbeauftragten, Sozialverwaltungen, Bildungsoffensiven, Beratungsprojekten, alles hochmoralisch gerahmt. Und jede kritische Nachfrage nach Kosten, Effizienz oder Nebenwirkungen wird mit moralischer Empörung erschlagen.

So entsteht eine Gesellschaft, in der reale Wertschöpfung delegitimiert, staatliche Verwaltung überhöht und jede nüchterne Kosten-Nutzen-Frage zum Tabubruch erklärt wird.

Szenarien bis 2030

Die naheliegende Frage lautet: Wann kippt so ein System? Wann reicht es nicht mehr, hier ein Sondervermögen zu erfinden, dort eine Schuldenbremse kreativ zu interpretieren und anderswo eine Steuer zu erfinden, die offiziell niemanden belastet und in Wirklichkeit alle trifft?

Staaten brechen selten an einem einzigen Datum spektakulär zusammen. Es gibt Ausnahmen, aber meistens handelt es sich um Prozesse, die über Jahre laufen und in eine harte Zäsur münden, wenn genug Parameter gleichzeitig in die falsche Richtung laufen.

Ich sehe im Wesentlichen zwei Szenarien.

Das erste ist der verwaltete Niedergang. Die Industrie verliert weiter an Substanz, die Energiepreise bleiben strukturell hoch, die Infrastruktur veraltet, die Leistungsfähigkeit der Schulen sinkt, die Verwaltung wächst, die Schuldenquote klettert. Europaweit werden Regeln so interpretiert, dass sie formell eingehalten und materiell unterlaufen werden. Die Lebensverhältnisse verschlechtern sich, aber es funktioniert gerade noch so, dass der Alltag nicht offen kollabiert. Inflation, Steuererhöhungen und Leistungskürzungen werden so dosiert, dass Widerstand fragmentiert bleibt.

Das zweite ist die harte Zäsur. Ein exogener Schock, etwa eine erneute Finanzkrise, eine eskalierende Energiekrise oder eine geostrategische Eskalation, trifft ein ohnehin geschwächtes System. Dann kann aus einem verwalteten Niedergang relativ schnell eine fiskalische oder institutionelle Kernschmelze werden.

Wenn ich die aktuelle Lage bewerte, liegt die Wahrscheinlichkeitsverteilung meiner Meinung nach wie folgt. Ein Totalkollaps des Staatswesens im Sinne eines vollständigen Systemversagens halte ich 2026 für sehr unwahrscheinlich, eher im Bereich 1 bis 3 Prozent. 2027 vielleicht 2 bis 5 Prozent. Ab 2028 beginnt die Kombination aus kumulierten wirtschaftlichen Schaeden, steigender Schuldenquote und politischer Delegitimierung die Situation anspruchsvoller zu machen, dort sehe ich 5 bis 10 Prozent. Bis 2029 liegt der Korridor eher bei 10 bis 15 Prozent, 2030 im Bereich 15 bis 25 Prozent, wenn alles so weiterläuft wie bisher.

Das ist kein lineares Modell, das ist eine pragmatische Einordnung. Erstens: Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Deutschland sich noch mehrere Jahre im Modus eines verwalteten, zäh verfaulenden Systems bewegt, das nicht spektakulär implodiert, sondern schleichend verarmt. Zweitens: Die Wahrscheinlichkeit einer harten Zäsur wächst mit jeder nicht genutzten Reformchance und mit jeder weiteren Belastung, die ohne Gegenfinanzierung ins System geschoben wird.

Wer diesen Pfad als alternativlos verkauft, betreibt entweder bewusste Täuschung oder hat sich intellektuell aus der Verantwortung verabschiedet.

Schlüsse

Ich ziehe aus dieser Diagnose keine apokalyptische, sondern eine strategische Konsequenz. Wer in einem System lebt, in dem Politik, Verwaltung und grosse Teile der Medienlandschaft konsistent gegen die produktive Basis agieren, kann sich nicht darauf verlassen, dass Vernunft irgendwann von allein wieder einkehrt.

Für mich heisst das zwei Dinge. Erstens, ich richte mich innerlich nicht mehr auf die Wiederkehr einer rational gesteuerten Standortpolitik ein. Ich gehe vielmehr davon aus, dass der Kurs, alles gegen Deutschland zu richten, in den relevanten Teilen des Establishments als Normalität verankert ist. Das erlaubt eine nüchterne Planung. Ich rechne nicht mit Hilfe, sondern mit weiteren Belastungen.

