Von der Kristallkugel (2026)

Kristallkugeln sind im Jahr 2026 kein esoterisches Hobby mehr, sondern eine Verwaltungsdisziplin: Man nennt sie Finanzplanung, Klimainstrument, Transformationspfad, Sicherheitsarchitektur. Das Resultat wirkt seriös, ist tabellarisch sauber, kommt mit Abkürzungen, und hat eine Eigenschaft, die jede Prophezeiung schlagartig entzaubert: Es ist bereits beschlossen, bereits budgetiert, bereits in Verordnungen gegossen. Die Zukunft als Aktenlage.

Ich schreibe das nicht, weil ich mich zum Jahresanfang in apokalyptischer Aesthetik auslassen mag. Ich schreibe es, weil das Jahr 2026 in Deutschland weniger nach einem grossen Knall riecht, und mehr nach der leisen, banalen Normalisierung von Knappheit, Friktion und Verzicht. Kein dramatisches Ende, eher das langsame Umschalten von geht schon auf geht halt nicht. Und genau diese Banalisierung ist politisch und psychologisch giftig.

Wer wissen will, wie 2026 aussieht, muss nicht Sternenstaub befragen, sondern die Eckwerte lesen. In der mittelfristigen Finanzplanung steht für die Jahre 2025 bis 2029 eine Nettokreditaufnahme, die sich in der Summe in die Gegend von rund 503 Mrd. Euro addiert. Das ist Kernhaushalt, nicht die ganze Geschichte.1

Parallel wird ein kreditfinanziertes Sondervermögen „Infrastruktur und Klimaneutralität“ mit einer Kreditermächtigung bis zu 500 Mrd. Euro beschrieben. Das Wort „Ermächtigung“ ist dabei der entscheidende Teil: Es ist der juristische Hebel, nicht die bereits geflossene Ausgabe. Wer so etwas in die Welt setzt, entscheidet nicht nur über Investitionen, sondern über einen dauerhaften Zinskanal, der künftig alles andere unmittelbar beeinflusst.

Der Punkt ist simpel und unangenehm: Ein System, das sich fiskalisch in diese Grössenordnungen hineinversetzt, erzeugt zwangsläufig Verteilungskonflikte, und zwar nicht als theoretische Debatte, sondern als monatliche Erfahrung. Selbst dann, wenn ein Teil davon sinnvoll investiert wäre, bleibt die Frage: Wer zahlt wann, und wer bekommt was, und wer wird dabei politisch kaltgestellt.

Meine Baseline ist keine „Deutschland geht morgen unter„-Nummer. Sie ist profaner. 2026 wird teurer, kleinteiliger, regulatorischer. Die Inflation als Ereignis hat ihren Schockcharakter verloren, das Preisniveau bleibt, die staatlichen Anspruchslisten wachsen, die Dienstleistungsqualität sinkt schrittweise, weil Personal, Prozesse und Budgets ausdünnen, während der Erwartungsdruck nicht sinkt, sondern steigt.

Die politischen Antworten folgen diesem Muster: mehr Vorschriften, mehr Umverteilung, mehr moralische Rahmung, weniger reale Produktivitätsstrategie. Es ist eine Art Verwaltungsstoizismus: Man tut so, als lasse sich ein strukturelles Problem durch noch mehr Formulare zähmen.

Sogar dort, wo es konkrete Entlastungen geben müsste, steht der nächste Kostentreiber schon im Vorraum. ETS 2 ist in den EU Regeln als separater Emissionshandel für Gebäude und Strassenverkehr angelegt und soll ab 2027 starten.2 Der Name klingt nach Technik, die Wirkung ist ein Preisautomat.

Das ist keine Wertung, sondern Mechanik: Ein handelbares Zertifikatssystem wirkt übers Preissignal. Wer wenig Spielraum hat, spürt es zuerst. Wer viel Spielraum hat, nennt es Lenkungswirkung. Ich kenne beide Vokabulare. Das eine ist politisch angenehm, das andere ist sozial real.

Das zweite Szenario ist keine separate Welt, sondern eine Kopplung. Fiskalischer Druck und sozialer Stress laufen nicht nebeneinander her, sie verstärken sich gegenseitig.

Auf der einen Seite steigen Ausgabenrisiken, weil Demografie, Gesundheit, Rente und Migration echte Mengenprobleme erzeugen. Auf der anderen Seite bleibt Wachstum schwach, und Investitionen werden zugleich politisch beschworen und praktisch erschwert. In der Generationenbilanzierung, wie sie Raffelhüschen und Koautoren im Update 2024 für die Stiftung Marktwirtschaft darstellen, wird eine Nachhaltigkeitslücke aus expliziten und impliziten Schulden von 15,4 Bio. Euro genannt, das entspricht 347,6 Prozent des BIP.3

Ich nehme diese Zahl nicht als Evangelium. Solche Modelle hängen an Annahmen: Diskontsätze, Projektionen, Rechtsstand, Wirtschaftspfad. Ich nehme sie als Warnschild, weil sie die Grössenordnung illustriert: Der Staat lebt auf einem Versprechensturm, und die sichtbare Verschuldung ist nur ein Teil des Fundaments.

