Vom Selbsthass der Deutschen

Manchmal genügt ein einziges Bild, um die ganze Absurdität einer Epoche sichtbar zu machen. Roger Schelske lässt in seinem Achgut-Essay ein Land als Passagierraum erscheinen, das im Sinkflug sitzt, während das Cockpit verriegelt bleibt: Man spürt den Boden näherkommen, man kann nicht eingreifen, also erzählt man sich Betäubungsnarrative, bis der Aufschlag zur Stilfrage wird.1 Dieses Bild ist rhetorisch wirksam, weil es nicht bloss Politik beschreibt, sondern Psychodynamik: Ohnmacht, kognitive Dissonanz, Selbstberuhigung, Überanpassung, Schuldinternalisierung. Es ist auch deshalb wirksam, weil es die moralische Pose der Gegenwart als Stressreaktion lesbar macht, nicht als Erkenntnisleistung.

Ich bin über diesen Text gestolpert, weil er an mehreren Stellen überraschend nah an meine eigenen Analogien heranreicht: Narrativfilter2, Kohärenzfilter3, Steganographie4, Nullpunktsenergie als Attraktorbild,5 dazu mein physikalisches Motiv der Nicht-Übereinstimmbarkeit zweier Innenwelten,6 jene Pauli-Einstein-harte Erinnerung daran, dass es keine absolute, gemeinsame Innenperspektive gibt, sondern nur Relationen7, Projektionen, Modelle.8 Und doch bleibt der Text in einem entscheidenden Punkt schief montiert: Er stapelt konkurrierende Erklärungen, ohne sie zu integrieren. Zuerst: kein tieferer Sinn, reine Sinnlosigkeit. Dann: Absicht. Danach: nicht böse, sondern krank. Sinnlosigkeit, Intentionalität, Pathologie. Drei verschiedene Kausalarchitekturen. Im selben Absatzraum. Ohne saubere Trennung.

Von der Behauptung. Von der Andeutung.

Schelske baut seine Diagnose in zwei Schritten. Erstens beschreibt er den psychologischen Mechanismus der Selbstbeschwichtigung: Wer sich gegen Tatsachen sträubt, der greift lieber zu Beschönigung oder Selbstanklage. Zweitens kippt er in eine moralische Zuschreibung: Es sei Absicht, es sei Verachtung, es sei Hass auf das Land. Der Übergang ist nicht nur hart, er ist logisch teuer: Von beobachtbarer Dysfunktion zu zugeschriebener Zielstruktur.

Später folgt der Versuch einer Metabiologie des Irrsinns. Schelske übernimmt von Gad Saad den Begriff „suizidale Empathie“ und setzt darauf das „Hirnparasit“-Analogon: Ein Parasit setze Überlebensinstinkte ausser Kraft, Empathie werde fehlgeleitet, sie richte sich gegen die eigene Gemeinschaft, das Ganze gleiche einer psychologischen Autoimmunerkrankung. Der Text gewinnt damit ein drastisches Vokabular, verliert aber an definitorischer Präzision. Ein Parasit ist in der Biologie ein Akteur mit Replikationslogik, Wirtsabhängigkeit, Fitnessvorteil, Übertragungsweg. Im Essay bleibt davon wenig übrig. Ursache, Wirkpfad, Erscheinungsform verschwimmen im Nebel der Metapher.

Das muss nicht heissen, dass die Metapher wertlos wäre. Es heisst nur: Als Diagnose taugt sie erst, wenn man sie operationalisiert. Sonst bleibt sie moralischer Reizstoff.

Mein eigener Zugang ist weniger dämonologisch und stärker systemisch. Ich brauche keinen Parasiten als quasi-personalen Täter, um Selbstschädigung zu erklären. Mir genügt eine Filterarchitektur, die über lange Zeit umprogrammiert wird.

Steganographie ist dabei mein bevorzugtes Bild, weil es das Entscheidende trifft: Botschaften werden nicht primär als explizite Behauptungen übertragen, sondern als Meta-Signale, als implizite Kodierungen, die sich in Gedächtnis, Salienzgewichtungen und moralische Reflexe einnisten. Man lernt nicht These A, man lernt, welche Affekte bei welchen Reizwörtern sozial belohnt werden, welche Frames Zugehörigkeit garantieren, welche Begriffe als Gefahr markiert sind. Das ist keine Verschwörung, das ist Kulturtechnik, verstärkt durch Institutionen, Incentives und die ökonomische Logik der Aufmerksamkeit.

