Mein Patrono oficioso im Arbeitsgerichtsverfahren hat sich gemeldet. Wohl eher ein Zombie. Wobei Zombies nicht nur aus den üblichen Filmen und Serien bekannt sind, sondern sehr real und sehr konkret Gerichtssäle, Kanzleien und die elektronische Postfächer jener Menschen, die irrtümlich glauben, ein Rechtsstaat sei mehr als Dekoration, in Beschlag nehmen. Diese Spezies trägt Anzug, zumindest in Portugal, wenigstens etwas, führt eine Anwaltsnummer, trägt vielleicht sogar ein kleines Emblem des Ordem dos Advogados im Portemonnaie, bewegt sich aber geistig in einem Zustand reduzierter Hirnaktivität, in dem jede Spur von Verantwortungsbewusstsein durch eine Art anwaltlichen Autopiloten ersetzt wurde.
Der nunmehr achte Patrono oficioso, ausgestattet mit der Aufgabe, ein hochkomplexes Arbeitsverfahren mit Unionsrechtsbezug zu führen, er schafft es, über Wochen hinweg praktisch nichts zu tun, ausser eine einzige (sic!) dünne Mail zu verschicken, in der er mir mitteilt, er habe sich von der Pflicht befreien lassen wollen und sehe keine „gegenseitige Vertrauensbasis“. Die Escusa will er bei der Kammer eingereicht haben, das Dokument selbst bleibt allerdings verborgen, als handle es sich um einen Weihetext fürs innere Heiligtum der Standesorganisation. Kein Briefkopf, kein Anhang, nur Text. Digitale Kargheit als Stilmittel der Verantwortungslosigkeit.
Juristisch ist die Lage trivial und gleichzeitig entlarvend. Ein Patrono oficioso bleibt so lange Patrono oficioso, bis die Escusa bewilligt und ein Nachfolger effektiv bestellt ist. Dazwischen besteht nicht das Recht auf klinischen Tod, sondern die Pflicht, wenigstens minimale Verfahrenssubstanz und die notwendigen Impulse aufrechtzuerhalten. Gerade die portugiesischen Standesregeln betonen im Brustton grosser Selbstverehrung Pflichten gegenüber Mandanten und gegenüber der eigenen Ordem, inklusive der Verpflichtung, deren Ansehen und das der Anwaltschaft nicht zu schädigen und an der Erfüllung ihrer Aufgaben mitzuwirken.1 Auf dem Papier wirkt das wie die moralische Verfassung einer freien Advokatur, in der Realität erlebe ich Winkeladvokaten, die diesen Text offenbar nur als folkloristische Fussnote betrachten.
Parallel dazu existiert das Unionsrecht. Die Richtlinie 2008/104/EG verlangt für Leiharbeitskräfte Gleichbehandlung bei wesentlichen Arbeitsbedingungen gegenüber direkt Beschäftigten, also insbesondere bei Entlohnung.2 Keine esoterische Theorie, sondern kodifiziertes Recht, seit Jahren in Kraft, mit Kommentarliteratur und Kommissionsberichten.3 Genau dieses Recht ist in meinem Verfahren zentral, weil ein globaler Konzern systematisch unterschiedliche Lohnniveaus für gleiche Arbeit über verschiedene Jurisdiktionen hinweg etabliert hat und sich auf die bequeme Distanz eines Outsourcing Konstrukts zurückzieht. Der Patrono oficioso, den die portugiesische Kammer mir hinstellt, reagiert darauf nicht mit fachlicher Analyse, sondern mit einer Art vorauseilendem Kapitulationsreflex: Das verstehe das Gericht hier sowieso nicht, das sei alles zu hoch, die Ideologie und Dummenkult gehen in Portugal vor Realität. Gut kann man machen, allerdings lässt die Realität nicht ewig auf sich warten.
Damit wird aus dem Anwalt, der Unabhängigkeit und Mut gegenüber Gericht und Gegner leben sollte, ein Zombie Winkeladvokat. Er bewegt sich noch, er produziert noch rudimentär inhaltsleere Sätze, er schreibt „Boa tarde“, aber jede Spur von eigenständigem, normativem Kompass ist verschwunden. An die Stelle von Rechtsanwendung tritt die Beschwörung eines diffusen „so löppt dat hier“, das weder im Gesetzestext noch in der Rechtsprechung, sondern im kollektiven Unterbewusstsein eines Systems verankert ist, das im Endstadium der Konfliktscheu angekommen ist. Also im übertagenen Sinne Wasserscheu wie ein von der Tollwut Befallener.
Besonders bizarr ist die emotionale Verkehrung. Ich liefere strukturierte E Mails mit Verfahrensstand, Zeugenmatrix, Dokumentenmatrix, Verweisen auf Richtlinien, auf unionsrechtliche Grundsätze, auf den Gleichbehandlungsgrundsatz; er liefert Schweigen, dann eine einzige Nachricht, in der er mich belehrt, ich solle auf einen neuen Patrono warten, es gebe keine Fristen, keine Termine, nichts Dringliches. Dass genau dieses Nichts Tun in einem fortgeschrittenen Arbeitsverfahren, bereits 30 Monate gerichtliche Untätigkeit, mit erheblichen Schadenssummen im sechsstelligen Bereich selbst bereits Schäden erzeugt, scheint ausserhalb seines geistigen Erfassungsbereiches zu liegen, und so wird es auch sein. Was für ein Dummenkult.
Der Zombie Winkeladvokat ist damit weniger individuelles Versagen als Symptom eines tieferen Zerfalls. Ein Berufsstand, der sich in Sonntagsreden als Hüter von Recht, Freiheit und Würde inszeniert, hat in seinen eigenen Statuten den Pflichtenkatalog stehen, der genau das abbildet.4 Gleichzeitig entstehen in der Praxis Figuren, die diese Pflichten in eine Art berufliche Kulisse verwandeln, ohne jeden inneren Bezug. Es entsteht eine Diskrepanz zwischen Papiernorm und gelebter Wirklichkeit, die so gross ist, dass der Beobachter sich fragt, ob beide überhaupt noch dem gleichen Universum angehören.
- https://diariodarepublica.pt/dr/detalhe/decreto-lei/84-661945 ↩︎
- https://en.wikipedia.org/wiki/Temporary_Agency_Work_Directive_2008 ↩︎
- https://employment-social-affairs.ec.europa.eu/policies-and-activities/rights-work/labour-law/working-conditions/temporary-agency-workers_en ↩︎
- https://crlisboa.org/2016/docs/Legislacao_profissional.pdf ↩︎
