Kaum jemand in Europa will es hören, aber aus Washington liegt inzwischen schwarz auf weiss vor, was viele von uns seit Jahren wissen: die alte Welt brennt lichterloh, und die neue amerikanische Regierung hat das in ihrer National Security Strategy 2025 gnadenlos klar formuliert. Das Dokument spricht von souveränen Nationen, nicht von fliessenden Kompetenzwolken in Brüssel. Es spricht von offenen Debatten, nicht von Zensurregimen im Tarnanzug des „Schutzes der Demokratie“. Es spricht von Leistung und Kompetenz als Grundlage von Sicherheit, nicht von DEI und Quote als Ersatzreligion.
In dieser Strategie findet sich ein expliziter Passus, der Europa das freundlichste aller unfreundlichen Urteile ausstellt: Die USA wollen den Kontinent bei Freiheit und Sicherheit stützen, aber sie verlangen, dass Europa seine zivilisatorische Selbstgewissheit und seine westliche Identität wiederfindet. Das ist höchst höflich formuliert, aber in der Sache brutal: man traut uns nicht mehr über den Weg und hält uns (zurecht) für eine Kultur, die sich selbst, mit Wonne, demontiert, zerstrört und umvolken lässt bis zum totalen Untergang. Gleichzeitig kündigt dasselbe Papier an, man werde elitegetriebene, antidemokratische Einschränkungen von Kernfreiheiten in Europa, der Anglosphäre und dem restlichen, angeblich demokratischen Westen politisch bekämpfen.
Wer den Text aufmerksam liest, stellt fest, dass dort nicht nur von Panzern, Pipelines und Pazifik die Rede ist, sondern in bemerkenswerter Schärfe von Zensur, transnationalen Organisationen und dem Versuch fremder Akteure, den amerikanischen Diskurs zu steuern, amerikanische Bürger zum Schweigen zu bringen und ganze Gesellschaften über supranationale Gremien umzuprogrammieren. Die Strategie stellt klar, dass die Vereinigten Staaten ihre Souveränität gegen genau diese „souveränitätsaushöhlenden“ Strukturen verteidigen wollen, und das schliesst die grossen NGOs, Teile des UN-Universums und die EU-Apparate ein, soweit sie sich in amerikanische Grundrechte einzumischen versuchen.
Inmitten dieses strategischen Panoramas steht mein eigener Fall wie eine Fussnote, die in Wahrheit eine Fussnote zur gesamten europäischen Misere geworden ist. Einerseits ein extrem spezifischer Vorgang: ein freiberuflicher Informatiker, eingebettet in den Google-Konzernkosmos, gemessen an internen Metriken unter den besten Performern im betreuten Markt, hundert Prozent Qualität, schwierige Kunden, multiple Länder, und zwar nicht für wenige Wochen, sondern über den gesamten Zeitraum. Andererseits das, was Popper eine Fallstudie der geschlossenen Gesellschaft nennen würde.
Begonnen hat alles nicht mit einer juristischen Auseinandersetzung, sondern mit einer Weigerung, sich dem grossen Corona-Heilsversprechen zu unterwerfen, das in Europa gleichzeitig Staatsdoktrin, Moralersatz und Eintrittskarte zu Grundrechten wurde. Wer Zweifel anmeldete, war nicht einfach anderer Meinung, sondern galt als Gesundheitsgefahr, als Feind der Gemeinschaft, kurz: als Ketzer. Ich habe mich geweigert, meinen Körper einem politisch aufgeladenen Impfzwang zu übereignen, und ich habe ebenso konsequent daran festgehalten, dass Arbeit nach Qualität und Leistung bewertet werden soll und nicht nach Quote, Identität oder emotionaler Befindlichkeit. In der europäischen Google-Peripherie war das ein unerträglicher Affront.
Die Reaktion folgte dem Handbuch der geschlossenen Gesellschaft: zuerst subtile Abwertung, moralische Etiketten, Verdrehung von Konflikten ins Persönliche, dann die administrative Keule. Statt Anerkennung für konsequente Qualität kamen Diffamierungen, Verdrehungen, Unterstellungen, bis zur offenen Existenzvernichtung: Vertragsbeendigung, offene Forderungen, Reputationseinbruch. Nicht, weil ich schlecht gearbeitet hätte, sondern weil ich mich geweigert habe, mich der neuen Orthodoxie zu unterwerfen.
