„Ja – wer auch nur e i n e Seele, s e i n nennt auf dem Erdenrund!“
Heiligabend hat eine merkwürdige Eigenschaft: Er legt einen warmen Filter über alles, was sonst schneidet. Nicht, weil die Welt plötzlich besser wäre, sondern weil Kerzenlicht gnädig ist. Es täuscht nichts weg, es macht nur erträglicher, was man das ganze Jahr über ohnehin gesehen hat. Manche Beobachtungen sind so traurig, dass man sie kaum aussprechen mag, ohne wie ein zynischer Prediger zu klingen. Andere sind so unerquicklich, dass man sie lieber in den Hintergrund schiebt, damit der Tag nicht in Bitterkeit kippt. Und doch: Gerade an Weihnachten, wo jeder zweite Satz von Frieden handelt, muss ein Mensch mit offenem Blick auch die Unfriedlichkeit benennen, die sich nicht nur draussen, sondern mitten in den Köpfen eingerichtet hat.
Hoffnungslos wirkt vieles. Aussichtslos ist es trotzdem nicht. Das ist kein Widerspruch, sondern ein Zustand. Ein innerer Winter, der die Finger steif macht, aber nicht die Beine. Wer gehen will, geht. Wer nicht gehen will, schreibt sich Gründe zurecht, bis sie wie Naturgesetze aussehen.
Ein Satz begleitet mich seit Jahren, mehr als Motto denn als Dekoration. Er ist nicht einmal besonders originell. Er ist bloss wahr, und Wahrheit ist selten originell. Wer nicht kämpft, der hat bereits verloren. Nicht als martialischer Schlachtruf, nicht als Pose, nicht als Lärm. Eher als Erinnerung daran, dass der Mensch in jeder Epoche, in jedem System, in jedem kleinen Konflikt eine Wahl hat, und dass Nichtwählen ebenfalls wählt.
Es gibt Dinge, über die ich immer weniger romantisch nachdenken kann. Eines davon ist das Kollektiv. Nicht, weil ich Gemeinschaft verachte. Sondern weil ich gelernt habe, wie schnell Gemeinschaft in Rausch kippt, wie elegant sie das Denken aus dem Raum schiebt, wie schnell sie aus Nächstenliebe eine Liturgie der Zugehörigkeit macht, in der nicht mehr gefragt wird, was wahr ist, sondern wer dazugehört. Die Bibel hat dafür Sprache, lange bevor Soziologen Tabellen bauten. Vielleicht stimmt sogar das spöttische Bonmot, Atheisten seien die besseren Bibelzitierer, weil sie Texte als Texte lesen und nicht als Wohlfühlnebelsuppe. Ich halte es für möglich. Ich sehe es regelmässig.
Und ich sehe etwas anderes. Etwas, das mich nicht loslässt, weil es weder Politik noch Tagesmeldung ist, sondern eine anthropologische Konstante. Kollektives Handeln, selbst dort, wo es barbarisch wird, entsteht nicht aus der Handvoll Funktionäre am Ende der Kette, sondern aus tausend kleinen Händen, die mitmachen, abzeichnen, schweigen, wegblicken, beschönigen, delegieren. Die grossen Verbrechen der Geschichte wurden selten von Dämonen begangen, und noch viel weniger sind Dämonen vom Himmel gefallen. Sie wurden von Menschen begangen, die nach Hause gingen, den Mantel aufhängten, die Suppe löffelten, die Kinder küssten, und am nächsten Morgen wieder funktionierten. Genau darin liegt die Grausamkeit. Nicht im Ausnahmefall, sondern in der Normalität. Die Normalität des Bösen.
Man muss dafür nicht einmal eine metaphysische Theorie bemühen. Es genügt, die banale Mechanik zu sehen. Schritt um Schritt. Ein Formular. Eine Vorschrift. Eine Parole. Ein moralisches Etikett, das man sich ans Revers heftet, damit man das Gewissen nicht mehr tragen muss. Und dann irgendwann das Staunen: Wie konnte es so weit kommen. Als wäre es gekommen wie ein Wetter. Dabei war es ein Prozess aus Menschen. Aus Entscheidungen. Aus Bequemlichkeiten. Aus Feigheiten. Aus einem unerbittlich menschlichen Reflex, die eigene Verantwortung nicht zu leugnen, aber zu zerstreuen, bis sie sich nicht mehr anfühlt wie Schuld, sondern wie Schicksal.