Damit sind wir bei der paradoxen Gleichzeitigkeit, die politisch am schwersten zu ertragen ist: steigende Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel können gleichzeitig existieren. Nicht als Widerspruch, sondern als Struktur. Wenn Qualifikationsprofile nicht passen, wenn Bildung schwächelt, wenn Betriebe abbauen und trotzdem Spezialisten fehlen, entstehen zwei Krisen, die sich gegenseitig aufschaukeln: Transferdruck steigt, Produktivität stagniert im besten Fall, die politische Debatte kippt in moralische Erklärungen, weil technische Antworten schwierig sind.

Entscheidend ist, dass die Volkswirtschaft für einen sehr langen Zeitraum weiter funktionieren kann, während es zugleich seine Substanz verzehrt.

Bildung ist kein Kulturthema, sondern ein volkswirtschaftlicher Multiplikator. Wenn Basiskompetenzen kippen, kippt mittelfristig alles: Ausbildung, Innovation, Verwaltung, Sicherheit, politische Urteilskraft.

Die internationalen Daten sind seit Jahren unerquicklich. In den OECD Country Notes zu PISA 2022 wird für Deutschland festgehalten, dass ein erheblicher Anteil der Schüler in Mathematik unter Kompetenzstufe 2 liegt, also zu den low performers zählt.4

Man kann das wegmoderieren. Man kann es auch als Randnotiz behandeln. Man kann es mit Schlagworten zuschütten. Der Effekt bleibt derselbe: Ein Land, das seine kognitive Infrastruktur ausdünnt, verliert die Fähigkeit, komplexe Probleme überhaupt noch zu sehen, geschweige denn zu lösen. Und dann wird jede politische Massnahme zur Ersatzhandlung.

Mein Attraktorbild: Nullpunktsenergie als gesellschaftlicher Ruhezustand

Meine Attraktor These ist kein Orakel, sondern eine Metapher aus der Dynamik komplexer Systeme.5 In solchen Systemen gibt es Bereiche, in die man leicht hineinrutscht und aus denen man nur mit erheblicher Energie wieder herauskommt. Resilienz ist dabei nicht automatisch gut: Ein System kann stabil sein und trotzdem schlecht. Holling unterscheidet in seinem klassischen Text Resilienz von blosser Stabilität und zeigt, wie Systeme trotz scheinbarer Robustheit in andere Regime kippen.6

Scheffer und Koautoren beschreiben für kritische Übergänge frühe Warnsignale und Mechaniken, bei denen kleine Störungen bei sinkender Rückstellkraft plötzlich grosse Zustandswechsel auslösen können.7

Übersetzt in Gesellschaft: Wenn Rückstellkräfte sinken, werden Schocks nicht mehr absorbiert, sondern fortgeschoben. Politik wird dann zum Management der Nebenwirkungen, nicht zur Steuerung. Moral ersetzt Strategie, weil Moral billig ist und Strategie teuer. Insofern passt das Bild der Nullpunktsenergie: ein energetisch minimales, psychologisch bequemes Niveau, in dem man die Welt so zurechtfiltert, dass sie erträglich bleibt, auch wenn sie objektiv schlechter wird.

Dieser Zustand ist nicht auf Eliten begrenzt. Er ist im Massstab wirksam. Er wird von Medienlogik, Parteiendisziplin, Verbandsinteressen, Verwaltungsroutinen und sozialer Angst stabilisiert. Er ist attraktiv, weil er Dissonanz reduziert. Er ist gefährlich, weil er Handlungsfähigkeit nimmt.

Mein drittes Szenario ist der Bruch. Nicht als Hollywood Untergang, sondern als Kaskade. Ein Energieschock, ein Finanzschock, eine Sicherheitslage, ein infrastruktureller Grossausfall. Was auch immer den Stein anstösst, entscheidend ist der Zustand des Systems beim Einschlag.

Wenn Rückstellkräfte bereits niedrig sind, dann wird aus einem Schock kein Ereignis, sondern ein Zustand. Dann wird Deutschland 2026/27 tatsächlich anders, nicht weil der Himmel brennt, sondern weil der Alltag härter wird: längere Ausfallzeiten, weniger Verfügbarkeit, mehr Sicherheitsarchitektur, mehr Abgaben, weniger Investitionskern.

In so einem Regime ändert sich auch die politische Temperatur. Nicht unbedingt ideologisch, sondern verhaltenslogisch. Wer Verantwortung trägt, wird noch risikoaverser. Wer keine Verantwortung trägt, wird lauter. Wer bereits belastet ist, wird dünnhäutiger. Das Gemeinwesen wird damit nicht automatisch totalitär(er), aber es wird gereizter, enger, misstrauischer.

Hier ist der Punkt, an dem Popper als Warnfolie taugt: die offene Gesellschaft ist keine Naturkonstante, sie ist ein Wartungsprojekt. Wer sie nicht pflegt, bekommt die geschlossene Gesellschaft nicht als Beschluss, sondern als schleichende Gewohnheit.

