Transparenz ist ein schnödes Wort, bis man sie selber liefern soll. Dann wird sie plötzlich zur Unanständigkeit, zur Provokation, zur Stimmungsmache oder, noch eleganter, zur Sache, auf die man einfach nicht reagiert. Schweigen als vermeintlich souveräne Geste. Als ob Nicht-Kommunikation ein Gütesiegel wäre.
Ich habe am 28.12.2025 eine formelle Presseanfrage an den Vorstand des Chaos Computer Club e. V. gerichtet, mit einer erbetenen schriftlichen Stellungnahme bis 05.01.2026. Kein moralischer Pranger, kein Talk-Bashing, keine Gesinnungsprüfung, sondern eine Frage nach Kuraturleitplanken, Verfahren, Verantwortlichkeit und der Abgrenzung zwischen Plattform und Vereinsposition. So steht es schwarz auf weiss, inklusive Fristsetzung und Begründung.1
Die Antwort ist ausgeblieben.
Nicht ausgeblieben im Sinne eines Postlaufproblems, als Missverständnis, sondern ausgeblieben als Verhalten. Und genau darin liegt das Lehrstück deutscher Hybris: Man lebt von der Idee, dass Systeme auditierbar sein müssen, und behandelt die eigene Programm-Governance wie eine Blackbox mit Heiligenschein.
Von der Beobachtung
Beobachtbar ist zuerst etwas Banales: Der CCC e. V. hat nicht reagiert, trotz ausdrücklicher Bitte um eine kurze Rückmeldung mit Zeithorizont und Ansprechperson. Das ist kein Weltuntergang. Es ist Organisationsverhalten.
Beobachtbar ist zweitens, dass der CCC sich satzungsgemäss als Akteur versteht, der Informationsfreiheit verteidigt, sich mit den Auswirkungen von Technologien auf Gesellschaft und Individuum beschäftigt und Volksbildung im Sinne neuer technischer Entwicklungen, Kunst und Kultur fördert, inklusive „schöpferisch-kritischem Umgang mit Technologie“.2 Das ist keine apolitische Bastlerklausel. Das ist bereits ein gesellschaftlicher Anspruch.
Beobachtbar ist drittens, dass der Congress selbst in der Selbstbeschreibung explizit nicht nur „IT“ ist, sondern eine Konferenz über Technologie, Gesellschaft und Utopie.3 Und im Call for Participation wird der Track „Ethics, Society & Politics“ nicht als technisches Randprogramm verkauft, sondern als Feld, das soziale, ethische und politische Konsequenzen von Technologie diskutiert und explizit auch „activist and future-oriented concepts“ einlädt.4
Wer also so tut, als sei Politik am Congress per se ein Satzungsbruch, betreibt eine zu bequeme Verkürzung. Der CCC hat sich selber in einen Raum gestellt, in dem Technikfolgenanalyse, Grundrechtsdiskurs und gesellschaftliche Konfliktlinien mitverhandelt werden. Das ist in den Grunddokumenten angelegt.
Der Konflikt beginnt nicht bei Politik ja oder nein. Der Konflikt beginnt dort, wo aus Analyse Milieusprache wird, aus Kritik Kampagnenrhetorik, aus Bildung Mobilisierung, und aus einer offenen Debattenarchitektur ein Lagerreflex, der Fragen nach Kriterien als Feindkontakt behandelt.
Von Auditierbarkeit
Als Modell taugt hier ein Begriff, den man in der IT nicht aus Höflichkeit pflegt, sondern weil sonst alles krachen geht: Auditierbarkeit. Nicht im ISO-Zertifikatssinn, sondern als Kulturprinzip: Wer Aussagen mit Autoritätsanspruch in die Welt setzt, muss die Entstehung dieser Aussagen prinzipiell nachvollziehbar machen, oder er verlangt Glauben statt Prüfung.