Zweitens, ich lasse mir die Freiheit nicht nehmen, diese Entwicklung klar zu benennen. Es geht nicht darum, in einer Endzeitpose zu verharren oder sich in moralischer Empörung zu suhlen. Es geht darum, die Fakten zu sehen. Eine Industrie, die erodiert. Kommunen, die im Defizit versinken. Schulden, die wachsen, obwohl die Zinsen gestiegen sind. Bildungssysteme, die Verfall verwalten. Eine Migrationspolitik, die nicht zwischen Schutzbeduerftigkeit und dauerhafter Transferabhängigkeit unterscheiden will. Und eine politische Klasse, die all das mit wohlklingenden Narrativen dekoriert.

Die einzige sinnvolle Antwort darauf ist, sich nicht in Lethargie treiben zu lassen. Auf fachlicher Ebene heisst das, Systeme zu bauen, die robust genug sind, um auch in einem dysfunktionalen Umfeld zu funktionieren. Auf persönlicher Ebene heisst das, die eigene Stimme so klar wie möglich einzusetzen, auch wenn das unbequem ist.

Alles gegen Deutschland ist der Kurs, den die herrschende Politik faktisch verfolgt. Alles fuer die Wahrheit ist das Minimum, das ich dem entgegensetze.


  1. https://www.destatis.de/EN/Press/2025/10/PE25_364_421.html ↩︎
  2. https://cepr.org/voxeu/columns/recent-weakness-german-manufacturing-sector ↩︎
  3. https://www.creditreform.de/fileadmin/user_upload/central_files/News/News_Wirtschaftsforschung/2024/Insolvenzen_in_Europa/2024-05-14_AY_OE_Analyse_EU-2023_englisch_international.pdf ↩︎
  4. https://www.reuters.com/markets/europe/germany-records-highest-company-insolvencies-since-financial-crisis-2025-01-09 ↩︎
  5. https://www.offenbach.de/buerger_innen/rathaus-politik/haushalt-und-finanzen/meldungen/aktionsbuendnis-rekorddefizit-kommunen08.04.2025.php?loc=en ↩︎
  6. https://www.meinbavaria.de/billions-in-deficit-german-municipalities-sink ↩︎
  7. https://www.bundesbank.de/en/press/press-releases/deutsche-staatsschulden-954840 ↩︎
  8. https://www.destatis.de/EN/Press/2025/10/PE25_364_421.html ↩︎
  9. https://economy-finance.ec.europa.eu/document/download/752252ba-32c9-4537-858b-347ee47a2928_en?filename=ip280_en_UPD.pdf ↩︎
  10. https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/gutachten/jg202223/JG202223_Chapter_5.pdf ↩︎
  11. Siehe Fn. 2 ↩︎
  12. https://www.creditreform.de/fileadmin/user_upload/central_files/News/News_Wirtschaftsforschung/2024/Insolvenzen_in_Europa/2024-05-14_AY_OE_Analyse_EU-2023_englisch_international.pdf ↩︎
  13. Siehe Fn. 4 ↩︎
  14. https://www.meinbavaria.de/billions-in-deficit-german-municipalities-sink ↩︎
  15. https://climate.ec.europa.eu/eu-action/transport-decarbonisation/road-transport/cars-and-vans_en ↩︎
  16. https://www.theguardian.com/business/2024/oct/15/bmw-chief-eu-combustion-engine-ban-car-industry ↩︎
  17. https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/EN/Standardartikel/Press_Room/Publications/Monthly_Report/Key_Figures/2025/2025-02-federal-budget.html ↩︎
  18. https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/gutachten/jg202223/JG202223_Chapter_5.pdf ↩︎
  19. https://www.bundesbank.de/en/press/press-releases/deutsche-staatsschulden-954840 ↩︎
  20. https://www.bundesbank.de/en/press/press-releases/the-bundesbank-s-forecast-for-germany-economic-recovery-slowly-getting-started-959308 ↩︎
  21. https://www.reuters.com/markets/europe/german-debt-level-will-rise-74-gdp-by-2030-scope-says-2025-07-11 ↩︎
  22. https://www.reuters.com/business/germanys-debt-rise-above-80-by-2029-stability-council-says-2025-10-07 ↩︎
  23. Siehe Fn. 21 ↩︎
  24. https://www.ceicdata.com/en/germany/target-balance/de-target-2-balance-outstanding ↩︎
  25. https://www.ecb.europa.eu/ecb-and-you/explainers/tell-me/html/target-balances.en.html ↩︎
  26. https://www.ft.com/content/7131c15d-66fe-497a-9a22-ce4502289c30 ↩︎

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