Kohärenzfilter sind dann die interne Konsistenzpolizei: Ein Gehirn, ein Milieu, eine Redaktion, eine Behörde, ein Gericht, jede dieser Einheiten reduziert Dissonanz. Nicht unbedingt durch Wahrheitssuche, sondern durch Kohärenzpflege. Das System bevorzugt Zustände, die energetisch billig sind. Hier passt mein Nullpunktsenergie-Attraktorbild: Gesellschaften können in Minimalzustände kippen, die wenig kognitive Kosten verursachen, weil sie Ambivalenz eliminieren. Moral ersetzt Analyse, Pose ersetzt Verantwortung, Empörung ersetzt Kompetenz. Der Zustand stabilisiert sich selbst, weil Abweichung teuer wird. Status, Karriere, soziale Wärme, institutionelle Anschlussfähigkeit, alles hängt am richtigen Filterprofil.

Das erklärt auch, weshalb Absicht als Erklärung so verführerisch ist und vielleicht so oft falsch. Auf Systemebene wirkt das Ergebnis intentional, weil es gerichtete Effekte produziert. Auf Akteursebene ist es häufig emergent: Menschen folgen lokalen Belohnungsfunktionen. Sie optimieren Zugehörigkeit. Sie vermeiden Sanktionen. Sie wiederholen Frames, die das Milieu als anständig markiert. Aus diesen Mikro-Optimierungen entsteht Makro-Selbstschädigung, ohne dass jemand morgens aufsteht und sich vornimmt, das Gemeinwesen zu ruinieren.

Der Essay berührt diesen Mechanismus selbst, wenn er die Umleitung von Empathie über Symbole, Bilder, Sprache beschreibt und die Skalierbarkeit von Kooperation als Produkt geteilter Vorstellungen darstellt. Genau dort liegt die kongruente Zone: Vorstellungen steuern Empathie, Empathie steuert Kooperationsbereitschaft, Kooperationsbereitschaft steuert Institutionen. Der Unterschied liegt im Schluss: Schelske personifiziert die Fehlsteuerung als „Parasit“, ich beschreibe sie als Filterdrift in einem komplexen System.

Vom Selbsthass als stabiler sozialer Attraktor

Dass in Deutschland eine auffällige Neigung existiert, das Eigene als Negativfolie zu behandeln, ist als Muster der Aussenwahrnehmung plausibel. Ob man dieses Muster „Selbsthass“ nennt, ist bereits Interpretation, weil das Wort eine Innenmotivation behauptet. Ich verwende es dennoch, aber vorsichtig: als Kurzform für beobachtbare Regelmässigkeiten, nicht als Gedankenleserei.

Mein Deutungsrahmen: Selbsthass ist in vielen Fällen ein Zugehörigkeitssignal. Aggression gegen das Eigene kann performativ sein. Man demonstriert moralische Reinheit, indem man die eigene Herkunft, Geschichte, Kultur als Schuldobjekt inszeniert. Man immunisiert sich gegen Verdacht, indem man das Eigene präventiv verurteilt. Das ist Identitätsökonomie: Das Selbstnarrativ braucht einen Feind, sonst kollabiert es. Man kann diese Logik moralisch verachten, aber man sollte sie analytisch ernst nehmen.

Hier kollidiert Schelske mit sich selbst. „Kein tieferer Sinn“ und „Absicht“ lassen sich nur retten, wenn man zwischen Ebenen trennt. Auf der Ebene individueller Motive kann es keinen tieferen Sinn geben, weil viele Beteiligte schlicht Filterkonformität betreiben. Auf der Ebene institutioneller Selektionsmechanismen entsteht dennoch eine Art Zielgerichtetheit: Systeme selektieren Personal, Sprache, Programme, die in den Attraktor passen. Der Attraktor hat keine Seele, aber er hat Stabilitätskräfte.

Die nachgeschobene Pathologisierung, „nicht böse, sondern krank“, ist wieder ein Ebenenwechsel. Als Metapher kann „Autoimmunität“ helfen, weil sie Selbstschädigung ohne Fremdtäter erklärt. Als klinische Behauptung wäre sie unseriös. Ich würde hier streng bleiben: keine Psychiatrie als Ersatztheologie. Man kann Mechaniken beschreiben, ohne Diagnosen zu verteilen.

Von der Unzufriedenheit. Vom Hassvokabular.

Ich kann Hass als Begriff intellektuell handhaben, aber er bleibt mir phänomenologisch fremd. Verachtung kenne ich, glasklar. Heuchelei, Doppelmoral, selbstgefällige Inkompetenz mit Machtanspruch, diese Mischung ist verachtungswürdig, weil sie Realität zerstört und sich dabei moralisch frisiert. Hass hingegen ist ein anderes Tier: totalisierend, enthemmend, selbstvergiftend. Ich sehe ihn in Gesichtern, in Stimmlagen, in der Unfähigkeit zur Affektregulation, im reflexhaften Ad-personam-Angriff, in der Lust an der Eskalation. Er wirkt wie eine billige Energiequelle für Leute, die an Komplexität scheitern. Er saugt die Lebensenergie des Gegenübers förmlich auf, wie die grauen Herren der Zeitsparkasse.