Genau dort, mitten in dieser Mechanik, sitzt ein Gedanke, der mich seit frühester Jugend begleitet, ohne dass ich wüsste, warum er so früh da war. Nicht die Mächtigen sind voller Macht. Die Menschen sind voller Macht, und sie sind selbstverschuldet machtlos. Selbstverschuldet heisst nicht: moralisch minderwertig. Es heisst: sie verzichten. Sie geben ab. Sie delegieren ihr Rückgrat. Sie stellen sich vor, Autorität sei etwas, das man verehrt oder verachtet, statt etwas, das man nüchtern begrenzt. Und sie merken nicht, welche Kräfte sie in der Summe hätten, wenn sie einmal gemeinsam nicht jubeln, nicht ducken, nicht nachbeten würden, sondern sich schlicht weigerten, den nächsten kleinen Schritt zu machen, der aus einem Alltag eine Unmenschlichkeit baut.
Der Gedanke ist unbequem, weil er die Ausrede zerstört. Er nimmt die Erzählung weg, dass alles von oben gesteuert sei und unten nur Staub. Nein. Unten ist die Welt. Oben ist nur eine Etage, die ohne die unteren Etagen nicht stehen bleibt.
Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb Menschen so gerne nach der grossen Verschwörung greifen. Nicht, weil sie alle paranoid wären, sondern weil die Alternative psychisch schwerer ist. Die Alternative ist Komplexität. Mehrkausalität. Rückkopplung. Chaos. Und die bittere Erkenntnis, dass es keinen Dirigenten braucht, damit ein Orchester im Gleichschritt falsch spielt. Es braucht bloss genug Menschen, die lieber mitspielen, als schief aufzufallen. Das entlastet. Man hat einen Feind. Man hat ein Zentrum. Man kann die Welt in eine einzige Schublade legen und den Deckel schliessen.
Es gibt dafür einen Text, der mir wie ein innerer Anker geworden ist, weil er diese Mechanik nicht mit Häme beschreibt, sondern mit nüchterner Ehrfurcht vor der Wirklichkeit und ebenso nüchterner Verachtung für die menschliche Unreife. Er lautet:
„Dieses Universum ist nicht grausam, es ist gleichgültig. Und gerade deshalb ist Leben, das sich seiner selbst bewusst wurde, ein unwahrscheinlicher Luxus. Man müsste meinen, ein solcher Luxus erzeuge Demut. Er erzeugt oft das Gegenteil: Anspruch, Rausch, Ritual. Der Mensch sucht Erlösung, weil er die Kälte nicht aushält, und er baut sich dafür Ersatzreligionen, die Komplexität in Feindbilder pressen. Dann wird Denken zum Verrat, Zweifel zur Sünde, und Mitlaufen zur Tugend. Und während die Wirklichkeit jeden Tag still das Wunder wiederholt, wird sie von zu vielen zertreten, verachtet, zerstört, aus purer Unreife und aus dem infantilen Hunger nach einfachen Erzählungen.“
Dieser Absatz ist kein Schmuck. Er ist ein Massstab. Er ist die Linie, an der ich meine eigenen Reflexe prüfe. Er ist auch ein Spiegel, und Spiegel sind selten schmeichelhaft.
Denn das Erstaunliche ist nicht, dass Menschen im Schmerz nach Erlösung suchen. Das Erstaunliche ist, wie schnell Erlösung als Lizenz missverstanden wird: als Lizenz, nicht mehr denken zu müssen; als Lizenz, die Welt in Gut und Böse zu zerhacken; als Lizenz, das eigene Unbehagen in moralische Überlegenheit umzuprägen. Dann wird aus der Suche nach Sinn ein Ritual. Aus dem Ritual eine Gruppe. Aus der Gruppe ein Bann. Aus dem Bann eine Jagd.