In der Security ist das kein Luxus. Jede ernsthafte Kryptographie beginnt implizit mit einem Threat Model, mit Annahmen über Akteure, Ziele, Angriffsvektoren, Grenzen. NIST formuliert Threat Modeling als strukturierten Prozess, um Bedrohungen zu identifizieren und Massnahmen abzuleiten, statt nur Gefühle zu pflegen. Der Punkt ist simpel: Ohne explizite Kriterien gewinnt nicht Wahrheit, sondern Rhetorik. Nicht Robustheit, sondern Status.
Übertragen auf einen Verein, der in der Tech-Öffentlichkeit als moralische und analytische Instanz auftritt, ergibt sich eine unbequeme Konsequenz: Programmkuratur ist Governance. Governance braucht dokumentierte Leitplanken. Leitplanken brauchen Begründung. Begründung braucht Kritikfähigkeit. Und Kritikfähigkeit zeigt sich nicht in Panel-Pathos, sondern in der Bereitschaft, Fragen zu beantworten, bevor man sich wieder hinter dem eigenen Nimbus versteckt.
Darum war meine Anfrage so gebaut, wie sie gebaut war: Kriterien, Verfahren, Verantwortlichkeiten, Abgrenzungen. Kein „Findet ihr auch“, kein „Wie könnt ihr nur“, sondern: Nach welchen Massstäben wird entschieden, was als Bildung, als Technikfolgenanalyse, als politisches Format oder als Aktivismus auf die Hauptbühne kommt.
Vom Schweigen
Interpretation ist heikel, also halte ich sie sauber.
Das Schweigen beweist nicht automatisch, dass der CCC „indoktriniert“. Es beweist nicht, dass jeder Talk Propaganda ist. Es beweist nicht einmal, dass der Vorstand böse Absichten hätte.
Es zeigt etwas anderes: Die Diskussion über Kriterien wird gemieden, sobald die eigene Praxis auf dem Spiel steht. Wer von anderen vollständige Transparenz erwartet, wer Systeme, Behörden, Konzerne und politische Akteure regelmässig auf Nachvollziehbarkeit trimmt, verliert durch diese Verweigerung nicht an Gegnern, sondern an Vertrauen. Das ist reputativ unerquicklich, und es ist strategisch unklug.
Ein Verein, der von der Idee lebt, dass Systeme auditierbar sein müssen, verweigert den Audit seiner eigenen Programm-Governance. Das passt zusammen wie Kryptographie ohne Threat Model.
Damit ich nicht ins Nebelwerferische abgleite, ein paar belastbare Marker aus dem Programmraum der letzten Jahre.
Es gibt Formate, die offen antifaschistische Praxis adressieren, teils mit technischer Stützung, teils als politisches Updateformat. „Enhance Antifa“ etwa wird als Workshop beschrieben, der antifaschistische Arbeit und deren „Use Cases“ mit Werkzeugen und Ideen unterstützen will.5 „Selbstverständlich antifaschistisch!“ ist als Vortrag im Track „Ethics, Society & Politics“ verortet und rahmt juristische Verfahren explizit als Frage antifaschistischer Praxis und politischer Opposition.6
Auch 37C3 hatte Formate, die Aktivisten zusammenbringen, gesellschaftliche Krisen entlang politischer Konfliktlinien verhandeln und das in einer Sprache tun, die weit über technischen Sachverstand hinausgeht.7
Diese Beispiele kann man verteidigen. Man kann sie kritisieren. Man kann sie als notwendigen Gegenpol sehen oder als Milieutheater. Der entscheidende Punkt ist: Der CCC hat den Track-Rahmen selbst so definiert, dass Aktivismus und politische Konzepte dort nicht als Fremdkörper erscheinen müssen.8
Die Frage ist also präziser: Wo liegt die Grenze zwischen politischer Bildung in geistiger Offenheit und einseitiger Agitation unter der Marke eines technisch definierten Grossereignisses.
Von Gemeinnützigkeit
Wer „Gemeinnützigkeit“ im Mund führt, steht nicht nur unter moralischer, sondern unter rechtlicher Selbstbindung. Beim CCC e. V. ist das explizit: Er verfolgt ausschliesslich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke im Sinne der Abgabenordnung und dient der Volksbildung.