Hier wird meine spekulative Hypothese relevant, aber ich markiere sie als Spekulation: Für sehr starke, differenzierte Emotionen braucht es hinreichend komplexe innere Kausalstrukturen, nicht im mystischen Sinn, sondern als Fähigkeitspaket aus emotionaler Granularität, Affektregulation, Mentalisieren und sprachlicher Präzision. Fehlt dieses Paket, bleibt ein roher innerer Zustand. Diffus. Unangenehm. Stressor. Und dann kommt die Ersatzhandlung: Hass als grobe, sozial verständliche, sofort verfügbare Kategorie.

Das ist keine reine Intuition, sondern hat Anschluss an Forschungslinien, ohne dass man sie überdehnen darf. Alexithymie beschreibt Schwierigkeiten, Gefühle zu identifizieren und zu verbalisieren, klassisch erfasst etwa mit der TAS-20.9 Die Forschung zu Emotionsdifferenzierung, oft auch als emotionale Granularität bezeichnet, legt nahe, dass feinere Kategorisierung mit besserer Emotionsregulation zusammenhängen kann.10 In konstruktivistischen Emotionsmodellen ist Sprache nicht bloss Etikett, sondern Teil der Konstruktion: Konzepte strukturieren, was man überhaupt als „Gefühl X“ erlebt.11 Wer nur wenige Konzepte hat, lebt in groben Clustern. Grobe Cluster begünstigen grobe Reaktionen.

Damit gewinnt auch mein Smombie- und 2D-Welt-Motiv12 Schärfe, ohne Kulturpessimismus als Beweis zu missbrauchen. Wenn Kommunikation in kurze Triggersequenzen zerfällt, wenn Aufmerksamkeit permanent fragmentiert wird, wenn Ausdrucksfähigkeit verkümmert, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen innere Zustände nicht mehr symbolisch sauber übersetzen können. Das erhöht Stress. Und Stress begünstigt Affektenthemmung. Nicht als moralische Entschuldigung, sondern als Mechanik.

Von passenden Elementen

Kongruent ist die Grundidee, dass geteilte Vorstellungen und Symbole Empathie umlenken und Gemeinschaftlichkeit skalieren oder zerstören können. Kongruent ist auch die Beobachtung, dass Institutionen nicht neutral bleiben, sondern als Träger von Frames wirken, oft mit hoher Reproduktionsmacht. Der Essay beschreibt das mit dem Vokabular der Unterwanderung; ich beschreibe es als Filterdrift und Selektionslogik. Das Resultat ist ähnlich, die Erklärung ist anders.

Nicht kongruent ist die Personalisierung des Problems als „Parasit“, der als quasi-agentischer Täter über dem System schwebt. Das lädt zur moralischen Entlastung ein: Man muss dann nicht mehr über Incentives, Karrierepfade, soziale Sanktionen, Medienökonomie, Verwaltungslogik sprechen. Man hat den Schädling. Man braucht nur noch Gift. Auch die Intentionalitätszuschreibung, „sie tun es absichtlich“, ist mir (nochmals „vielleicht“) zu billig, wenn sie nicht sauber zwischen Ebenen trennt. Sie produziert zwar Wutenergie, aber sie erklärt wenig.

Und dann ist da meine Pauli-Einstein-Klammer: Nicht-Übereinstimmbarkeit zweier Innenwelten. Ich halte sie für zentral, weil sie die politische Psychologie entromantisiert. Viele Konflikte sind nicht bloss Meinungsverschiedenheiten über Fakten, sondern Divergenzen in Filterarchitektur, Salienz, semantischen Landkarten, moralischen Prioritäten, kurz: in der inneren Physik des Wahrnehmens. Man kann das mit Argumenten beeinflussen, aber nicht beliebig. Wer das ignoriert, verwechselt mMn Debatte mit Magie.

Der Selbsthass, den Schelske beschreibt, ist als Phänomen ernst zu nehmen, gerade weil er so oft als Tugend maskiert wird. Aber ich weigere mich, ihn als simple Absichtsgeschichte zu erzählen. Das Problem ist komplexer und darum politisch gefährlicher: Ein stabiler Attraktor kann ein Land ruinieren, ohne dass die Ruinierenden je das Gefühl haben, etwas anderes zu tun als anständig zu sein.