Ich halte mich nicht für immun. Niemand ist immun. Wer sich für immun hält, ist gefährdet. Auch ich kenne die Versuchung, die Welt auf eine einfache Ursache zu reduzieren, damit sie wieder erträglich aussieht. Auch ich kenne den inneren Wunsch, dass es einen Plan gäbe, weil ein Plan wenigstens erklärbar wäre, während Emergenz, Zufall und menschliche Dummheit ein schmutziges Gemisch bilden, das nicht einmal eine elegante Erzählung abgibt. Und doch: Je länger ich beobachte, desto weniger glaube ich an das grosse, zentral gesteuerte Böse als Standarderklärung. Nicht, weil ich Machtstrukturen unterschätze. Sondern weil ich das menschliche Bedürfnis sehe, sich die Welt so zu erklären, dass man selbst aus der Verantwortung fällt.
Die Welt ist nicht ein Theaterstück mit einem Bösewicht in der Loge. Sie ist eher ein Saal, in dem Applaus plötzlich kippt, weil Menschen die Hände heben, weil die Nachbarn die Hände heben, weil niemand als einziger still sitzen will. Der Chor entsteht nicht, weil einer den Taktstock schwingt, sondern weil viele Ohren auf viele Ohren hören. Das ist Synchronisation, nicht Verschwörung. Das ist ein sozialer Attraktor, nicht zwingend ein geheimer Plan. Und das Ergebnis kann trotzdem grausam sein.
Ich schreibe das an Weihnachten, weil Weihnachten eine doppelte Funktion hat. Es ist Tradition. Es ist Wärme. Es ist Besinnlichkeit,.Und es ist Erinnerung daran, dass Menschlichkeit nicht automatisch entsteht, nur weil man sie in Lieder schreibt. Menschlichkeit ist nicht die Grundkonfiguration des Menschen. Menschlichkeit ist ein Werk. Ein Handwerk. Ein täglicher Kampf gegen die eigene Bequemlichkeit, gegen die eigene Feigheit, gegen den eigenen Hunger nach einfachen Erzählungen, gegen den eigenen Wunsch, das Denken zu delegieren.
Mein Verhältnis zu Religion ist dabei nicht die Karikatur, die sich so viele heute basteln. Ich bin katholisch. Ich bin zugleich zutiefst humanistisch erzogen worden. Trotz Scheidungskind. Vielleicht gerade deshalb. In einem Haus, in dem man über Schuld nicht nur sprach, sondern sie auch als Aufgabe verstand. In einem Umfeld, in dem man nicht behauptete, die Welt sei gut, sondern in dem man verlangte, dass man selbst gut genug wird, um in einer nicht guten Welt nicht zu zerbrechen.
Das klingt pathetisch. Es ist trotzdem schlicht das, was mich trägt.
Ich habe seit meiner Kindheit eine klare Überzeugung, die nicht aus politischer Theorie stammt, sondern aus einem sehr alten, sehr schlichten moralischen Fundament. Ich bin gegen die Todesstrafe. Und zwar nicht aus modischer Empfindlichkeit, sondern abgeleitet aus einem Satz, der in den Zehn Geboten steht, so nüchtern, so hart, so unmissverständlich, dass jede ideologische Ausflucht daran zerbricht: Du sollst nicht töten. Wer diese Spielregel ernst nimmt, kann nicht gleichzeitig behaupten, sie gelte nur für Privatpersonen, während der Staat sie nach Belieben ausser Kraft setzt. Wenn keiner töten darf, dann auch nicht der Staat. Sonst wird aus dem Gebot eine Floskel.
Und doch: Ich bin kein naiver Pazifist, der sich ins eigene Bett kuschelt, während andere überfallen werden. Notwehr ist Notwehr. Wer mein Leben tödlich angreift, zwingt mich in eine Lage, in der die moralische Reinheit nicht mehr als saubere Theorie existiert, sondern als konkrete Abwägung, in Sekunden, mit zittrigen Händen und scharfem Blick. Dass man sich bis zum Töten des Angreifers erwehren darf, wenn keine mildere Möglichkeit bleibt, ist kein Widerspruch zur Ablehnung der Todesstrafe. Es ist der Unterschied zwischen Abwehr und Vollstreckung, zwischen Tragik und Ritual, zwischen Schutz und Vergeltung.