Die Abgabenordnung und ihre Anwendungserläuterungen sind in dieser Frage unerquicklich klar. Politische Bildungsarbeit kann gemeinnützig sein, aber sie muss „in geistiger Offenheit“ erfolgen und darf nicht in einseitige Agitation oder Propaganda umkippen. Genau diese Leitlinie formuliert der AEAO zu § 52.9
Und die Rechtsprechung hat in den letzten Jahren demonstriert, dass der Staat die Grenze nicht nur theoretisch kennt, sondern auch zieht. Der BFH hat im Kontext des Attac-Verfahrens betont, dass politische Bildung geistige Offenheit erfordert und nicht als einseitige Indoktrination daherkommen darf.10
Das ist keine Einladung zum Denunziantentum. Das ist ein Compliance-Faktum. Wer im Bildungsauftrag politisch wird, muss methodisch mehr liefern als Gesinnungssignale. Er muss zeigen, dass er Gegenargumente nicht nur erträgt, sondern strukturell mitdenkt.
Von der Spekulation
Damit landet man wieder bei Governance. Nicht bei moralischer Sympathie.
Mangels interner Information bleibt Spekulation, also markiere ich sie als Spekulation und halte sie eng.
Eine plausible Hypothese ist Risikovermeidung: Jede konkrete Antwort erzeugt zitierfähige Kriterien. Kriterien kann man prüfen. Prüfen kann man kritisieren. PR mag nicht Messbarkeit.
Eine zweite Hypothese ist interne Divergenz: Sobald es politisch wird, bilden sich Fraktionen. Schweigen ist dann das billigste Verfahren, keinen internen Konflikt nach aussen zu tragen. Gerade deshalb ist Schweigen ein Governance-Symptom.
Eine dritte Hypothese ist die Plattform-Ausrede als Schutzschild: Man will Plattform sein, aber den Nimbus einer Position behalten. Sobald man Abgrenzung definieren soll, zerstört man die Ambivalenz, die bisher als sozialer Schmierstoff funktioniert.
Eine vierte Hypothese ist Kompetenzlücke im Prozess: Kein sauberer Presseprozess, keine Zuständigkeit, keine Disziplin. Das wäre nicht spektakulär, aber für eine Organisation mit Kompetenzanspruch peinlich genug.
Diese Hypothesen sind nicht als Anklage formuliert, sondern als Modellraum. Die Pointe bleibt dieselbe: Schweigen wirkt, auch wenn es aus Schlamperei entsteht, nach aussen wie Absicht.
Ich halte dieses Verhalten für eine Selbstentlarvung im Kleinen. Nicht, weil es „beweist“, dass der CCC schlecht sei, sondern weil es zeigt, dass die Kultur des Prüfens selektiv gelebt wird. Bei Konzernen ist Audit Pflicht. Beim eigenen Laden ist Audit Zumutung.
Das ist keine linke oder rechte Frage. Das ist eine Frage institutioneller Reife. Wer sich als Instanz inszeniert, muss Fragen nach Massstäben aushalten, sonst ist er keine Instanz, sondern Milieu.
Und hier kommt der Titel ins Spiel: deutsche Hybris. Diese spezifische Spielart, bei der man Normen als Waffe führt, nicht als Selbstbindung. Bei anderen gilt die volle Transparenzforderung, inklusive moralischer Aufladung. Bei sich selber gilt die Aura. Der Rest soll glauben.
Das ist die gleiche Denkmode, die man in grossen Organisationen dauernd sieht: Compliance als Theater, Prozesse als Fassade, Werte als PR-Farbe. Nur dass es beim CCC besonders ironisch wirkt, weil er historisch aus der Kritik an genau solchen Fassaden entstanden ist.
Von Identitäen
Der CCC wirkt, von aussen betrachtet, wie ein Verein mit Identitätsproblem, absichtlich oder unabsichtlich. Er will Technikinstanz sein, moralische Instanz, politische Kampagnenplattform und Community-Event. Je mehr Rollen man gleichzeitig spielt, desto mehr entsteht genau jene Wahrnehmung, die ich in der Anfrage beschrieben habe: Technik als Kulisse, Politik als Hauptakt, dazu eine Schicht aus Milieusprache, die jede Kritik reflexhaft als Angriff codiert.