Popper hätte das nicht überrascht. Eine offene Gesellschaft, so seine Diagnose, lebt von Kritik, von Widerspruch, von Menschen, die sagen: „Das hier stimmt nicht, und ich sage es laut.“ Eine geschlossene Gesellschaft hingegen reagiert allergisch auf genau diesen Typus Mensch. Sie braucht Konformität, moralische Erpressbarkeit und eine Mehrheit, die bereit ist, jede neue Dogmenrunde abzunicken. Nach meiner Einschätzung hat Europa diese Schwelle längst überschritten: deutlich mehr als siebzig Prozent der gesellschaftlichen und institutionellen Strukturen funktionieren inzwischen wie Bausteine einer geschlossenen Ordnung, in der Dissens nicht mehr als notwendiger Reibungsverlust toleriert, sondern als Delikt behandelt wird.
Der zweite Akt meines Falles spielt vor dem Arbeitsgericht Lissabon und passt erschreckend sauber in das, was die neue US-Strategie als „Nichtvollzug der eigenen Regeln“ bei angeblich befreundeten Staaten implizit anprangert. Ich habe im Mai 2023 Klage eingereicht. Seitdem: verschleppte Fristen, ein Gütetermin weit jenseits dessen, was das portugiesische Verfahrensrecht für eilbedürftige Arbeitsstreitigkeiten vorsieht, zwei Bussgelder gegen die Beklagte ohne spürbare Konsequenz, acht Pflichtanwälte, die entweder renunzieren oder praktisch nichts unternehmen, ein Richterwechsel ohne neue Dynamik, wiederholte und detaillierte Eingaben meinerseits an Gericht, Rechtsanwaltskammer und Justizrat, die im institutionellen Nirwana verdampfen. Im gleichen Zeitraum verliere ich Wohnung, Infrastruktur, wirtschaftliche Basis. Der Rechtsstaat ist formal anwesend, faktisch aber geschlossen.
Die National Security Strategy spricht an einer anderen Stelle aus, was das strukturell bedeutet: sie definiert Kompetenz und Meritokratie als zivilisatorischen Vorteil der USA und warnt, dass radikale Ideologien, welche Leistung durch Gruppenstatus ersetzen, die komplexen Systeme der modernen Gesellschaft zerstören, von Infrastruktur über Bildung bis zur Landesverteidigung. Genau das lässt sich in der europäischen Variante im Kleinen beobachten. Dort, wo Konzerne, Gerichte und Kammern eigentlich meritokratisch, regelgebunden und rational handeln sollten, herrschen inzwischen Angst vor Shitstorms, Quotenphilosophie und eine bemerkenswerte Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, ob Regeln tatsächlich angewandt werden.
Popper hat das Vokabular geliefert, das die Trump Administration nun auf geopolitische Ebene hebt. Was er als offene Gesellschaft beschrieb, wird in der NSS in eine harte Aussenpolitik übersetzt: Nationen sollen ihre eigene Souveränität verteidigen, transnationale Organisationen dürfen diese Souveränität nicht aushöhlen, und Versuche fremder Mächte oder Strukturen, amerikanische Debatten zu zensieren oder amerikanische Wahlen zu beeinflussen, werden als Angriff auf die Grundordnung der Republik definiert. Wo Popper sich noch mit philosophischem Vokabular begnügte, liest man heute im offiziellen Strategiepapier einer Grossmacht Klartext über Zensurregime, überschiessende Geheimdienstbefugnisse und internationale Gremien, die sich zu viel anmassen.
Europa erscheint in diesem Dokument wie ein alter Verwandter, dessen geistige Fähigkeiten sichtbar nachgelassen haben, den man aber aus familiärer Loyalität noch nicht fallen lässt. Man will die Freiheit Europas sichern, heisst es, aber man will gleichzeitig die „zivilisatorische Selbstsicherheit“ und „westliche Identität“ dieses Kontinents wiederherstellen helfen. Hinter dieser Formulierung steht ein unausgesprochenes Urteil: wir haben diese Selbstsicherheit verloren, wir schütten unsere kulturellen und geistigen Grundlagen mit einer Mischung aus Schuldrausch und technokratischem Wahn zu und ersetzen sie durch Verordnungen, Gremien, Leitlinien und moralische Kampagnen.
Mein Fall ist in dieser Logik kein aussergewöhnlicher Unfall, sondern eine Blaupause. Er zeigt, wie ein US-Konzern, eingewoben in den normativen Käfig der EU, zu einem Instrument der Unterdrückung genau jener Werte wird, mit denen er sich in Marketingfolien schmückt: offene Debatte, Diversität, „bringing your whole self to work“. In der Praxis bedeutet das für jemanden wie mich: offene Debatte ja, solange die Debatte zum gewünschten Ergebnis führt; Diversität ja, solange alle gleich denken; das ganze Selbst bitte nur dann, wenn es zur offiziellen Erzählung passt. Der Rest wird systemisch entsorgt.