Und dann kommt die Ambivalenz, die viele Menschen nicht aushalten. Es gibt Täter, deren Grausamkeit so abgründig ist, dass man als normaler Mensch an die Grenzen der eigenen Menschenliebe stösst. Man kann zum Schluss gelangen, dass solche Menschen aus der Gemeinschaft ausgestossen werden müssen. Ob durch Todesurteil oder durch lebenslanges Gefängnis, das kann selbst ich nicht letztgültig beantworten, weil mir der Letztzugriff auf einen absoluten Wahrheitsanspruch fehlt. Wer so tut, als hätte er diesen Zugriff, ist entweder ein Heiliger oder ein Hochstapler. Meistens ist er ein Hochstapler.
Was mich an der öffentlichen Debatte oft mehr erschreckt als die Positionen selbst, ist der Reflex, alles in Schwarz und Weiss zu pressen. Als wäre Grau ein Fehler. Als müsste man sich entscheiden, ob man für Menschlichkeit oder für Sicherheit sei, ob man für Würde oder für Schutz sei, ob man für Frieden oder für Stärke sei. Als gäbe es kein Nebeneinander von Werten, die kollidieren. Als gäbe es keine tragischen Konstellationen, in denen jede Option schmerzt. Grau scheint der Spezies Mensch nicht gut zu gefallen als Überlagerungszustand. Vielleicht, weil Grau Verantwortung bedeutet. Schwarz und Weiss sind Schubladen. In Schubladen muss man nichts mehr denken.
Und doch ist Denken genau das, was uns in dieser kalten Gleichgültigkeit des Kosmos überhaupt erst zu Menschen macht. Denken. Zweifeln. Prüfen. Aushalten. Widerstand. Es ist keine Krankheit, Ambivalenz zu fühlen. Es ist ein Zeichen, dass noch etwas lebt, was nicht in Rituale erstarrt ist.
Weihnachten bringt diese Spannung in eine eigenartige Harmonie. Es ist der Abend, an dem man die Sticheleien eines Jahres nicht leugnet, aber als Geschichte ablegt. Nicht als Lüge, sondern als Entscheidung. Wärme. Besinnlichkeit. Freude. Beisammensein. Frieden, soweit Menschen ihn herstellen können. Je mehr Lichterglanz, desto besser. Nicht, weil Licht die Realität ändert, sondern weil Licht eine Haltung ist. Eine kleine, trotzige Behauptung gegen die Kälte.
Ich bin damit aufgewachsen, dass man Weihnachten tradiert begeht. Kein ironischer Minimalismus. Keine dünne Dekoration, die sich schämt, sichtbar zu sein. Kerzen. Tannenduft. Musik, die den Raum füllt, nicht als Hintergrund, sondern als Gegenwart. Und ja, Heiligabend gehört Beethovens 9. Symphonie d-moll op. 125 für mich zum Standardrepertoire. Nicht als bürgerliches Museum, sondern als Bekenntnis, das in die Wohnung dringt wie ein mächtiger Atemzug.
„Alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt.“
Ich weiss, wie oft dieser Satz missbraucht wurde, bis er wie ein naives Poster klingt. Ich weiss auch, wie leicht man ihn als Kitsch abtun kann, wenn man die Welt nüchtern betrachtet und sich dabei nicht belügt. Und dennoch: Genau weil die Welt kalt ist, brauche ich diesen Satz nicht als Beschreibung, sondern als Richtung. Als Anspruch an mich selbst, nicht an die Masse. Der sanfte Flügel weilt nicht automatisch. Man muss ihn in sich dulden. Man muss ihn schützen. Man muss ihn gegen die eigenen dunklen Reflexe verteidigen.
Dass ich katholisch bin, passt dazu in einer Weise, die viele nicht mehr verstehen, weil sie Religion nur noch als Karikatur kennen: als Machtinstrument oder als Märchenbuch. Für mich ist sie auch Erinnerung an eine moralische Grammatik, die sich nicht nach Stimmung richtet. Eine Grammatik, die mir gerade dann Grenzen setzt, wenn ich innerlich gern Grenzen sprengen würde. Und das ist kein Nachteil. Es ist ein Schutz.