Die Wunschbäckerei als Symptom, nicht als Kuriosum

Meine eigene argumentative Klammer bleibt dabei das, was ich bereits am Beispiel der Wunschbäckerei8 beschrieben habe: Systeme schreiben sich Wunschlisten und verwechseln diese Listen mit Wirklichkeit. Unternehmen wollen den gebackenen Wunschkandidaten und bekommen am Ende die stille Fluktuation. Der Staat will den gebackenen Wunschbürger und bekommt den inneren Rückzug. Dabei sollte doch gelten: „Der Staat ist um des Menschen willen da, nicht der Mensch um des Staates willen.“9

Ideologien funktionieren indes wie ein Filter: Sie reduzieren Komplexität, sie liefern moralische Etiketten, sie geben Zugehörigkeit. Sie verhindern zugleich, dass man harte Trade offs ausspricht. Wird Ideologie zum Betriebssystem gemacht, dann kann nicht mehr gegensteuert werden, schlimmer noch: dann kann nur noch der Rechtfertigungsmodus eingenommen werden.

Diese Mechanik ist 2026 zentral. Nicht, weil ich sie rhetorisch hübsch finde, sondern weil sie erklärt, weshalb selbst harte Fundamentaldaten nicht automatisch zu Kurswechseln führen. Ein System kann sehr lange gleichzeitig wissen und nicht handeln. Menschen haben das zur Perfektion ausgebaut. Sie nennen es Normalität.

Beobachtung, Modell, Interpretation, Werturteil

Beobachtung: Die Finanzplanung zeigt hohe Nettokreditaufnahmen bis 2029 und eine sehr grosse Kreditermächtigung für ein Sondervermögen.

Beobachtung: Deutschlands TARGET2 Forderung lag per 30. November 2025 bei 1’040 Mrd. Euro.10

Beobachtung: PISA 2022 weist für Deutschland einen grossen Anteil an Schülern unter Mindestniveau in Mathematik aus.11

Beobachtung: Die Generationenbilanz, Update 2024, nennt eine Nachhaltigkeitslücke von 15’400 Mrd. Euro.

Beobachtung: ETS 2 ist als Instrument ab 2027 für Gebäude und Strassenverkehr vorgesehen.

Modell: Komplexe Systeme können in stabile, aber schlechte Regime kippen; sinkende Rückstellkräfte machen Schocks kaskadenfähig.

Interpretation: Deutschland steuert 2026 mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine Phase, in der Verwaltung, Moralisierung und Preisautomatismen die Hauptwerkzeuge sind, während reale Produktivitätslösungen langsamer, konfliktreicher und politisch riskanter bleiben.

Werturteil: Ich halte diese Kombination für verantwortungslos, weil sie Lasten sozial asymmetrisch verteilt, Leistungsanreize erodiert und die offene Gesellschaft psychologisch austrocknet.

Was also wünschen

Ich werde mir kein frohes neues Jahr im staatlichen Sinn wünschen. Ich wünsche mir auch kein politisches Wunder, weil Wunder keine Strategie sind.

Was ich mir wünsche, ist weniger spektakulär und damit schwerer zu instrumentalisieren: dass Menschen nicht zulassen, dass Angst ihren Charakter frisst; dass Liebe, Freude, Freundschaft, Zuneigung, Familie nicht als sentimentaler Kitsch abgetan werden, sondern als reale Widerstandskraft. Und dass der persönliche Entscheid, dieses Land zu verlassen, falls er gefallen ist, nicht als Flucht verachtet wird, sondern als Integritätsentscheidung respektiert wird. Ein Staat, der Loyalität nur als Gehorsam versteht, hat Loyalität bereits verloren.


  1. https://dserver.bundestag.de/btd/21/006/2100601.pdf ↩︎
  2. https://eur-lex.europa.eu/EN/legal-content/summary/eu-emissions-trading-system.html ↩︎
  3. https://www.stiftung-marktwirtschaft.de/wp-content/uploads/2024/11/Argument_176_Update_2024_Ehrbarer_Staat.pdf ↩︎
  4. https://www.oecd.org/en/publications/pisa-2022-results-volume-i-and-ii-country-notes_ed6fbcc5-en/germany_1a2cf137-en.html ↩︎
  5. https://coresecret.eu/2025/12/09/von-pauli-desmet-filtern-rausch-attraktoren-nullpunktsenergie-vom-totalitarismus/ ↩︎
  6. https://pure.iiasa.ac.at/id/eprint/26/1/RP-73-003.pdf ↩︎
  7. https://www.nature.com/articles/nature08227 ↩︎
  8. https://coresecret.eu/2025/12/30/von-der-wunschbaeckerei/ ↩︎
  9. https://www.verfassungen.de/de49/chiemseerentwurf48.htm ↩︎
  10. https://www.bundesbank.de/de/aufgaben/unbarer-zahlungsverkehr/t2/target-salden-603478 ↩︎
  11. Siehe Fn. 4. ↩︎

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