Dass ich mit der Einschätzung, Europa sei bereits zu weiten Teilen in eine geschlossene Gesellschaft transformiert worden, nicht allein dastehe, zeigt sich ausgerechnet in diesem amerikanischen Regierungsdokument. Dort wird angekündigt, man werde sich der „elitegetriebenen, antidemokratischen Beschränkungen zentraler Freiheitsrechte in Europa“ politisch entgegenstellen, nicht aus Altruismus, sondern weil eine ausgehöhlte, autoritär werdende EU ein Sicherheitsrisiko darstellt, kein Stabilitätsanker. Wer das liest und noch immer behauptet, es handle sich bei der Kritik an Brüssel, Strassburg und den angeschlossenen Kulturmaschinen um Spinnerei frustrierter Aussenseiter, hat entweder das Dokument nicht verstanden oder gehört selbst zu genau jenem Milieu, von dem dort die Rede ist.
Der Titel „Vom Untergang der alten Welt“ ist deshalb kein apokalyptischer Effekt, sondern eine sachliche Beschreibung dessen, was gerade geschieht. Die alte Welt, das war ein Europa, das nach 1945 über Jahrzehnte Freiheitsrechte, Wohlstand und Rechtsstaatlichkeit zumindest halbwegs ernst genommen hat, lächerliche Ausnahmen eingerechnet. Die neue Variante ist ein Kontinent, der sich in permanente Ausnahmezustände verliebt hat, in Notverordnungen, Krisenrhetorik, im Zweifel immer ein bisschen mehr Überwachung, ein bisschen weniger Meinungsvielfalt, ein bisschen mehr „Hate Speech“-Bekämpfung, ein bisschen weniger Zumutbarkeit von Dissens. Die Bevölkerung reagiert darauf nicht mit Widerstand, sondern mehrheitlich mit Müdigkeit, Flucht in Privatmythen und einer erstaunlichen Bereitschaft, jede weitere Drehung an der Schraube als unausweichlich hinzunehmen.
Besonders bitter wirkt das aus meiner Perspektive, weil ich mich im Kern weit amerikanischer fühle als ein grosser Teil meiner eigenen Landsleute. Das betrifft nicht Fastfood, Flaggenkult oder Hollywood, sondern die triviale, in Europa inzwischen fast exzentrisch wirkende Selbstverständlichkeit, dass individuelle Freiheit, Eigentum, Rede und Rechtsmittel nicht verhandelbare Eckpfeiler sind. Die amerikanische Revolution von 1776 war im Kern der Versuch, eine offene Gesellschaft institutionell zu bauen, mit Checks and Balances, Gewaltenteilung, konstitutionellen Schranken, damit Regierungen nicht wieder zu Höfen und ihre Bürger nicht wieder zu Untertanen werden. In der 2025er National Security Strategy liest man diesen Geist, durchaus pathetisch, aber ernsthaft. In Brüssel liest man stattdessen Amtsdeutsch +ber „Resilienz“, „Desinformation“, „gesundheitliche Sicherheit“ und „klimabezogene Gerechtigkeit“.
Mein kleiner Prozess vor einem portugiesischen Arbeitsgericht ist auf dieser Zeitskala ein Staubkorn. Dass ich ihn trotzdem weiterführe, trotz Verlusten, Schikanen, institutioneller Eiszeit, hängt nicht mit einem naiven Vertrauen auf die Rettungsfähigkeit dieses Systems zusammen, sondern mit einer sehr einfachen Einsicht: wer nicht kämpft, der hat bereits verloren. Die alte Welt geht unter, aber sie soll sich wenigstens nicht einreden können, niemand habe widersprochen. Und wenn die neue US-Strategie meine Erfahrung als eine von vielen Fallstudien nutzen kann, um deutlich zu machen, wie weit der Zerfall im europäischen Kern bereits fortgeschritten ist, dann hat dieser Kampf wenigstens analytischen Wert.
Der Rest wird die Geschichte erledigen. Entweder gelingt es den Vereinigten Staaten, ihre eigene offene Gesellschaft gegen aussenpolitische Versuchungen und innenpolitische Hysterien zu behaupten, und aus dieser Position heraus das westliche Projekt zu erneuern. Oder die neue Welt folgt der alten in den gleichen Abgrund aus Komfort, Feigheit, bürokratischer Hybris und moralischer Selbstüberhöhung. In beiden Szenarien bleibt eines unveränderlich: Menschen wie ich werden weiter darauf bestehen, dass Freiheit ein kategorischer Anspruch ist und kein Gnadenakt von Kommissionen, Konzerngremien oder Gerichten.