Meine humanistische Erziehung hat das ergänzt, manchmal korrigiert, oft geschärft. Sie hat mir beigebracht, dass Würde nicht bloss ein schönes Wort ist, sondern ein Widerstand gegen Entmenschlichung, auch dort, wo man Entmenschlichung emotional für gerechtfertigt hält. Sie hat mir beigebracht, dass man Institutionen braucht, weil der Mensch sich selbst nicht trauen kann. Und dass man diese Institutionen zugleich begrenzen muss, weil der Mensch sich in Institutionen ebenso wenig trauen kann.
Ein Teil dieser Erziehung kam von meinen Eltern. Nicht als moralische Predigt, sondern als Lebensart. Nach vorne schauen. Nie kapitulieren. Never surrender, never ever. Nicht als amerikanische Pose, sondern als simple Grundhaltung: Wer fällt, steht auf. Wer scheitert, lernt. Wer verletzt wird, heilt, soweit es geht, und lässt sich nicht in Zynismus einfrieren. Und ja: Jeder Mensch verfügt über so viel Macht, nur die wenigsten begreifen es. Meine Eltern haben mir das nicht mit Powerpoint erklärt. Sie haben es gelebt. Indem sie Verantwortung nicht delegierten. Indem sie nicht in Ausreden investierten, sondern in Handlungen.
Manchmal liegt in Kinderreimen mehr Wahrheit als in tausend Leitartikeln. Und an Weihnachten darf man das sagen, ohne sich dafür zu schämen. Ich will es sogar sagen, weil es mich an Dankbarkeit bindet, an das Fundament, an die schlichte Pflicht zur Ehrfurcht gegenüber denen, die lange, lange schon für einen sorgen, ohne dass man es verdient hätte.
„Welch ein schöner Tag ist morgen!
Neue Freude hoffen wir.
Unsre guten Eltern sorgen
Lange, lange schon dafür.
O gewiss, wer sie nicht ehrt,
Ist der ganzen Lust nicht werth“
Solche Zeilen wirken heute wie aus einer anderen Galaxie, weil man Respekt inzwischen gern als Unterwerfung missversteht, und Unterwerfung als Respekt verkauft. Das eine ist Würde, das andere ist Kniefall. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass Dankbarkeit keine Schwäche ist. Sie ist ein Gedächtnis. Und ein Gedächtnis ist eine Form von Frieden.
Trotzdem darf Weihnachten nicht zur Flucht werden. Wer Heiligabend nur als Betäubung nutzt, wird am 26. Dezember wieder von der Welt erschlagen. Weihnachten ist keine Narkose. Es ist eine Gelegenheit, die innere Ordnung zu prüfen. Wer Frieden will, muss wissen, woraus Unfrieden entsteht.
Frieden entsteht durch starke Persönlichkeiten; jeder Tor wird sich für den Krieg einsetzen.
Dieser Satz klingt wie eine Provokation, weil die moderne Moral gern behauptet, Frieden sei bloss eine Absicht. Frieden ist aber selten bloss Absicht. Frieden ist Arbeit. Frieden ist Selbstführung. Frieden ist Fähigkeit zur Begrenzung. Wer sich selbst nicht regieren kann, wird regiert, von den Lauten, den Bequemen, den Fanatischen. Und wer keine Grenzen kennt, verwechselt Harmonie mit Kapitulation, bis die Realität ihn eines Tages brutal weckt.
Es ist eine Tragödie für jeden gefallenen Soldaten und jede geschundene Seele, und zugleich eine Farce, dass Menschen sich im Angesicht des Rückfalls in den Naturzustand nicht selbst aus ihren Fesseln befreien. Der Rückfall in den Naturzustand ist nichts Romantisches. Es ist nicht Lagerfeuer und Wolfsgeheul. Es ist brutale Physik. Es ist Gewalt. Es ist Angst. Es ist das Ende der zivilisierten Illusion, dass Regeln von allein gelten.