Die eigentliche Härte liegt nicht im Wort „Hass“, sondern im Preis der Kohärenzpflege. Solange Zugehörigkeit wichtiger bleibt als Realitätstüchtigkeit, solange Sprache Trigger ersetzt statt zu differenzieren, solange Institutionen Dissonanz bestrafen statt Irrtum zu korrigieren, bleibt der Attraktor stabil. Das ist keine Tragödie, das ist Mechanik. Und Mechanik ändert man nicht mit Metaphern, sondern mit veränderten Kosten, veränderten Anreizen, veränderten Filterarchitekturen.


  1. Roger Schelske, „Sie hassen dieses Land“, DIE ACHSE DES GUTEN (Achgut.com), abgerufen am 05.01.2026, https://www.achgut.com/artikel/sie_hassen_dieses_land. ↩︎
  2. https://coresecret.eu/2025/12/07/steganographie-und-narrativfilter/ ↩︎
  3. https://coresecret.eu/2025/12/04/von-kohaerenzfiltern-vom-sein/ ↩︎
  4. Siehe Fn. 2. ↩︎
  5. „Ich verwende hier bewusst den Begriff Nullpunktsenergie als Metapher. In der Quantenphysik markiert sie den energetisch niedrigsten Zustand eines Systems, der auch bei Temperatur null nicht unterschritten werden kann. Übertragen auf Gesellschaften sehe ich den totalitären Zustand als psychisch niedrigsten Energiezustand für eine ausreichend grosse Mehrheit. Sobald die Menschen ihre Eigenverantwortung, ihren Zweifel und ihre Bereitschaft zur Konfrontation aufgeben, rutschen sie in diese Mulde. Die Nullpunktsenergie des Kollektivs liegt dort, wo keine anstrengenden Alternativen mehr ernsthaft gedacht werden.“ ↩︎
  6. „Paulis Ausschlussprinzip bietet mir ein brauchbares Bild für Bewusstsein. Keine zwei Elektronen können denselben Quantenzustand einnehmen, und keine zwei Bewusstseine können dieselbe Welt aus derselben Perspektive erleben. Ich werde nie wissen, wie es sich an fühlt, in der Haut eines Politikers zu stecken, der auf Knopfdruck Massen beeinflussen kann, ich werde nie wissen, wie sich die innere Welt eines Journalisten an fühlt, der seit Jahrzehnten ins gleiche Milieu eingebettet ist. Ich kann Modelle bauen, aber ich kann nicht <dort> sein.“ ↩︎
  7. „Einsteins Relativitätsprinzip erinnert daran, dass ohne Bezugssystem keine Aussage über Bewegung oder Ruhe sinnvoll ist. Ich übertrage das auf die Erkenntnistheorie: Meine gesamte Beobachtung ist relativ zu meinen Erfahrungen, meinen Quellen, meiner Position im Machtgeflecht. Ich stehe nicht ausserhalb des Systems, ich bin Teil davon, auch wenn ich mich intellektuell dagegenstemmen mag.
    Ich arbeite deshalb bewusst mit Relationen statt Absolutheiten. Ich vergleiche Diskurse zwischen Ländern, ich schaue mir abweichende Quellen an, ich nehme mir Medien aus unterschiedlichen politischen Spektren vor, ich lese Kritiker und Befürworter, ich beobachte, wie dieselben Ereignisse in verschiedenen Informationsräumen erscheinen. Daraus entsteht kein privilegierter „Gottesblick“, aber ein Gefühl für Vektoren. Wo bewegt sich etwas hin, wer verheimlicht was, wer delegitimiert wen.“ ↩︎
  8. https://coresecret.eu/2025/12/09/von-pauli-desmet-filtern-rausch-attraktoren-nullpunktsenergie-vom-totalitarismus/ ↩︎
  9. R. M. Bagby, J. D. A. Parker, G. J. Taylor, „The twenty-item Toronto Alexithymia Scale (TAS-20)“, Journal of Psychosomatic Research 38(1), 1994, S. 23–32, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8126686/ ↩︎
  10. Todd B. Kashdan, Lisa Feldman Barrett u. a., „Unpacking Emotion Differentiation“, Current Directions in Psychological Science 24(1), 2015, S. 10–16, https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0963721414550708 ↩︎
  11. Lisa Feldman Barrett, „The theory of constructed emotion: an active inference account of interoception and categorization“, Social Cognitive and Affective Neuroscience 12(1), 2017, S. 1–23, https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27798257/ ↩︎
  12. https://coresecret.eu/2026/01/03/von-der-2d-welt/ ↩︎

Categories: Deutschland, Gesellschaft