Der CCC hat sich diesen Raum teilweise selber gebaut. Seine Satzung spricht von Informationsfreiheit und Auswirkungen von Technologie auf Gesellschaft, nicht von reiner Bits-und-Bytes-Asketik. Der Congress wird als Ort für Technologie und Gesellschaft beschrieben.11 Der CfP-Text ermuntert zu aktivistischen Konzepten.12
Umso dringlicher wäre eine explizite Kuratur- und Abgrenzungsarchitektur. Gerade weil Politik nicht ausgeschlossen ist, muss sie begrenzt werden können, sonst frisst sie alles. Nicht, weil Politik böse wäre, sondern weil politische Rhetorik strukturell dazu neigt, Komplexität durch Lagerlogik zu ersetzen. Und Lagerlogik ist das Gegenteil von Hackerkultur, sofern man unter Hackerkultur mehr versteht als Sticker und Pose.
Wer beruflich Sicherheitsarchitekturen baut, weiss, wie billig es ist, grosse Begriffe zu führen, und wie teuer es ist, sie einzulösen. „Transparenz“, „Aufklärung“, „Volksbildung“, „Gemeinnützigkeit“ sind keine Dekoration, sondern harte Verpflichtungen, wenn man sie ernst nimmt.
Das Schweigen ist deshalb nicht nur eine ausgebliebene E-Mail. Es ist eine Absage an die Idee, dass man sich selber denselben Standard zumuten muss, den man anderen predigt.
Und ja, man kann jetzt sagen: Der CCC muss nicht antworten. Korrekt. Niemand muss viele Dinge. Niemand muss saubere Logs führen. Niemand muss Backups testen. Niemand muss seine Krypto richtig konfigurieren. Niemand muss seine Firewalls nicht offen lassen. Man merkt die Folgen erst später, und dann ist das Gejammer gross.
Institutionen sterben selten an einem grossen Skandal. Sie sterben an kleiner Selbstzufriedenheit, an der Gewohnheit, dass die eigene Aura schon reichen werde. Hybris ist nicht der Moment, in dem man sich überhebt. Hybris ist der Moment, in dem man glaubt, man stehe über der Prüfung.
Der CCC hat in seiner DNA die Forderung nach prüfbaren Systemen. Wer diese Forderung als gesellschaftliche Tugend vertritt, muss sie in der eigenen Governance demonstrieren, sonst wird aus dem Anspruch Haltungsprosa. Wer in politischer Bildung unterwegs ist, der steht zusätzlich unter dem Zwang geistiger Offenheit, nicht nur aus Anstand, sondern aufgrund Rechtsrahmen.
Der Rest ist einfach: Eine Organisation, die auf eine methodisch formulierte Anfrage nicht reagiert, erklärt damit unfreiwillig, wie sie Kritik verarbeitet. Nämlich gar nicht. Das ist kein technisch bedingtes Problem. Das ist ein Charakterproblem.
- https://coresecret.eu/2025/12/28/pressemitteilung-003-2025/ ↩︎
- https://www.ccc.de/system/uploads/115/original/neufassung-satzung.html ↩︎
- https://media.ccc.de/c/38c3 ↩︎
- https://content.events.ccc.de/cfp/37c3/index.en.html ↩︎
- https://events.ccc.de/congress/2024/hub/de/event/enhance-antifa/ ↩︎
- https://media.ccc.de/v/39c3-selbstverstandlich-antifaschistisch-aktuelle-informationen-zu-den-verfahren-im-budapest-komplex-von-family-friends-hamburg ↩︎
- https://media.ccc.de/v/37c3-11904-a_new_hope_de ↩︎
- https://content.events.ccc.de/cfp/37c3/index.en.html ↩︎
- AEAO zu § 52 AO, Ziffern zur politischen Bildungsarbeit, Agitation und geistiger Offenheit. ↩︎
- BFH, Urteil vom 10.01.2019, V R 60/17 (Attac), Leitgedanken zu geistiger Offenheit. ↩︎
- Siehe Fn. 3. ↩︎
- Siehe Fn. 4. ↩︎