Und dennoch: Selbst dort, wo die Gefahr sichtbar wird, klammern sich viele an Rituale, an Parolen, an Ersatzreligionen, an Feindbilder. Sie lieben die Wärme der Gruppe, selbst wenn die Gruppe den Abgrund ansteuert. Sie verachten den, der fragt. Sie hassen den, der zweifelt. Denken wird Verrat, Zweifel wird Sünde, Mitlaufen wird Tugend. Ich höre meinen Ankertext wie eine Glocke, die im Nebel schlägt, nicht um zu belehren, sondern um zu erinnern.
Denn der Mensch sucht Erlösung, weil er die Kälte nicht aushält. Das ist menschlich. Der Fehler beginnt dort, wo Erlösung zu einer Lizenz wird, die eigene Mündigkeit abzugeben. Der Staat wird dann zur metaphysischen Ersatzmutter. Autorität wird angebetet. Amtsträger werden zu Priestern. Kritik wird Sakrileg. Und wer sich dem nicht beugt, gilt als böse, gefährlich, unsolidarisch, unrein. Der Stoff wechselt, das Muster bleibt.
Die Menschen im Jahr 2026 brauchen mehr 1776. Und damit meine ich keinen Kult der Revolte, keine Pose, keinen Lärm, keine Gewaltromantik. Gemeint ist 1776 als Chiffre für politische Mündigkeit und konstitutionelle Selbstbehauptung, für das Nüchterne, das Harte, das Unaufgeregte: ein Gemeinwesen, das seine Machtquellen kennt, seine Institutionen begrenzt, seine Amtsträger kontrolliert, seine Rechte nicht erbettelt, sondern lebt.
Mehr 1776 heisst: der Mut, den Staat als Dienstleister zu begreifen und nicht als metaphysische Ersatzmutter; die Fähigkeit, Autorität zu respektieren, ohne sie anzubeten; die Bereitschaft, Konflikte mit Recht, Verfahren und Öffentlichkeit auszutragen, statt mit Tribalglauben und moralischen Bannflüchen. Es heisst Gewaltenteilung im Kopf, nicht nur im Gesetzblatt. Es heisst Transparenzforderungen, Akten, Protokolle, Fristen, Rechtsmittel, Öffentlichkeit, Verantwortlichkeit, und die nüchterne Einsicht, dass Freiheit nicht aus guten Absichten besteht, sondern aus Grenzen, Checks, und dem zähen Handwerk der Kontrolle.
Mehr 1776 heisst am Ende auch: Selbstführung. Innere Souveränität. Zivilcourage ohne Theater. Wer Frieden will, muss zuerst sich selbst regieren können, sonst wird er regiert, von den Lauten, den Bequemen, den Fanatischen.
Dieser Abschnitt ist keine amerikanische Folklore und kein Exportartikel. Er ist eine Diagnose. Ein Gemeinwesen, das seine Machtquellen nicht kennt, wird von denen benutzt, die sie kennen. Ein Bürger, der seine Rechte nicht lebt, wird sie verlieren, nicht weil jemand besonders genial wäre, sondern weil Verzicht wie Rost ist: Er frisst sich leise durch Metall, bis es bricht.
Ich schreibe das in der Ich-Form, weil es sonst wieder zu billig wird. Es ist immer einfach, über die Masse zu schimpfen. Es ist viel schwieriger, sich selbst anzuschauen. Wo habe ich mitgemacht, obwohl ich es besser wusste. Wo habe ich geschwiegen, weil der Preis unangenehm gewesen wäre. Wo habe ich mir den Frieden erkauft, indem ich ein Stück Wahrheit preisgab. Wo habe ich geglaubt, die Welt sei so kompliziert, dass meine Stimme ohnehin nichts ändere.
Genau dort sitzt die selbstverschuldete Machtlosigkeit. Nicht in der grossen Politik. Nicht in den lauten Figuren. Sondern im Alltag, in der kleinen Feigheit, die sich als Pragmatismus tarnt. In der kleinen Bequemlichkeit, die sich als Realismus ausgibt. In der kleinen Lüge, die man sich als Höflichkeit verkauft.
