Ich lese bei Michael Klein, wie ein französischer General vor Bürgermeistern ganz locker darüber philosophiert, dass ein Land „bereit sein müsse, den Verlust seiner Kinder zu akzeptieren“, andernfalls sei es „schwach“ und „in Gefahr“. Die Formulierung ist kein Ausrutscher, sondern die ehrliche Sprache einer Klasse von Funktionären, die sich daran gewöhnt hat, über andere Körper zu verfügen: über unsere, über die unserer Kinder. Krieg als Ressource, Menschen als Verbrauchsmaterial, nüchterner kann man es kaum sagen.
Klein erinnert zu Recht daran, dass Krieg nie ein abstraktes Projekt ist, sondern immer ganz konkret tote Menschen bedeutet, zerstörte Familien, verstümmelte Körper. Und er zeigt auf, wie gut sich an diesem Elend verdienen lässt: politisch, psychologisch, finanziell. Wer von „Vaterland“, „Demokratie“ und „Werten“ schwadroniert, kleidet letztlich nur die banale Tatsache ein, dass andere sterben sollen, damit die eigene Karriere, Bilanz oder Ideologie glänzt.
Das eigentlich Tragische ist: Westeuropa hat sich längst von innen her zerstört, bevor der erste General öffentlich darüber schwadronieren konnte, Kinder in den Tod zu schicken. Jahrzehntelang wurden jene Werte zerlegt, die ein Gemeinwesen widerstandsfähig machen: Familie, Kultur, Rechtssicherheit, Freiheit, Liberalität, Wissenschaftsfreiheit, die Eigenständigkeit von Forschung und Lehre. Alles systematisch relativiert, pathologisiert, mit moralischem Sperrfeuer überzogen, bis nur noch ein identitätloses Verwaltungsgebiet übrig blieb.
Wer heute noch von Nationalstolz spricht, wird behandelt wie ein archaisches Fossil. Grundrechte existieren de facto nur noch als Kulisse; sie werden nach Laune ausgesetzt, wenn der politische Erregungspegel wieder einmal „Ausnahmezustand“ ruft. Lockdowns, Berufsverbote, digitale Zensur, Kontenkündigungen, das Arsenal ist bekannt. Ein Kontinent, der seine eigenen Freiheitsrechte als verzichtbaren Luxus behandelt, hat sich längst selbst aufgegeben.
Parallel dazu wurde die elementarste anthropologische Konstante zerschossen: die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen. Aus einer überschaubaren, mit medizinischer und psychologischer Sorgfalt zu behandelnden Problemlage wurde ein identitätspolitisches Geschäftsmodell. Aus „Mann“ und „Frau“ wurde ein Baukasten beliebiger Selbstbeschreibungen, flankiert von der Behauptung, der Körper sei lediglich ein Fehler, den man chirurgisch „korrigieren“ könne.
Das Ergebnis ist eine stille Katastrophe: Minderjährige, die mit Pubertätsblockern, Cross-Sex-Hormonen und irreversiblen Operationen auf eine Bahn gesetzt werden, die sie nie wieder verlassen können. Für mich ist das keine progressive Medizin, sondern eine hochsubventionierte Form der Verstümmelung, die eine ganze Generation psychisch und physisch verheizt. Ausgerechnet jene politischen Kreise, die sonst bei jeder Schramme Prävention und Fürsorge beschwören, spielen hier mit Menschenleben, als wären es kosmetische Experimente.
Gleichzeitig wurde die Nutzung eigener Symbole delegitimiert. Wer seine Nationalflagge ans Haus hängt, läuft inzwischen Gefahr, als verdächtiges Element erfasst zu werden. Patriotismus gilt als Vorstufe zum Terrorismus, das offene Bekenntnis zu einem Staatsvolk als „exkludierend“ und „verfassungsfeindlich“, sofern dieses Staatsvolk zufällig deutsch, französisch oder britisch ist. Sicherheitsbehörden und Strafjustiz richten ihren Blick lieber nach innen auf den eigenen Bürger als auf jene Akteure, die offen den Umsturz fordern.
Jeder, der diesen Widerspruch benennt, wird in derselben Sekunde in die Nazischublade gestopft. Wer fragt, warum unsere Grenzen offen sind, während gleichzeitig von „Kriegsbereitschaft“ fabuliert wird, ist „rechtsradikal“. Wer die zerstörerischen Nebenwirkungen der identitätspolitischen und medizinischen Experimente an Kindern kritisiert, ist „transfeindlich“. Wer nicht begeistert Hurra schreit, wenn es um immer neue Waffenlieferungen geht, gilt als „Putin-Versteher“. Diskussion beendet, Akte geschlossen.
Dieses billige Moralmanagement funktioniert nur, weil die massenhafte Indoktrination der letzten Jahre erschreckend erfolgreich war. Ein grosser Teil der Bevölkerung hat verlernt, Widersprüche überhaupt noch zu erkennen. Dieselben Leute, die sich eben noch haben einreden lassen, dass es „kein Staatsvolk“ gebe, nicken jetzt brav, wenn Politiker plötzlich von Vaterland, Opferbereitschaft und „unsere Kinder an der Front“ reden. Kognitive Dissonanz als Regierungsprinzip.
Wenn nun Generäle und Minister beginnen, offen über den „Verlust der eigenen Kinder“ zu sprechen, dann ist das kein Versprecher, sondern der logische Endpunkt dieser Entwicklung. Man hat Westeuropa seiner kulturellen, rechtlichen und moralischen Substanz beraubt, aus Bürgern zu verwaltende Objekte gemacht, sie gesundheitlich, wirtschaftlich und sozial über jegliche Belastungsgrenze getrieben, und erwartet jetzt ernsthaft, dass diese Menschen ihre Söhne und Töchter für geopolitische Abenteuer opfern.
Für mich ist Westeuropa nicht auf dem Weg in den Untergang, es ist bereits dort angekommen. Wir befinden uns im Nachkriegsmodus ohne formalen Krieg: institutionell ausgehöhlt, moralisch korrupt, geistig verwirrt. Die neue Kriegsrhetorik zeigt nur, wie weit die Entfremdung der politischen Klasse von der eigenen Bevölkerung fortgeschritten ist. Wer seine Kinder schützen will, muss begreifen, dass er es mit Eliten zu tun hat, denen diese Kinder, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht das Geringste bedeuten.
Die Hölle, das sind nicht die Anderen, das sind die eigenen Landsleute.