Es gibt eine Sorte Mensch, die glaubt, Frieden bestehe aus Harmonie und Harmonie bestehe aus Schweigen. Das ist eine gefährliche Verwechslung. Frieden ist nicht die Abwesenheit von Konflikt. Frieden ist die Fähigkeit, Konflikt zu tragen, ohne zu entmenschlichen. Frieden ist Verfahren. Frieden ist Sprache. Frieden ist Öffentlichkeit. Frieden ist die harte Disziplin, den Gegner nicht zum Feind zu erklären, solange er kein Feind ist, und ihn selbst dann nicht zu entmenschlichen, wenn er sich wie ein Feind verhält. Wer das nicht schafft, wird früher oder später den Krieg moralisch aufladen, bis er sich wie Frieden anfühlt.
Und dann stehen Menschen wieder da, wie sie immer standen, wenn es dunkel wurde. Sie suchen Erlösung. Sie suchen eine Bad Bank für ihre Angst. Sie finden eine Erzählung. Sie finden eine Gruppe. Sie finden ein Ritual. Sie finden ein Feindbild. Und plötzlich fühlt sich das Denken schwer an und das Nachbeten leicht. Der Mensch liebt das Leichte. Der Mensch liebt das Eindeutige. Der Mensch liebt den Bann, weil der Bann ihn entlastet.
Dabei ist der Kosmos gleichgültig. Er vergibt keine Bonuspunkte für gute Absichten. Er belohnt keine Parolen. Er bestraft keine Heuchler, ausser durch deren eigene Konsequenzen. Die Wirklichkeit wiederholt jeden Tag still das Wunder, und wir entscheiden jeden Tag, ob wir dieses Wunder achten oder zertreten.
Heiligabend ist der Abend, an dem ich dieses Wunder besonders deutlich spüre. Nicht, weil der Tag magisch wäre. Sondern weil ich mir erlaube, still zu sein. Still genug, um das Unwahrscheinliche zu sehen. Die Nähe. Die Wärme. Ein Tisch. Ein Raum, in dem nicht gekämpft wird. Ein Moment, in dem sogar alte Sticheleien, alte Kränkungen, alte Spannungen wie ausgerollte, abgelegte Schals wirken. Nicht vergessen. Nicht gelogen. Abgelegt. Für einen Abend. Und wenn man es ernst meint, vielleicht für länger.
Ich weiss, wie fragil das ist. Ich weiss auch, wie schnell es wieder reisst, wenn der Alltag zurückkommt und jeder wieder recht haben will, statt wahrhaftig zu sein. Aber gerade weil es fragil ist, ist es kostbar. Und gerade weil es kostbar ist, muss man es schützen, nicht bloss fühlen.
Das ist der Punkt, an dem mein katholisches Herz und mein humanistischer Kopf nicht gegeneinander arbeiten, sondern sich gegenseitig disziplinieren. Das Herz will verzeihen, oft zu schnell. Der Kopf will begrenzen, oft zu hart. Beides braucht einander. Wer nur verzeiht, wird benutzt. Wer nur begrenzt, wird kalt. Wer nur glaubt, wird leichtgläubig. Wer nur denkt, wird zynisch. Menschlichkeit ist die Balance, die nicht als graue Unentschiedenheit daherkommt, sondern als anstrengende, bewusste Form von Würde.
Und ja, ich sehe die Farce. Ich sehe, wie Menschen Leben verachten, zerstören, zertreten, wie sie sogar für Zerstörung demonstrieren, wie sie in ekstatischer Verblendung imaginäre Gottheiten anbeten oder ihre säkularen Ersatzgötter, wie sie blind, infantil, naiv, kritiklos, devot, unterwürfig, jedem erstbesten Ideologen hinterherlaufen, ohne sich auch nur einmal ihres Verstandes zu bedienen. Ich sehe den Hass und den Neid auf freie Bürger, die sich keinem magischen Denken unterwerfen. Ich sehe es. Und es macht mich traurig.
Trotzdem schreibe ich nicht aus Resignation. Resignation ist auch ein Ritual. Ein bequemes. Es ist die elegante Art, nichts mehr zu riskieren. Wer behauptet, alles sei hoffnungslos, kann sich zurücklehnen und seine Verachtung pflegen wie eine Zimmerpflanze. Ich will das nicht. Nicht, weil ich naiv wäre. Sondern weil ich weiss, dass ein einzelner Mensch, der sich selbst regiert, mehr Wirkung hat, als er sich eingestehen will. Nicht durch Lautstärke. Durch Rückgrat. Durch Verlässlichkeit. Durch die nüchterne Bereitschaft, Akten zu verlangen, Protokolle zu lesen, Fristen zu setzen, Rechtsmittel zu nutzen, Öffentlichkeit zu schaffen. Durch die schlichte Weigerung, sich in den Bann des Tribalglaubens ziehen zu lassen. Durch die Würde, die daraus erwächst und gedeiht.
Der Frieden auf Erden, von dem man singt, ist kein Zustand, der vom Himmel fällt. Frieden ist ein Produkt. Ein Ergebnis von Grenzen und Checks, von Selbstführung und Verfahren, von innerer Souveränität und äusserer Kontrolle. Er entsteht, wenn genug Menschen aufhören, sich wie Kinder zu benehmen, die nach einer metaphysischen Ersatzmutter rufen, sobald es kalt wird. Er entsteht, wenn genug Menschen begreifen, dass Würde nicht nur ein Anspruch ist, sondern eine Pflicht.
Und das bringt mich zurück zur Musik. Beethoven, diese ungeheuerliche, zornige, strahlende Architektur aus Klang, ist für mich nicht Dekoration. Er ist eine Erinnerung daran, dass der Mensch fähig ist, über sich hinauszugehen, durch Cultur und Civilisation, durch Form. Nicht durch Parole, sondern durch Disziplin. Nicht durch Mitlaufen, sondern durch innere Arbeit. Wenn ich an Heiligabend die 9. Symphonie höre, höre ich nicht bloss das idealistische Versprechen. Ich höre den Kampf. Ich höre die Zumutung. Ich höre, dass Brüderlichkeit nicht aus Gefühl entsteht, sondern aus der Entscheidung, den anderen nicht zum Feind zu machen, auch wenn es leicht wäre.
Es ist vielleicht der grösste Trost, den ich mir an Weihnachten gönne: dass Menschlichkeit möglich ist, obwohl sie nicht automatisch ist. Dass Frieden möglich ist, obwohl der Mensch den Krieg in sich trägt. Dass Würde möglich ist, obwohl der Mensch die Entmenschlichung so verführerisch findet. Dass freie Bürger möglich sind, obwohl die Mehrheit gern geführt wird.
Und wenn ich dann an meine Eltern denke, an ihre Sorge, an ihre grundgütige, unerschütterliche, robuste Art, fortwährend nach vorne zu schauen, dann wird aus dem grossen kosmischen Gedanken wieder etwas Konkretes. Ein Tisch. Ein Raum. Ein Licht. Ein Lachen. Ein kurzer Moment, in dem das Universum zwar gleichgültig bleibt, aber das Leben, das sich seiner selbst bewusst wurde, sich nicht selbst verrät.
Ich will, dass Weihnachten so bleibt: Wärme, Besinnlichkeit, Freude, Beisammensein, Frieden. Die Sticheleien eines Jahres werden nicht geleugnet, aber als Geschichte abgelegt. Mutig und kraftvoll ins neue Jahr. Und ja, je mehr Lichterglanz, desto besser. Licht ist keine Flucht, solange es aus Haltung kommt.
Wer sich am 24. Dezember den Frieden nur vorspielt, wird am 26. Dezember wieder in die alten Muster kippen. Wer sich am 24. Dezember aber daran erinnert, dass Freiheit aus Grenzen besteht, dass Menschlichkeit aus Selbstführung entsteht, dass Macht im Aggregat bei den Bürgern liegt, dass Nichtmitmachen eine reale Option ist, der hat zumindest einen Anfang gemacht. Nicht gross. Nicht heroisch. „That’s one small step for a man – one giant leap for mankind.“
Und weil Weihnachten auch ein Fest der Worte ist, nicht nur der Kerzen, will ich es nicht verschweigen, was ich jedem, der mir nah ist, von Herzen wünsche –
Frohe, Gesegnete, Besinnliche, Friedliche und Freudenvolle Weihnachten.
„Küsse gab sie u n s und R e b e n , einen Freund, geprüft im Tod.“
